Beitrags-Archiv für die Kategory 'High Life'

Prima Donna

Tuesday, 21. February 2012 22:10

Sonst heißt es ja meistens “please don’t …” oder “you can’t”. Aber hier fallen die Worte “strictly” und “prohibited”. Nein, ich habe keinen Ausflug ins Atomkraftwerk gemacht, ich sitze in der Oper. Diesmal nicht in der Met, sondern im Howard Gilman Opera House der Brooklyn Academy of Music (BAM), wo die derzeit heimatlose New York City Opera an diesem Abend gastiert. Und dort drinnen darf man nicht fotografieren. Was sehr schade ist, weil allein das Bühnenbild von Rufus Wainwrights Operndebüt “Prima Donna” sehenswert ist.

Ich kann natürlich auch nicht den Gesang meiner neuen Lieblingssängerin aufnehmen (Kathryn Guthrie Demos in der Nebenrolle der Marie). Oder den Applaus. Oder die aufbrandenden Rufe, als zum Schluss tatsächlich noch Rufus Wainwright auf die Bühne kommt, mit Glitzerbrosche und Schuhen, die ich ihm gerne sofort abkaufen möchte. Aber all diese Leute wohnen ja nicht auf der Bühne. Und schon auf dem Hinweg bin ich zufällig am Bühneneingang vorbeigekommen, da stand kein Verboten-Schild, auf dem Rückweg auch kein Wächer der Kameras. Wer das nun ist, der da vorbeieilt, als ich nach der Vorstellung zur U-Bahn gehe, überlasse ich der Fantasie.

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Bruchrechnen mit dem Lügenbaron

Tuesday, 7. February 2012 19:40

Die Vortragsserie “Adult Education” (Erwachsenenbildung) erfordert gleichzeitig Erwachsenenhirne und Kinderseelen. Denn auf der einen Seite sind die Kurzvorträge meist sehr intelligent aufgebaut. Auf der anderen Seite enthalten sie eine gute Portion dessen, was der eine Lügenmärchen und der andere dramatische Zuspitzung nennen mag. Ich nenne es großen Spaß. Für mich wird es manchmal zum Rätselraten, an welcher Stelle ein Vortrag die Grenze zum Reich der Fantasie überschreitet, weil ich nun einmal nicht mein ganzes Leben in diesem Land verbracht habe und mir manches Allgemeinwissen fehlt – von Popkultur bis Geschichte.

Drew Dernavich arbeitet als Zeichner für den New Yorker. Heute erzählt er eine exzellent gedrechselte Geschichte über Herkunft und aktuellen Stand der Gospelmusik, und ein Teil davon dreht sich um die Drei-Fünftel-Klausel in der amerikanischen Verfassung. Die Gründungsväter verwendeten sie für die Wertung (bei Volkszählungen, Steuern, Wahlen) der Menschen, die im einen Teil des Landes Sklaven bleiben sollten und im anderen nicht. “Aber das”, so Drew, “waren nicht die einzigen.” Die Gründungsväter hätten viele Leute auf dem Kieker gehabt. Als erstes zeigt er dazu das Bild eines Hessen, der 4/5 zählte. Und längst nicht nur die Herkunft führt zur Bruchrechnung, sondern auch die Einstellung.

Von da geht es über Star Trek und Led Zeppelin zur Pointe, die erklärt, warum – wiederum mit einer Drei-Fünftel-Klausel – Rap die Gospelmusik der Gegenwart ist. Das ist natürlich alles Quatsch, aber in diesem Folgerungspaket stecken viele Funken für Synapsenfeuer.

Und die Drei-Fünftel-Klausel gab es wirklich.

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Abschlepp-Spruch

Monday, 6. February 2012 20:38

Es heißt ja immer, New Yorker seien so unfreundlich. Das stimmt aber doch gar nicht. Man muss nur mithalten können. Mit ihrem Humor, mit ihrem Tempo, mit dem kleinen Zeitfenster zwischen dem einen Job und dem nächsten. Und sich vielleicht nicht gar so oft bei immer denselben Dingen schrecklich blöde anstellen. Und nicht ständig im Weg stehen, wenn New Yorker und ihre Zeitfenster auf räumliche Dimensionen treffen. Einen freundlichen Spruch könne man aber doch jederzeit wenigstens hinterherrufen? Klar, das sehen die hart arbeitenden Menschen in dieser Werkstatt ein. Bittesehr:

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Zurück in die Zukunft mit Occupy

Saturday, 4. February 2012 22:52

Nein, Occupy Wall Street hat sich in New York nicht verlaufen. Zwar scheinen sich die Vorhersagen zu bestätigen, dass der Winter eine Zeit des Sammelns für die Bewegung wird, aber das heißt nicht, dass hier nichts passiert. Eine richtig große Veranstaltung ist für Mai geplant, ungewöhnlich weit in die Zukunft. Aber in der Zwischenzeit werden hier ohne großen Medienauflauf zum Beispiel Häuser besetzt. Nicht das aus diesem Bild hier. Aber es gibt eben auch eine Menge Sympathisanten.

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Tagessuppe a la Lower East Side

Monday, 30. January 2012 23:50

Die Tagessuppe in diesem Etablissement mag vielleicht etwas dünn ausfallen. Aber für Kalorienzähler ist sie doch nicht geeignet. Es sei denn, die wollen zählen – und können das nachher auch noch.

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New York liest!

Wednesday, 25. January 2012 20:26

Da sitzen sie und schauen dem entgegen, was sie als Beweis dafür werten, dass all diese vermeintlichen Experten falsch liegen: Kurze Texte sind nämlich nicht das Einzige, was überhaupt noch gelesen wird.

Der Chefredakteur des New York Magazine hat zu “Behind the Longreads” drei seiner Autoren mitgebracht: Wesley Yang, Jessica Pressler und Dan P. Lee sprechen über die Entstehung ihrer Long Reads – das sind sehr lange Geschichten, die aber eben keine Märchen, sondern Sachgeschichten sind. Und die wie hulle gelesen werden. Selbst die Aussicht, mehr über die Geschichten zu erfahren, zieht die Leute an: Es ist rappelvoll.

Wesley Yang macht aus seiner Geschichte jetzt ein Buch. Zum Schluss fragt jemand, wann denn so ein Punkt käme, wie man entschiede, dass da ein ganzes Buch drin stecke. Ganz einfach, sagt Yang: Er habe 50.000 Worte geschrieben, aber nur (!) 10.000 wurden gedruckt.

Ich bleibe jetzt mal bei 150 Worten. Ich will noch etwas lesen.

 

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Wo der Frack sich dem Pinguin annähert

Thursday, 19. January 2012 19:43

Das sieht nach typisch New York aus: Irgendeiner ist immer zu gut angezogen, irgendeiner ist immer zu exzentrisch, und manches Mal ist es ein und dieselbe Person. Aber der Mann ist kein Einzelfall.

Diese Leute sind nicht etwa für eine Fotosession aufs Glatteis geführt worden. Auch wenn sie gutes Bildmaterial abgeben. Sie sind dem Aufruf der New York Winter Society nachgekommen und haben sich für den Ice Ball in Schale geworfen. Einen Ballsaal gibt es nicht. Man kommt einfach in repräsentativer Kleidung zur verabredeten Zeit zur einzigen (meines Wissens nach jedenfalls) Gratis-Eislaufbahn in New York.

Und so ziehen sie zwischen ganz normalen Schlittschuhläufern ihre Runden und sehen so fabelhaft aus, dass selbst die Jungs sich zurücknehmen, die hier am Citi Pond im Bryant Park sonst so gerne mit ihren unvermittelten Seitenschwüngen und Vollbremsungen Eindruck schinden.

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Puppenspielertricks

Tuesday, 17. January 2012 18:52

Graf Zahl ist nicht da. Die Sesamstraße hatte ich ja auch gar nicht erwartet, aber Puppen – schon.

Den Titel der Veranstaltung finde ich ärgerlich irreführend: Fireside Puppet Chats. In der Reihe, die die Puppenspielerin Kate Brehm organisiert, steht heute Mathematik auf dem Programm, und ich dachte, so etwas mit Puppen umgesetzt, das wäre doch was für mich. Aber es gibt weder einen Kamin noch Puppen, nur Puppenspieler. Am Ende lerne ich aber doch noch etwas: Man kann an einer Hand bis 31 zählen. Wenn man das Dualsystem verwendet. Kate macht es vor, hat diesen Fakt und die dazugehörigen Handzeichen aber nicht in ihrem Beruf gelernt, sondern von einem programmierenden Mitbewohner.

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So ein Zirkus!

Monday, 2. January 2012 21:21

Ausgehen ist teuer. Aber die ganzen Künstler müssen ja irgendwo üben, und weil die Konkurrenz in New York besonders groß und die Ellenbogen besonders gestählt sind, übt man hier eben vor Publikum. Und ich habe eine gewisse Vorliebe für “work in progress” entwickelt – solche Shows kosten wenig und erhöhen die Spannung (dünn ist die Grenze zwischen begeistert und entgeistert). Nur: Funktioniert das auch mit Varieté- und Zirkusnummern?

Gleich bei der ersten Nummer bei der “Open Stage Variety Hour” des Bindlestiff Family Cirkus wird mir angst und bange. Das liegt aber nur daran, dass die Show im herrlichen Dixon Place ausverkauft ist. Ich bin die Erste, die sie nicht mehr hineinlassen. Die Frau hinter mir ist zuversichtlich, dass da noch was geht. Und dann holen sie eben Stühle aus der Bar und stellen sie an die Seite der Bühne. Da sitze ich genau in der imaginären Schusslinie des Diabolo, mit dem Zirkusdirektor Keith Nelson spielt. Es geht ohne Unfall. Diesmal.

Das, so lerne ich schnell, ist Teil des Spaßes, wenn man kein Theater, sondern Artistik in unfertiger Fassung anschaut: Die Künstler spielen mit Missgeschicken und Unzulänglichkeiten. Ich glaube, schon in der Mitte der ersten Nummer habe ich rote Bäckchen wie mit fünf. Und weil ich ja seitlich auf der Bühne sitze, sehe ich auch, wie furchtbar anstrengend es ist, so zu tun, als beherrsche man seine Nummer nicht – und bräuchte einen Luftballon als Hebehilfe.

 

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Lärm machen wie in den 90ern

Saturday, 17. December 2011 19:13

Vor 20 Jahren hat sich Phil Kline etwas ausgedacht, das zum Dezember gehört und im Dezember gehört werden soll in den Straßen von New York. Seither gibt es jedes Jahr “Unsilent Night”. Wenn sie es erklären sollen, sagen manche: Ach, da muss man dabei gewesen sein. Aber das sind ja schlecht erzählte Geschichten, die so enden. Ich versuche es mal andersherum. Nämlich mit den entscheidenen Zutaten:

plus

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ungefähr gleich

Hat nicht funktioniert? Na, dann eben noch die Rechenregeln: Phil Kline hat vier elektonische Stücke komponiert, die gleichzeitig draußen abgespielt das ergeben, was ihm vorschwebte. Das machte er zu einer Zeit, als Menschen mit Knopf im Ohr noch pure Science Fiction waren. Deshalb verteilte er ein paar Stereorekorder mit Kassetten mit je einem dieser Stücke an ein paar Freunde, und die liefen dann mit ihm durch New York, bis das Stück zu Ende war. Das hat er wiederholt, sich damit mehr Freunde gemacht, und inzwischen gibt es “Unsilent Night” in vielen anderen Städten auch.

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Reklamehelden

Monday, 12. December 2011 20:32

Anonymität ist alles. Jedenfalls, wenn man so etwas tut wie Poster Boy. Dann zeigt man sein Gesicht nicht in der Öffentlichkeit, man verbreitet seine Telefonnummer nicht, verbreitet sogar die Ansicht, Poster Boy sei gar keine Person, sondern ein Kollektiv. Mit einer Klinge bewaffnet geht Poster Boy in den Untergrund und kämpft gegen das Böse. In der U-Bahn schlitzt Poster Boy – nein, nicht Menschen, sondern Werbeplakate auf. Und baut daraus neue. Zum Beispiel solche:

Poster Boys neueste Werke

“Wir haben das einfach aus Langeweile angefangen”, sagt er dazu lässig. Aber ehe er das sagt, hat er Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Er will ja schließlich nicht verhaftet werden. Also vereinbart er mit Jamie Hook, dem Veranstalter der Open City Dialogue-Serie, dass er sich via Skype zuschalten lässt. Und so schauen wir alle auf eine Leinwand, auf der abwechselnd Slides mit Fotos und Kurzvideos von Poster Boy-Werken zu sehen sind – und auf ein ruckeliges Skype-Videobild.

Durch die Maske ist Poster Boy schwer zu verstehen. Aber man gewöhnt sich dran, er beantwortet alle Fragen, und am Ende bekommt er ganz viel Applaus. Dann wird er weggeschaltet, wir klatschen noch mal, und die Veranstalter beginnen, die Leinwand abzubauen. Und siehe da: Dahinter hervor kommt Poster Boy. Und noch einer. Und niemand wird verhaftet.

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