Beiträge vom September, 2010

Noch mehr Wind

Thursday, 30. September 2010 15:34

Heidi Cullen hat mal beim Weather Channel gearbeitet – als Klimaexpertin. Inzwischen arbeitet sie bei Climate Central. Die Organisation will in Sachen Klima eine Brücke zwischen Wissenschaftlern und Öffentlichkeit schlagen. Dazu passt Heidi Cullens Buch: “The Weather of the Future” entwickelt Szenarien, wie das Wetter in, sagen wir mal: 50 Jahren wird. Die Zeitperspektive bei den Vorhersagen sei der große Unterschied zwischen Meteorologen und Klimatologen, sagt sie in ihrem Vortrag an der Columbia University. Leider bleibt der Vortrag recht unkonkret. Vielleicht liegt das daran, dass an der Eliteuni eine Menge Experten im Publikum sitzen. Schließlich gehört das Earth Institute hierher, und zu dem wiederum gehört das Columbia Climate Center.

Hinten im Vortragsraum steht ein kleines Büffet. Die dreieckigen Brownies und die runden Kekse gehen schnell weg. Das Obst hingegen liegt auch nach dem Vortrag noch beinahe unberührt dort. Erdbeeren, denke ich, Ende September? Aber das ist natürlich völlig europäisch gedacht. Nicht die Jahreszeiten, sondern das Wetter, so habe ich gelernt, kann sehr stark bewirken, dass Menschen sich über die globale Erwärmung Gedanken machen. Als ich nach draußen trete, fegt der Wind Blätter über den Campus und feuchtwarme Luft in mein Gesicht. Wir haben schon wieder eine Sturmwarnung in New York. Und ich lerne, wie man Windstärke darstellen kann.

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Windige Verkaufsargumente

Wednesday, 29. September 2010 12:31

Sammy behagt mir nicht. Dabei sind die anderen alle so nett. Aber Sammy finde ich aufdringlicher als einen Hausierer. Ich wollte bloß wissen, wo die Windräder stehen, deren Energie man in New York kaufen kann. Aber Sammy will meine Unterschrift – wenn ich seinen Zettel unterschriebe, hätte ich ja den Windstrom noch nicht bestellt, da würde man in einem Monat auf mich zukommen, ich könnte es mir also noch mal überlegen. Ich habe den Verdacht, dass diese Wind-Ökos hier mit denselben Methoden arbeiten, wie ich es von Drückerkolonnen aus Deutschland kenne. Ich wende mich zum Gehen, als er mir weismachen will, dass ich nächsten Sommer sogar sparen werde, besonders wenn ich meine Klimaanlage benutze, weil sein Strompreis fix ist und der konventionelle Strom im Sommer immer teurer wird wegen der Netzüberlastung (eine interessante Vorstellung, die ich mal für eine Geschichte prüfen könnte) – und im Winter günstiger (ich verkneife mir den Kommentar, dass ich dann ja wohl besser bis Januar warte). Als er merkt, dass ich tatsächlich gehe, ruft er: “Im Ernst? Du willst weiterhin diesen ressourcenfressenden, abgasverursachenden Strom?”

Er ist eine Ausnahme. An den anderen Ständen von New Green City habe ich meine Freude. Zwei junge Männer klären bestens vorbereitet über das New Yorker Recycling auf – auch mit Marktargumenten. “Wir wollen ja die beste Qualität”, sagt einer von ihnen als Erklärung dafür, warum nicht jeder Plastikmüll und schon gar nicht dreckige Pappbecher in die Recyclingtonne darf. “Sonst verdient die Müllbehörde daran nichts.” Nebenan balanciert eine junge Frau auf einem Stuhl, um anschaulich zu zeigen, was es heißt, dass in New York pro Sekunde 22 Plastikflaschen weggeworfen werden – sie tastet sich gerade an die 40-Sekunden-Marke heran.

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Moment mal: Fluten

Monday, 27. September 2010 19:32

Die New Yorker U-Bahn ist gefährlich. Wenn es regnet jedenfalls. Es ist nämlich so: Da unten tropft es sowieso schon ohne Ende, deshalb plant man beim U-Bahn-Bau die Drainage ja gleich mit (und es geht das Gerücht, ohne Wartung wäre das komplette System in kürzester Zeit geflutet). Aber wenn es regnet, so wie es in New York oft regnet, nämlich heftig, entstehen in Nullkommanix Pfützen. Nicht nur auf den Bahnsteigen sammelt sich Wasser, sondern es warten auch erstaunlich tiefe Teiche auf den schiefgelaufenen Treppenabsätzen, und auf den Treppen selbst rauschen pittoreske Wasserfälle – neue Hindernisse im Gewimmel der Rush Hour. Ich sehe mich auf den nassen Treppen immer vor. Die Schuhe, die ich heute trage, kommen aber ganz woanders ins Schlingern: oben auf dem Gehsteig. Genauer gesagt auf den nassen Lüftungsgittern der U-Bahn.

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Junger Mann zum Mitreisen

Sunday, 26. September 2010 16:20

Schön ist es in DUMBO. Früher waren hier Lagerhäuser und Fabriken, in denen unter anderem Brillo Pads hergestellt wurde, die stahlwollenen, seifengetränkten Kratzbürsten, deren Verpackung in Europa vor allem durch Andy Warhol bekannt wurde. In dem Teil von Brooklyn, der am Ufer zwischen der Manhattan Bridge und der Brooklyn Bridge liegt (daher auch der Name: Down under the Manhattan Bridge Underpass), kauft man sich heutzutage ein Loft. Wenn die Kohle dazu nicht reicht, kann man hier auch Kunstbücher kaufen, Designermöbel und handgerührte Schokolade. Mittendrin steht schon wieder ein Baugerüst an einem Gebäude, in dem mal schwer gearbeitet wurde. Aber die Verkleidung ist nicht – wie in New York üblich – blau. Hier war Chris Stain am Werk.

Das hat er nicht einfach so gemacht. Die Non-Profit-Organisation No Longer Empty hat ihn zusammen mit einer Handvoll weiterer Künstler dazu eingeladen, sich für die Ausstellung “Watch This Space” mit dem Gebäude, seiner Geschichte und den Veränderungen in seiner Nachbarschaft zu beschäftigen.

Chris Stain erinnert ganz gern an vergessene Menschen. Und er fühlt sich in der Arbeiterklasse zu Hause. Mich überzeugt sein Slogan: “Have Paint. Will Travel.”

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Let them eat cake!

Saturday, 25. September 2010 23:44

Wie all die kleinen Kulturinitiativen muss sich Dixon Place etwas einfallen lassen. Dessen Macher brauchen ein Programm, ein Publikum, das sich dafür interessiert, und ordentlich Penunzen. Dixon Place hat sich spezialisiert auf brandneue Stücke und auf “work in progress” – Bühnenautoren, Performancekünstler und so weiter haben hier die Chance, Entwürfe vor Publikum zu inszenieren. Ich sehe heute “Hollow” von Stephanie Dodd – genauer gesagt: dessen ersten Akt. Es soll einmal ein Zweiakter werden. Hinterher frage ich Stephanie, wie es denn weitergeht. Sie sagt, so einiges seien ja erst mal nur Ideen, sie wolle auch an dem ersten Teil noch einmal arbeiten, und als sie gerade mit Hinweisen darauf anfängt, wie die Geschichte ausgehen könnte, schwappt eine Welle anderer Gäste herüber und spült sie von mir fort.

Da esse ich eben meinen Kuchen. Es ist nämlich so: Schon vor der Vorstellung hat eine Dixon Place-Mitarbeiterin angekündigt, dass es hinterher Kuchen gibt. Gratis. Und sehr lecker. Passt sogar zum Bier. Das Bier kostet Geld, und das gebe ich hier gerne aus. Schließlich war das die Idee der Theatermacher: Als sie an diesen Ort in der Lower East Side gezogen sind, mussten sie ihr Budget verdoppeln. Und vorne im Foyer war Platz. Also haben sie sich um eine Alkohollizenz bemüht, dort einen Tresen, ein paar Tische und ein Klavier hingestellt und sagen jetzt vor den Aufführungen so etwas wie: “Bitte trinken Sie noch etwas. Trinken Sie vor der Aufführung. Trinken Sie hinterher, sprechen Sie mit den Schauspielern, trinken Sie noch etwas zusammen. Oder kommen Sie her, wenn Sie sich gar kein Stück anschauen wollen.”

So löst man am Dixon Place die Budgetsorgen. Und ich dachte immer, Theaterleute haben ein Alkoholproblem.

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Klimawandel

Friday, 24. September 2010 21:55

Eigentlich war ich nur zu faul. Ich hatte längst vorgehabt, meine Schränke umzuräumen, Sommersachen einmotten, Wintersachen schon mal bereitlegen und mich über die so genannte Übergangszeit freuen, so lange sie hält. Ich hatte aber nur meine warme Bettdecke hervorgeholt und den Rest erst einmal liegen lassen. Die Straßenhändler und Flohmarktverkäufer können sich so etwas nicht leisten.

Und dann das: Plötzlich ist es heute noch mal Sommer, und ich finde mich nicht zurecht. Finde mich mutig, für den Abend das rückenfreie Shirt aus dem Schrank zu ziehen und greife schnell noch die Kapuzenjacke, die an der Stuhllehne baumelt. Draußen, so stelle ich fest, ist es zwar dunkel, es sind aber immer noch fast dreißig Grad, die U-Bahn hat sich sofort wieder auf Sommer umgestellt (unfassbare Schwüle unten an den Gleisen), meine Jacke stopfe ich in die (glücklicherweise große) Tasche. Die werde ich schon noch brauchen. Früher oder später steige ich schließlich in den Kühlraum, den man in Deutschland U-Bahn-Waggon nennen würde.

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Wissensvorsprung

Wednesday, 22. September 2010 16:30

Einen  Zeitungsschlitz habe ich hier noch in keiner Tür gesehen. Es gibt aber durchaus Leute, die ihre Zeitung nicht auf dem Weg zur Arbeit kaufen (was man übrigens auch vom Auto aus tun kann; an den Pendler-Knotenpunkten stehen frühmorgens Zeitungsverkäufer vor der Ampel). Manche Leute haben eine abonniert, und die liegt dann einfach vor der Tür. Und die kleinen Läden bekommen gleich einen ganzen Stapel vor die Tür gelegt. Aber auch an diesen Knotenpunkten gibt es Menschen, die zur rechten Zeit am rechten Ort sind – um Unrecht zu tun.

Der Zettel hängt übrigens an einem Geldautomaten.

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Mit Puppenaugen

Tuesday, 21. September 2010 13:57

Ich biege um die Kurve und denke kurz, dass sich ein Außerirdischer in die Büsche geschlagen hat. Es ist tatsächlich ein Lebewesen, aber irdischen Ursprungs. Auf Deutsch heißt es Christophskraut, aber das weiß ich noch nicht, als ich es erblicke. Hier erfahre ich, dass es Doll’s Eye (Puppenauge) genannt wird, und das erscheint mir passend. Kurz zuvor hatte ich eine ähnliche Begegnung:

So etwas findet sich in dem einen oder anderen Gemüseladen hier. Vor allem die Asiaten wissen, was damit zu tun ist. Ich habe noch nicht versucht, Bitter Gourd (Bittermelone) zu kochen. Und hier kann ich sie ja nicht einfach mitnehmen.

Also freue mich lieber an der Aussicht von Festland zu Festland. Es ist nämlich so: Nicht alles in der Bronx ist gefährlich. Riverdale etwa kommt ganz beschaulich rüber, und dort versteckt sich auch ein Park mit herrlicher Aussicht über den Hudson River: Wave Hill. Wo es außer Aussicht und Alien-Pflanzen auch ein kleines bisschen Wald und eine Galerie gibt und ein Café, auf dessen Terrasse ich mich hochherrschaftlich fühle (das Haus hat einmal George Walbridge Perkins gehört, der war vor über hundert Jahren Vizepräsident der New York Life Insurance Company und Partner bei Morgan).

Nur ein Problem trübt meine Fantasie: Mir fehlen noch zwei Dollar für den Rückweg. Ich habe zwar mehr als die beiden im Portemonnaie. Aber im Expressbus kann man nicht mit Scheinen, sondern nur mit Münzen zahlen (oder mit Metrocard), und ich habe mich entweder verzählt oder einen kleinen Stapel zu Hause vergessen.

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Moment mal: Déjà-vu

Monday, 20. September 2010 17:07

Ich laufe die Columbus Avenue auf der Upper West Side hoch und habe ein Déjà-vu. Ich sehe das überhaupt nur, weil der Kleine kläfft. Dabei sind die Hunde in New York ansonsten die entspanntesten, die ich kenne. Vielleicht sind sie ja alle taub.

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Aufschwung

Sunday, 19. September 2010 13:23

Fett oder fit. So könnte man New Yorker grob (ganz, ganz grob) einteilen. Viele gehen laufen. Dafür gibt es schöne Strecken, am Wasser entlang oder durch den Wald. Aber oft genug sehe ich, wie stoisch man auch durch die Straßen traben kann – oder auf einer Brücke. Tiefe Atemzüge vom vierspurigem Stau sparen vielleicht die Zigarette danach. Mindestens ebenso viele gehen in den Gym, also in den Fitnessclub oder, wenn sie entsprechend schick wohnen, in den hauseigenen Gymnastikraum. Der letzte Schrei ist eine Variante des Spinning (rasend schnell radeln, ohne voranzukommen) kombiniert mit Therabändern, an denen man so lange kräftig zieht, bis man seine Arme nicht mehr spürt.

Aber in New York kann man auch ganz andere Dinge tun, die Puls und Adrenalinspiegel in die Höhe treiben. Hoch hinaus muss man dafür allemal. Nach einer Vorübung an einer hochgehängten Schaukel darf man sich einschäkeln, die Leiter hochklettern, zwei neue Schäkel bekommen (mit denen man von unten gesichert wird), sich festhalten lassen, während man schon die Schaukel hält, und dann auf Kommando abstoßen, um darauf zu hören, welche Bewegungen einem vom Obertrainer unten auf dem Boden zugerufen werden. Der kann nämlich dafür sorgen, dass man relativ lange was davon hat.

Aber in der Trapeze School New York kriegt man ja mehr als einen Versuch. “Beim nächsten Mal”, sagt der Obertrainer, als jemand sich mit enttäuschter Miene aus dem Netz auf den Boden manövriert. “Wir haben noch eine Menge Zeit.” Da lernt mancher dann auch die Sache mit Händen, Füßen und Aufschwung.

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Piraten auf Rädern

Saturday, 18. September 2010 17:05

Auf Governors Island hängen merkwürdige Zeichen. Mehrere Kunst-Veranstaltungen laufen hier heute parallel. Aber damit haben die Zeichen nichts zu tun.

Eine der Hauptpersonen treffe ich auf der Fähre. Sie hat sich hübsch in ihr Gefährt drapiert. Und ihr Vater macht das Ganze würdevoll mit. Ein paar Stunden später ist dieser Teil der Gesellschaft wieder in Manhattan.

Chris und Allie haben nicht einfach nur geheiratet. Erstens stehen sie so sehr auf Fahrräder, dass auch die Gäste mit entsprechenden Fahrzeugen erscheinen beziehungsweise welche vom Fahrradverleih bekommen. Und alle zusammen drehen nach der Zeremonie eine Ehrenrunde um die kleinere, autofreie Insel. Und zweitens haben sie die Feier unter ein Motto gestellt. Es ist eine Piratenhochzeit.

Dazwischen steht die Zeremonie – durchgeführt von Reverend Billy, dem Vorsteher der Church of Life after Shopping. Und natürlich die fröhlichen Kapernfahrten.

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