Beiträge vom October, 2010

Brooklyn Bridge Geisterbahn

Sunday, 31. October 2010 12:50

Nachmittags und am frühen Abend fallen Kinderhorden unter erwachsener Aufsicht in die Läden ein, um Süßigkeiten zu fordern – und anders als für den Rest des Jahres bekommen sie die auch ohne Tränen und sogar geschenkt. Es ist halt Halloween. Sowohl Kinder als auch Erwachsene sind in allen erdenklichen Arten verkleidet – keineswegs nur gruselig.

Nach Einbruch der Dunkelheit startet die Halloween Parade in Greenwich Village, unter anderem mit einer Abordnung der “Sirens of the Sea”, die trotz der Gänsehauttemperaturen an die Mermaid Parade erinnern. Eine andere Truppe tanzt in passender Garderobe die exakte Choreographie von Michael Jacksons  “Thriller” über die Straße. Aber so richtig überzeugt mich bereits eine Begegnung am Mittag.

Diese Zombies treffe ich an der Brooklyn Bridge, über die sie soeben gekommen sind. Sie protestieren dagegen, dass den Büchereien Geld gestrichen wird. Ihr Argument: Ohne Büchereien (und Lesemöglichkeiten) keine Hirne. Aber Zombies schlürfen nichts lieber als Hirn. Und sie lassen es sich nicht gefallen, wenn ihnen einer die Mahlzeiten kürzt.

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Kein Happy End

Saturday, 30. October 2010 17:58

Ich bin nicht die Einzige mit dieser Angewohnheit. Der Fahrstuhl ist recht voll, als ich in den obersten Stock des Guggenheim Museums fahre, um danach die Spirale hinab zu laufen – und die Ausstellung in umgekehrter Reihenfolge anzuschauen.  Und das habe ich jetzt davon: “Chaos & Classicism” endet mit “The Dark Side of Classicism”, wo unter anderem Ausschnitte aus Leni Riefenstahls “Olympia” gezeigt werden.

Ein paar Umdrehungen später schaut mir aus einem Gemälde ein Mann entgegen, er kauert hinter einer Matratze und fummelt an seiner Waffe herum, während zwei weitere Männer hinter ihm Gewehre über die Barrikade angelegt haben. “Ruhr Battle (Ruhrkampf)”, steht da, das Bild von Barthel Gilles hält einen Moment während der Zeit fest, als Arbeiter im Ruhrgebiet sich nach einem erfolglosen Streik mit aller Gewalt gegen unhaltbare Zustände wehrten.

Ich frage mich, ob die Ausstellung so aufgebaut ist, dass alles immer schlimmer wird. Mitnichten. Als ich an deren Beginn angelangt bin, liegen da Bilder von Otto Dix unter Glas – Szenen aus dem ersten Weltkrieg. Aber die meisten Besucher sehen das nicht. Um an die Schaukästen zu gelangen, muss man zwei oder drei Treppen hinaufsteigen. Sonst ist im Guggenheim halt alles Rampe.

* “Chaos & Classicism” zeigt übrigens außer deutschen auch französische und italienische Künstler. Und Künstlerinnen.

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Schraubenzieher

Friday, 29. October 2010 19:50

Ich bin mit einer Wirtschaftskorrespondentin auf einen Feierabend-Drink zur Happy Hour in der Rodeo Bar verabredet. Ihr Zug hat recht viel Verspätung, also setze ich mich erst mal allein an die Bar. Nach einer Weile sagt der Mann neben mir: “Ich bin eigentlich nicht politisch korrekt, aber die Kleidung dieser Mädchen ist sexistisch.”

Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn recht verstanden habe, und frage nach, ob er gerade “sexy” oder “sexistisch” gesagt hat. Aber ich habe das schon richtig verstanden. Kurz zuvor war ein Grüppchen durch den Eingang hinter uns getreten, aufgemacht wie ein kleines Variete: Ein Mann mit Melone führte den Aufzug an (und hielt den Damen die Tür auf), eine der Frauen hatte eine Boa um die Schultern gelegt – und zwar nicht die fedrige Variante, sondern eine Albino-Schlange, die zu meinem Entsetzen nicht aus Plastik, sondern lebendig ist.

Die beiden Mädchen, von denen der Mann neben mir jetzt spricht, tragen Tabletts voller Plastikbecher. Die ganze Gruppe macht Werbung für ein Bier, das man gratis probieren darf. Die Mädchen sind gekleidet, als sollten sie die Rocky Horror Picture Show in einem Burlesque-Theater aufführen: Sie tragen winzige Hütchen, schwarze Korsage mit Uniformjäckchen, sehr knappe Hotpants und Netzstrümpfe mit freigelegten Strumpfhaltern.

“Na ja, es ist eben Halloween”, räumt mein Barnachbar ein. “Aber trotzdem.” Ich weiß nicht so richtig, warum er mir das erzählt und was er von mir hören will. Kurz darauf lehnt sich ein anderer Mann zu mir und fragt: “Was machen die da?” An der Treppe in den oberen Stock sind zwei weitere, äußerst biegsame und leicht bekleidete weibliche Mitglieder der Truppe dabei, sich ums Geländer zu schlingen. “Stretching”, sage ich, “das nennt man Stretching.” Mein Beharren auf sportliche Aspekte funktioniert prächtig, den Typen bin ich auch los. Als ich mich gerade frage, ob diese Heuchelei wohl eine Strategie sein soll, um bei einer Frau landen, kommt meine Kollegin.

Kaum hat sie ihre Tasche verstaut und sich auf den Hocker neben mir geschwungen, kommt der Mann aus der Werbetruppe zu uns. Ich hatte vorher schon von weitem gesehen, was seine Spezialität ist – es scheint ein Trend in New York zu sein, ich habe das an ganz anderem Ort auch schon vorgeführt bekommen. “Dieses Bier bringt mich dazu, dass ich mir einen Schraubenzieher in die Nase stecken will”, sagt er, und ich kann nicht entdecken, wie dieser Spruch mir das Bier schmackhaft machen soll. Nachdem er mit seiner Show fertig ist, frage ich ihn also: “Jetzt mal im Ernst: Was hat das denn mit einem Bier zu tun?” Er zuckt die Achseln. “Ist halt ein interessantes Bier”, sagt er. Und verschwindet. Inklusive der Schlangenfrauen und der Frau mit Schlange.

Zum Nachschlag ein Stück unnützes Wissen: In der Oxford-Dictionary findet sich die Redensart “to have a screw loose”. In meinen Ohren klingt das wie eine fürchterliche Wort-für-Wort-Übersetzung von “eine Schraube locker haben”, es bedeutet aber genau das.

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Harte Schale

Thursday, 28. October 2010 19:59

Nein, ich habe nicht begonnen, mir Filetspitzen in die Nudeln zu schnetzeln. Es sind auch keine Waldpilze – von der Saison her käme es diesem Gericht aber näher. Püriert in der Sauce, geröstet obenauf schmeckt mir hier gleich Kürbis. Den mag ich sehr gerne; seine harte Schale dagegen mag ich nicht, und viele Sorten müssen nun einmal geschält werden. Deshalb bin ich entzückt, dass es bei der Einladung zum Essen heißt: Es gibt Kürbis.

So kurz vor Halloween ist er hier allgegenwärtig – kleine Zierkürbisse bieten sogar die Delis an, die sich ansonsten mit frischem Gemüse nicht weiter aufhalten. Und die riesigen, orange leuchtenden Kürbisse stehen in manchen Fenstern schon ausgehöhlt und mit Schnitzerei versehen. Das ist nicht nur ein Deko-Spleen: In den USA ist Kürbis als Gemüse wesentlich gebräuchlicher als in Deutschland. Bei den hiesigen Gemüsehänderln liegen alle möglichen Kürbissorten. Grundlage dieses Gerichts war einer, den sie “acorn squash” nennen. Der ist außen gar nicht orange, sondern von einer dunkelgrünen Hülle umgeben, mit tiefen Längsfurchen. Deshalb fällt es mir schwer, seinen Namen zu verstehen: “Acorn” bedeutet “Eichel”.

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Die aktuellen Farben

Wednesday, 27. October 2010 13:34

Meine alte und meine neue Heimat haben einiges gemeinsam. Zum Beispiel sagen Besucher hüben wie drüben in überraschtem Ton: Hier gibt es ja richtig viel Grün! Das Ruhrgebiet halten Nichteingeweihte immer noch für kohlrabenschwarz, obwohl die Zechen schon seit Jahrzehnten dicht sind. Und New York stellen sie sich in wolkenkratzerstahlgrau vor.

Dabei gibt es hier 5,2 Millionen Bäume (ungefähr so viele Menschen leben im Ruhrgebiet), und rund 24.000 davon sollen im Central Park stehen. Ich frage mich, wer die alle zählt. Im Moment aber behalten die Klischees recht: Grün ist schwerlich zu finden. Die Bäume tragen die Farben der Saison.

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Moment mal: Kein Ja zur Kunst

Monday, 25. October 2010 18:39

Seit der Eröffung des New Museum hängt es an dessen Fassade. Und jetzt kommt es weg.

Man könnte das als Zeichen dafür interpretieren, dass die Jasager-Zeiten vorbei sind. Jetzt werden andere Saiten aufgezogen, hat mein Vater immer so gerne gesagt (und dann ist doch nichts Schlimmes passiert). Welches strenge Regiment wird also dem begeisterten Ja folgen, wenn die Installation von Ugo Rondinone abmontiert ist?

Eine Rose.

Die acht Meter lange “Rose II” von Isa Genzken. Die Künstlerin ist derzeit im Palais de Tokyo in Paris an einer Gruppenausstellungbeteiligt – Titel: “Fresh Hell” .

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Reich geerbt

Sunday, 24. October 2010 16:18

Es gibt kein eindeutiges deutsches Wort dafür. Alte Sorten käme noch am ehesten hin. Aber ich schätze mal, der Trend wird irgendwann ankommen, und dann weiß man auch in Deutschland, was Heirloom Tomatoes sind. Hier ist die Saison jetzt fast vorbei, die letzten paar gibt es noch, heute, vielleicht nächste Woche, dann war es das.

Grüne Brat-Tomaten, pflaumenförmige hellrote, dicke gelbe, tief gefurchte rote – das ist nur eine kleine Auswahl der Tomatensorten, die in New York angesagt sind. Ihre Namen gefallen mir mindestens so gut wie die von ihren Kollegen, den Kartoffeln (Early Manly!): Banana Legs, Green Zebras – und German Pinks. Dafür kosten die Dinger aber auch. Wenn man Pech hat, bis zu sieben Dollar das Pfund. Die Hälfte kommt einem da richtig günstig vor.

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Gelb oder weiß?

Saturday, 23. October 2010 12:51

Das ist mal etwas anderes. Eigelb (eggyolk) gehört in gewisser Weise zu den Underdogs, den ungeliebten Minderheiten. Zwar braucht man es für ein anständiges Spiegelei, das hier so schön poetisch “sunny side up” heißt. Aber die meisten Leute, mit denen ich spreche, ziehen beim Eigelb eine Grenze, weil sie sich Sorgen um ihren Cholesterinspiegel machen. Auch wenn sie Maisbrot für eine gesunde Gemüsebeilage halten und fettes Fleisch in sich hineinschaufeln. Irgendwo muss der Feind ja stecken.

Deshalb stellt es in New York nur selten ein Problem dar, wenn man etwa ein Omelett ohne Eigelb bestellt, und im Supermarkt kann man flüssiges Eiweiß bekommen – das Zeug gibt es sogar gallonenweise, das sind gut dreieinhalb Liter, rund 168 Eier mussten dafür zerbrochen werden.

Auch in der Natur gibt es Eier ohne Eigelb. Windeier haben im Deutschen aber eine doppelte Bedeutung.

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Wassermusik

Friday, 22. October 2010 21:51

Es ist eine typische Szene: Die Punkrocker haben sich in Schale geworfen, jeder auf seine Art, und die einen singen mit Mikro, die anderen ohne. Me First & The Gimme Gimmes reden dummes Zeug, schlachten ein paar Hits (die Band spielt ausschließlich Coverversionen in überhöhter Geschwindigkeit) und sagen schließlich: “Wir sind die beste Coverband, die hier je gespielt hat.”

Hier haben vermutlich schon eine Menge Coverbands gespielt, man kann die Räumlichkeiten schließlich für Privatfeiern mieten. Bei einer Party wie dieser ist es ganz normal, dass die Jungs im Publikum sich, sagen wir mal: anrempeln. Von hier oben, wo ich stehe, betrachtet, zeigt sich in deren Bewegungen aber auch die Besonderheit dieses Konzerts: Manchmal taumeln sie von äußerer Macht getrieben aufeinander zu, und zwar in dieselbe Richtung. Das liegt am schwankenden Untergrund. Wir sind mit einem Schiff unterwegs. Zur Freiheitsstatue natürlich.

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Ohne Brezeln

Wednesday, 20. October 2010 14:09

Mir fehlt Spargel. In New York bekommt man selten weißen Spargel, und in Deutschland mochte ich es immer sehr, dass es den nur zu einer bestimmten Saison gibt. Ich habe ihn nie nach dem Johannistag gekauft. Hier gibt es meistens grünen Spargel, und zwar so ziemlich immer. Er ist keine Besonderheit.

Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als mir Anfang Oktober jemand – nein, keinen Spargel – meine Lieblingslebkuchen aus Deutschland mitbrachte: Die sind schließlich auch Saisonware. Zuckerschock mit Zeitschaltuhr: Zwischen Oktober und Dezember beschäftigte ich meine Verdauung mit kistenweise Herzen, Brezeln und Sternen. Mit meiner kostbaren, einzigen Schachtel Lebkuchen ging ich selbstverständlich anders um, und ich freute mich daran, gar nicht in Gefahr zu kommen, Blutzuckerachterbahn zu fahren. Das erklärt, warum mir jetzt ein Heidenschreck in die gemüsegestählten Glieder fährt:

Bei Schaller & Weber gibt es deutsche Lebensmittel – das Geschäft ist eine der wenigen Erinnerungen daran, dass in Yorkville früher vor allem deutsche Einwanderer lebten. Auf dem Rückweg von einer Recherche auf der Upper East Side fällt mein Blick in dieses Schaufenster. Aber als ich genauer hinschaue, entspanne ich mich wieder. Diese Lebkuchen können meine süße Ader nicht in Wallung bringen. Sie sind gefüllt. Und so was mag ich nicht.

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Gleiche Höhe

Tuesday, 19. October 2010 16:05

Wie in jeder Großstadt gibt es in New York viele Vorschriften und viele Anlässe, sich darüber lustig zu machen oder zu versuchen, sich daran vorbeizumogeln. “Zoning” etwa regelt, was wo gebaut und wie genutzt werden darf. Zum Beispiel gibt es auf der Upper East Side für die Park Avenue Vorschriften, die das einheitliche Erscheinungsbild der fetten, alten Häuser bewahren.

Wer hier neu baut, darf nicht höher hinaus. Das gilt sogar für Gebäude, die ein kleines Stück um die Ecke stehen. Genau diese Regel war ein strittiger Punkt, als Anfang der 90er Jahre hier schon längst die Gerüste standen.

Nach langem Hin und Her war der Bauherr gezwungen, sich der Regel zu beugen: 19 Stockwerke, höher durfte sein rotes Haus nicht werden. Er hatte aber 31 geplant. Und die standen auch schon. Was ich heute hier sehe, ist ein Haus, dessen oberste 12 Stockwerke abgerissen wurden.

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