Auf Pump

Immense Situationen versteht man ja oft am besten anhand der ganz kleinen Dinge. So geht mir das jetzt auch. Klar ist mir bekannt, wie das mit der Wirtschaftskrise vonstatten ging. Immobilienkredite an Leute, die sich gar kein Haus leisten können und so fort. Aber zumindest meiner Perspektive gibt es dieses gewisse Etwas von Realität, als ich mit X spreche, dessen Namen ich zu verschweigen versprach. Er arbeitet in der Autobranche. Und er beobachtet einen massiven Wechsel. Und er sieht den ganz neutral. Vor, sagen wir mal, 2008, sagt er, war das echt anders. Also nicht…

Des Kaisers neue Unterwäsche

Ich wasche schon ewig in Waschsalons, und ungefähr genauso oft höre ich die Frage: Hast du keine Angst, dass dir da einer deine Sachen klaut? Nein, habe ich nicht. Aber wann immer ich die Frage höre, wird mir für einen Moment ein bisschen flau. Das Gefühl wasche ich mir porentief sauber aus dem Pelz mit dem Gedanken, dass ich schon ewig in Waschsalons wasche und noch nie etwas weggekommen ist, weder bei mir noch bei sonst irgendwem. Bis jetzt. Ich will mich mit R.* treffen, er muss aber eben noch seine Wäsche fertigmachen. Was in…

Abschied in der Galerie

Die meisten Leute fangen an zu wispern, kaum dass sie ein Museum betreten haben. In einer Galerie ist es lockerer, aber auch hier gibt es nur eine gewisse Bandbreite an Verhaltensweisen. Dachte ich. Da sind die tiefsinnigen, ironischen oder angeberischen, halblauten Konversationen unter Kennern, die Hallos innerhalb dieser oder jener Szene, die ganz leicht unentspannten Gespräche mit der Künstlerin oder dem Künstler, manchmal schauen die Leute genervt oder geschockt drein, manchmal lacht tatsächlich jemand. Aber noch niemals habe ich erlebt, dass jemand weint. Bis jetzt. Die rumänische Künstlerin Ioana Nemes war Artist in Residence bei…

Heldenzwang

Es gibt Sachen, die mache ich einfach nicht. Promis um ein Autogramm bitten zum Beispiel. Oder mit ihnen für ein Foto posieren. Und jetzt höre ich mich sagen: „Darf ich ein Foto machen?“ Aber das ist etwas anderes. Erstens mache ich das ja nicht für mich, sondern für meine Blogleser. Und zweitens habe ich es hier nicht mit einem Superstar, sondern einem Superhelden zu tun. Life ist nicht verkleidet, er ist wirklich ein Superheld. Er verhindert keine Verbrechen (hat er auch schon gemacht, aber das ist sehr gefährlich und auch ideologisch gefährlich nahe an den…

Carnegie Hall: Volles Haus

Ihre Tochter war irgendwo da unten. Wo genau, kann sie nicht sagen. „Das hier war ein Platz, den ich mir leisten konnte“, sagt sie, und ich nicke wissend. Weiter unten geht man durch hübsche Türen, die einem das Gefühl geben, in die Familienloge einzutreten. Wir hingegen sitzen oben im Dressing Circle der Carnegie Hall, wo fast alle durch dieselbe Flügeltür hineinkommen, und wo die Platzanweiserin immer wieder bellt: Keine Fotos. Wir dürfen es zwar nicht dokumentieren, aber: Wir sitzen genau in der Mitte. „Ein Opernglas wäre nicht schlecht“, räumt die Frau ein. Sie hat ihre…

Moment mal: Dosenfutter

Früher vielleicht hat man zu abscheulichem Essen gesagt: Das schmeckt wie Hundefutter. Heute verkaufen zwei Damen in Red Hook Gourmet-Hundefutter, frisch zubereitet und nicht in Dosen, sondern in Gefriertüten feilgeboten. Mit ihrer Geschäftsidee sind sie ins Fernsehen gekommen, weil sie so vehement behaupten, ihr Hundefutter sei total gesund und lecker – so lecker, dass sie es diesen Monat täglich selbst essen werden. Vor laufender Kamera, damit das Internet endlich mal als Beweismittel durchgeht. Prompt hat gestern der Stream gestreikt. Aber jetzt geht’s. Man mag mir vorwerfen, dass ich ja bloß keine Hunde mag. Aber ich…

Wo Träume wahr werden

Beim ersten Mal dachte ich, das waren Kinder. Die ganze Straße war abgesperrt, und sie hatten Kreide verteilt, mit der die Kinder malen sollten. Ein paar Erwachsene taten das auch. Ich konnte doch nicht ahnen, dass einer von ihnen so was die ganze Zeit macht. Oder jemand den Mann kopiert, der überall in New York seine Botschaft hinterlässt. James de la Vega weiß, was er sagen will. Dass man seine Nachrichten in Manhattan kennt, liegt aber nicht etwa an großen, spektakulären Präsentationen; Kreide wäscht beim nächsten Schauer ab, Pappschilder machen es nicht viel länger, und…