Beitrags-Archiv für die Kategory 'Multikulti'

Krach für Drachen

Monday, 23. January 2012 12:25

Es mag ja ein wenig neblig sein in New York. Aber das hier ist kein Wetterphänomen. Das ist das sichtbare Gegenstück dessen, was ich höre.

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Es ist nämlich schon wieder Neujahr, diesmal in Chinatown. Eigentlich hat das natürlich schon um Mitternacht angefangen, aber in New York ist Privatgeböller verboten (es brennt auch so schon viel zu oft). Also machen sie das in einer offiziellen Zeremonie mitten am Tag, an dessen Ende ich lerne: Man sieht Feuerwerk auch im Hellen. Jedenfalls, wenn genug Nebel drumherum ist.

Die Chinesen haben das mit dem Feuerwerk genauso raus wie das mit der Idee, dass böse Geister sich mit ordentlich Krach verjagen lassen. Nur Drachen sollen davon nicht wegfliegen, die sind in China was Gutes, und dieses Jahr sowieso, es ist ein Drachenjahr.

Mehr neue Jahre?

Ende Dezember am Times Square.

Ende September vor der Synagoge.

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Die Stars von Spanish Harlem

Friday, 6. January 2012 11:14

Ich finde ja nicht, dass New York ein Schmelztiegel ist, und das finde ich auch gut so. Schließlich staune ich so gerne, und das passiert viel öfter, wenn Lebensstil und Kultur an jeder Ecke anders ausfallen. In den dicht gedrängten Parallelgesellschaften habe ich etwas entdeckt, das mich an Deutschland erinnert: Heute hatten so manche Kinder ihre blankgeputzten Schuhe in der Hoffnung aufgestellt, am Morgen Geschenke darin zu finden. Das habe ich früher zu Nikolaus gemacht, hier machen es viele hispanische Gemeinden am Dreikönigstag. Und in East Harlem (auch: Spanish Harlem oder El Barrio) halten sie zu diesem Anlass außerdem seit 35 Jahren eine Parade ab.

Genau, da kommen die Könige und bringen Gold, Weihrauch und Myrrhe mit. Weil es nun mal eine Parade ist, laufen auch ganz viele Grüppchen mit, fast alle mit Papierkronen geschmückt, und Musik machen sie auch. Von buchstäblich nur drei Königen kann also keine Rede sein. Man beachte das Schuhwerk dieser Herren:

Aber Könige hin, Könige her: Die bekommen hier zwar alle ordentlich Fußvolk, aber keine Polizeieskorte. Die ist den wahren Stars dieser Parade vorbehalten. Ich hatte Sorge, ich hätte sie verpasst, aber sie kommen erst zum Schluss. Also genauer gesagt fast ganz zum Schluss. Hinter ihnen laufen drei Männer von der Stadtreinigung mit riesengroßen grünen Mülleimern. Aber das wollen wir gar nicht so genau sehen, oder? Hier kommen die Stars:

 

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Babylon-Optik

Friday, 2. December 2011 12:02

In den meinungsstarken, inhaltsarmen Fernsehnachrichten taucht das Thema immer wieder auf: In manchen Gegenden New Yorks schreiben die Einwohner einfach in der Sprache, die sie verstehen. An ihren Geschäften stehen dann Dinge, die die Außenreporter nicht entziffern können. Das prangern sie an, und dann finden sie Leute, die in die Kamera sagen, es solle ein Gesetz geben, das englischsprachige Werbung vorschreibt. Manchmal dürfen ein paar Ladenbesitzer dann darüber klagen, wie viel Geld es sie kosten würde, die ganze Werbung neu machen zu lassen. Aber das Thema kommt jedes Mal wie ein Riesenskandal rüber. Als gäbe es keine Probleme in dieser Stadt. Ist doch klar, dass mein Blick hier hängen bleibt:

Wir verstehen uns doch, denke ich. Bis ich dem Mann hinter mir ins Gesicht blicke. Er ist total entgeistert, weil ich ein Foto mache.

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Die Jerusalem-Odessa-Connection

Saturday, 5. November 2011 16:26

Ich lande hier immer in demselben Laden. Dabei gibt es in meiner Fantasie hier irgendwo ein Café, in dem betagte, beringte Damen Torte essen, Tee aus dem Samowar schlürfen und zwischendurch einen Wodka kippen. Nur finde ich ihn nicht. Also gehe ich mal wieder in den Feinkostladen, in dessen oberer Etage die Torten auf mich warten und ein paar Tische stehen. Da sitze ich, trinke starken russischen Tee und esse italienischen Kuchen dazu und verfolge auf dem Fernseher einen Technicolor-Film mit zickigen Damen und einem lustigen Musikanten, den ich auch ohne Sprachkenntnisse verstehe.

Die anderen Tische füllen sich derweil. Da kommt noch ein älteres Paar. Er fragt mich, ob sie sich zu mir setzen dürften, ich sage: Na klar, aber dann brauchen Sie noch einen Stuhl. Darum kümmert er sich selbst, während sie schon am Tresen bestellt. Sie haben sich noch nicht hingesetzt, da ist mir schon klar: Das sind furchtbar nette Menschen. Sie machen mir als erstes klar, dass ich in ihren Augen ganz, ganz jung bin und dass es da keine Widerrede gibt. Sie kommen aus Israel, sagen sie, und schwärmen mir von Jerusalem vor. Ich entblöde mich, sie zu fragen, ob sie dort geboren und aufgewachsen sind – und in dem Moment fällt mir ein: Sie sind sicherlich älter als Israel. Sie übergehen das aber freundlich.

“Ich bin Asiatin”, sagt sie, und ich schaue irritiert auf ihr kurzes, gelocktes, rotes Haar und die blassen Sommersprossen. “Ich komme aus Kasachstan”, fügt sie hinzu. Eine Erdkundestunde bekomme ich also gleich noch dazu. Er kommt aus der Ukraine. Aber sie mögen russisches Essen.

Sie haben so lange in Israel gelebt … Ach, und Jerusalem. Ich bräuchte in Israel nirgendwo anders hinzureisen als nach Jerusalem. Ich erzähle ihnen, dass ich noch nie in Israel war, dass mir Bekannte aber schon öfter von Tel Aviv vorgeschwärmt haben.

“Ach, Tel Aviv”, winkt er ab. “Das ist wie jede andere Großstadt auch, da finden Sie nichts Besonderes.” Ich frage, was denn an Jerusalem so anders sei. Das Gefühl, sagen sie, schwer zu erklären. “Die Geschichte, die alten Häuser?”, frage ich. Aber das trifft es nicht, es sei die ganze Atmosphäre – “aber nicht einmal in religiöser Hinsicht”, sagt sie gleich dazu. Und das Licht. Das Licht sei einfach anders als sonstwo, einzigartig. Ganz klar, weil Jerusalem weit oben liegt, und dann seien ja auch die Häuser alle aus rosa Stein gebaut, etwas anderes gibt es da eben kaum, und das mache das Licht erst recht besonders.

Schließlich gibt mir der alte Herr seine Reiseweisheit mit auf den Weg. Als Physiker hat er die ganze Welt bereist. Wenn ich ihm irgendeinen Ort sagte, kenne er den vermutlich. Und sein Rat? “Vergessen Sie Tourismus”, sagt er. Besonders in New York. “Nach Paris wegen der Museen? Bleiben Sie in Manhattan, da haben Sie alles, was Sie sehen wollen. Nach Paris wegen der Boutiquen? Bleiben Sie in Manhattan. Das finden Sie heutzutage dort alles. Wenn Sie ein Künstler sind und unter fremde Menschen wollen und Sie das wirklich interessiert, dann reisen Sie nach Paris.”

Die beiden leben in Long Island, ihre Kinder und Enkelkinder wohnen in Brooklyn Heights. Sie haben eingekauft hier in Brighton Beach, das auch unter dem Namen “Little Odessa” bekannt ist. Es gibt ja alles hier, und so günstig. “Das hält wahrscheinlich für einen Monat vor”, sagt er mit einem Blick auf die Tüten, auf denen russische Schriftzeichen stehen. Sie schaut skeptisch. Nachdem wir einander ein schönes Wochenende gewünscht haben, mache ich mich auf den Weg. Ich bin in Versuchung, kleine Teigtaschen zu kaufen, aber ich finde nicht heraus, womit sie gefüllt sind. Am Ende kaufe ich Nutella – zwei Gläser für 5 Dollar sind ein Argument. Ich glaube, es stammt aus Polen. Dort versteht man, was ich seit Jahren predige: Haselnusscreme gehört nicht in den Kühlschrank.

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Die paar tausend Jahre!

Monday, 26. September 2011 12:46

Es gibt ja Leute, die ihr ganzes Dasein auf eine sehr ferne Zukunft ausrichten – jetzt leiden, später ernten oder so. Aber so ist das hier gar nicht gemeint. Nach jüdischer Zeitrechnung sind wir bereits 3760 Jahre weiter als gedacht. Trotzdem kommen die Wünsche an dieser New Yorker Synagoge etwas früh. Rosh Hashana beginnt doch erst am Donnerstag. Andererseits: In diesem Dimensionen kommt es auf ein paar Tage ja auch nicht mehr an.

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New York en masse 1: deutsch

Saturday, 17. September 2011 12:23

Da hat mal ein deutscher Freiherr im Unabhängigkeitskrieg den Helden markiert, dann kamen ganz viele Deutsche, um hier zu leben, und vor über 60 Jahren haben ein paar von denen gedacht: Tradition! Parade! Seither laufen jedes Jahr, egal, was die aktuelle Mode vorschreibt, im September sehr, sehr viele Lederhosen über die Fifth Avenue.

Auf der Steuben Parade fährt nicht nur ein Wagen entlang, der die deutsche Sprache feiert (und dessen Sponsoren sie gegen ein gewisses Entgelt lehren). Es gibt natürlich auch Live-Musik.

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Vieles hier ist von der Sehnsucht nach einer anderen Welt geprägt. Sie liegt irgendwo in der Vergangenheit. Oder besser gesagt, in den Teilen der Vergangenheit, die im Nachhinein hübsch aussehen.

Trabbi und Trachten. Und dann kommt ein Partywagen. Er gehört zu einem schicken Hotel, das es letztes Jahr sehr schick fand, sich einen eigenen Biergarten einzurichten. Hier treibt er so eine Art Straßen-Karaoke vor sich her.

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Dann zeigen sie sich in aller Pracht. Wenn Deutsche sich im Ausland so präsentieren, müssen sie sich über die Klischees nicht wundern.

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Lock-Angebote

Sunday, 3. July 2011 13:47

Von weitem sieht es so aus wie die anderen Märkte, die es im Sommer zuhauf gibt in New York. Aber das International African Arts Festival ist etwas Besonderes. Hier gibt es ganz viel, das ich nicht verstehe, so viel zu fragen. Umgekehrt aber viele Leute, die nicht unbedingt mich, aber  meine Frisur verstehen. Die wissen, wie lächerlich (und problematisch) herkömmliche Haargummis sind, wenn man eine ordentliche Masse Locks unterzubringen hat.

Und zwischen Bergen von Sheabutter und – aus welcher Mode auch immer entsprungen – Raw Food-Bottichen finde ich Sessel, die mich schwer beeindrucken. 700 Dollar für so was sind eigentlich ein Schnäppchen. Ich will gar keinen Sessel. Aber ich bleibe einen Tick zu lange stehen, als ich das Handwerk dahinter bewundere und überlege, wie viele Perlen es wohl für das Muster gebraucht hat.

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Konflikt-Komödie

Sunday, 5. June 2011 14:14

Das will ich haben, bloß weil ich weiß, dass du es haben willst – und deshalb schnapp ich’s mir. Mit dieser Denkweise haben Kriege angefangen. In “Saida” bringt diese Logik zwei Geheimdienstchefs (einer aus Palästina, einer aus Israel) dazu, alles Mögliche anzustellen, um die Hand einer schönen Tunesierin zu bekommen. Ein satirisches Zeichen dafür, dass New Yorker sich nicht immer nur um sich selbst drehen.

“Saida” von Tuvia Tenenbom, Jewish Theater of New York, bis 26.06. im Kraine Theater.

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Sprachkenntnisse

Monday, 18. April 2011 15:39

In fast jedem Reiseführer kommt der Strand Bookstore vor. Der ist ja auch ganz nett, aber es gibt so viele andere. Mancher davon hat sogar ganz spezielle Bücher im Angebot: Nur für die Küche zum Beispiel. Oder nur für die Bühne. Aber ich habe noch keinen entdeckt, der so freudig dies hier anbietet:

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Über den grünen Klee

Tuesday, 15. March 2011 16:33

In den nächsten Tagen stehen viele Feiertage an. Am Sonntag sind das jüdische Purim und das Hindufest Holi (oder Phagwah), dafür deckt man die Kinder schon mal langsam mit Rasseln repektive buntem Puder ein, jetzt mal so ganz schnell zusammengefasst. Aber erst einmal wird New York grün. Am Donnerstag ist St. Patrick’s Day, die Feiern dafür haben allerdings längst begonnen. Iren und Irlandbegeisterte und Partypeople laufen in Grün durch die Stadt, bereits vergangenes Wochenende gab es alkoholüberschwemmte Partys, und das wird jetzt nicht mehr besser. Dabei war das mal, wie der Name schon andeutet, ein religiöses Fest. Aber das war das, was in Deutschland unter Vatertag läuft, ja auch. Nur dass man hier zum St. Patrick’s Day viel, viel mehr Dekoration braucht.

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New York Babylon

Thursday, 10. March 2011 13:12

Einen entlegenen Winkel würde ich es nicht nennen. Aber Jackson Heights ist auch nicht gerade der Nachbar vom Times Square. Der Stadtteil liegt so einige Stationen in Queens hinein, ein Teil ist südamerikanisch, ein anderer Teil südasiatisch geprägt, und offenbar wohnen hier viele Menschen mit Augenproblemen, jedenfalls komme ich an so vielen Optikern vorbei, dass ich darüber nachdenke, dass meine Augen bestimmt schon wieder schlechter geworden sind. So traue ich eben jenen auch erst nicht, als ich in einen vollgestopften kleinen Schreibwarenladen trete:

Diese Wörterbücher sind eine Anschaffung fürs Leben – der Umtausch ist ausgeschlossen.

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