Beiträge vom November, 2010

Unerschüttert

Tuesday, 30. November 2010 13:09

Ich merke nichts. Vielleicht liegt das nur daran, dass ich ja gar nicht wissen kann, was ich merken müsste. Oder daran, dass New York die Sinne so beansprucht, dass sie ein wenig ermüden. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass mein Schreibtisch zu weit weg vom Zentrum steht. Vor allem kann man es wohl im Osten von Long Island spüren, nur für ein paar Sekunden: Die Erde bebt.

Währenddessen gilt meine Sorge jedem Blick nach draußen: Grau in grau hängen die Wolken dort, und obwohl der Wetterbericht behauptet, es würde erst um vier und auch nur kurz regnen, packen die Leute unten schon die ersten Schirme aus. Zwei Stunden später bin ich überzeugt davon, dass mein Schirm in meiner Tasche liegt. Das tut er aber nicht. Die Aussichten sind ein klitzekleines bisschen unscharf. Aber das kommt von keinem Beben.

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Plastikgeld

Monday, 29. November 2010 20:35

Normalerweise läuft es so: Während ich nach meinem Geld krame, behalte ich im Auge, wie weit die Kassiererin oder der Kassierer am Scanner mit meinen Einkäufen ist oder ob ein Bagger (nicht Fahrzeug, sondern Jobbezeichnung, bag = Tasche) kommt, den ich stoppen muss, indem ich rechtzeitig noch einmal bekräftige, dass ich keine Tüte brauche. Sonst ist alles ganz schnell verpackt, und zwar nicht von mir. Aber dann gibt es ja noch Aldi US. Jawohl, der deutsche Spitzendiscounter hat längst seine Finger nach den USA ausgestreckt. Dort gibt es vor allem Produkte nach US-Geschmack, aber im Moment auch einige deutsche Spezialitäten. So besitze ich jetzt einen Adventkalender für 99 Cents.

Auch hier gibt es Tüten. Aber die liegen unter dem Warentransportband vor der Kasse, und sie kosten bares Geld (Aldi nimmt keine Kreditkarten). Und die Einkaufswagen bekommt man nur gegen Vorkasse. Und, ja, es gibt auch Kartons. Die liegen auf einer ordentlich beschrifteten Ablage bereit. Diese Art von Selbstbedienung muss man hier eben erst einmal erklären. In den US-Ketten, die mit Selfscan Geld sparen, steht dafür allerdings meist Personal bereit.

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Irrlichter

Saturday, 27. November 2010 17:30

So, und jetzt soll aber auch jeder merken, dass Feiertage bevorstehen. Deshalb zünden die New Yorker Lichter an. Das berühmteste dieser Ereignisse ist das Christmas Tree Lighting am Rockefeller Center – ätsch, das sieht man aber gar nicht auf dem Bild. Hier geht das Licht am South Street Seaport an, ein Santa Claus sitzt auf dieser Seite und nimmt Kinder auf den Schoß, während auf der anderen Seite ein Chor zwischen fröhlich und feierlich schwankt.

Der berühmte Weihnachtsbaum am Rockefeller Center steht zwar auch schon, aber er wird sich erst am kommenden Dienstag in voller Pracht zeigen: Dann leuchten an ihm 30.000 LED und, das ist hier immer ganz wichtig, man darf zu einem tollen Spitzenschmuck aufschauen. Der Riesenstern kommt von einem Schmuckhersteller und wurde vor ein paar Tagen von “Gossip Girl” Blake Lively präsentiert.

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Black Friday

Friday, 26. November 2010 9:30

Nein, nein, nein, es gab keinen Börsencrash. Black Friday nennt man seit Mitte der 70er Jahre den Tag nach Thanksgiving. An diesem Brückentag nämlich beginnt die offizielle Saison für Weihnachtseinkäufe, und dazu bieten die großen Geschäfte derart verlockende Sonderangebote, dass die Innenstädte schwarz vor Menschen sind – und die Händler schwarze Zahlen schreiben. Nachdem sich in der jüngsten Vergangenheit die Wirtschaftskrise auch an dieser Art von schwarzem Freitag bemerkbar gemacht hat, gehen Prognosen des Einzelhandelsverband für heute von hungrigen 138 Millionen Schnäppchenjägern aus.

Ich kann mich nicht dazu durchringen, nur für ein paar Fotos morgens um kurz vor vier (!) vor irgendeinem Laden aufzutauchen, der dann öffnet. Ich mache mich um acht auf den Weg. Mir kommen viele Leute mit einem großen Paket entgegen: Flachbildschirme scheinen tatsächlich weit oben auf den Listen zu stehen. Ich habe ganz andere Pläne und kaufe für sechs Dollar im Megasupermarkt ein (wo ich Stapel mit Flachbildschirmen und American Breakfast-Brat-Brettern und, irgendwie eigenartig, Keyboards sehe), und dabei frage ich die Kassiererin , wie es um vier war. “Irre”, sagt sie. “Schon um zwei standen die Leute vor der Tür.” Auf dem Weg ins Büro schaue ich noch in einem Klamottengeschäft vorbei. Dort sind die Mitarbeiterinnen weniger entspannt. Vielleicht haben sie ja am Super Saturday (letzter Samstag vor Weihnachten) frei.

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Aufgeblasenes Thanksgiving

Thursday, 25. November 2010 9:36

Okay, hier habe ich geschummelt. Die Fotos sind nicht von heute, sondern von gestern – in weiser Voraussicht. In diesem Moment sehe ich die Thanksgiving Parade, gerade zieht Snoopy an mir vorbei. Gestern habe ich mir die Vorbereitungen angeschaut, genauer gesagt: Das Aufblasen der so genannten Balloons – riesiger Plastikhüllen, die, wenn sie erst einmal vor Helium nur so strotzen, in Form von Werbe- und Zeichentrickfiguren über der Parade schweben.

Wenn da erst mal etwas Helium eingepustet ist, brauchen die Helfer eine Menge Sandsäcke, um die Balloons im Zaum zu halten.

Und so muss eben auch der Schlumpf vom Anfang unter einem Netz liegen und auf den großen Tag warten. Gargamel hätte seine Freude dran.

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Total verblendet

Wednesday, 24. November 2010 13:26

Man sieht sie wieder überall: Sonnenbrillen. Große hellbraune Riesenfliegenaugen, schmale Sportmodelle, Plastikrahmen in leuchtenden Farben und Klassiker mit mehr oder weniger dezentem Designerlogo an der Seite. Die aktuelle Mode eben. Nur: Man trägt Mantel und Schal dazu. Ende November sieht man auf den Straßen New Yorks deshalb viele getönte Gläser, weil man sonst nichts sieht. Das wiederum sieht man auch ohne Brille:

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Was hängenbleibt

Tuesday, 23. November 2010 19:31

Ich habe gesagt, ich mach das nicht. Ich schreibe nicht über Leute, die ich privat kenne. Jetzt sitze ich im oberen Stock des Deutschen Hauses an der NYU, schaue auf die Porträts mir gegenüber und lausche den Interviews, die ich auf dem MP3-Player anwähle. Da kommt einer dieser New York-Momente, über die ich hier schreibe: Diese Geschichte mit dem Porzellan, das im Gegensatz zu seiner Besitzerin den Krieg überstanden hat, vergesse ich so schnell nicht.

Für seine Ausstellung “Shadow of War” hat Carsten Fleck Zeitzeugen in Berlin und Nürnberg interviewt und fotografiert, die heute zwischen 75 und 95 Jahre alt sind. Einer von ihnen ist sogar zur Eröffnung gekommen. Alle erzählen ganz unterschiedliche Geschichten, denen eins gemein ist: Krieg ist scheiße. Und das klingt bloß so banal.

Ein paar Schritte weiter draußen leuchtet es. Digitale Sandwich-Men tragen Plakate mit Porträts an einer Menge vorbei, die eh schon weiß, worum es geht. Eine Schlange windet sich um einen Elektronikladen. “Worauf wartet ihr?”, frage ich. “Nicki Minaj”, sagt der Nächstbeste. Weiter vorne fangen sie an zu kreischen. Erst später wird mir klar, dass ich die Werbung für deren Album schon seit Tagen überall in der Stadt sehe. Hängengeblieben ist nichts.

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Moment mal: Geld im Vorbeifahren

Monday, 22. November 2010 20:19

Jetzt sind sie weg. Patrick und Walter und ihr Wohnwagen haben New York verlassen. Sie brauchen Geld. Und dafür, haben sie sich gedacht, müssen sie das ganze Jahr lang auf Achse sein.

Ihre Idee: Während sie durch die Gegend gondeln, dürfen Firmen ihr Vehikel mit Werbung zupflastern – im Laufe eines Jahres wollen sie so auf eine Million Dollar kommen. Stolz präsentiert Walter sich auf der Website mit dem Spruch: “Bewege dich in die Richtung deiner Träume. Lebe das Leben, das du dir vorgestellt hast.” Vielleicht war sein Lebenstraum ja ein endloser Familienausflug. Seit Anfang Juli fahren die Brüder durch die USA, inzwischen haben sie etwas über 100.000 Dollar eingenommen. Über ihr Projekt stellen sie ein Zitat von Goethe. Kleiner hatten sie es wohl gerade nicht.

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Wer’s glaubt

Saturday, 20. November 2010 17:26

Erfunden hat ihn zwar Coca Cola. Aber das Kaufhaus Macy’s soll es sein, wo man den echten Santa Claus trifft. Im New Yorker Haupthaus, das sich über einen kompletten Häuserblock erstreckt, gibt es sogar ein ganzes Santaland. Für den größten Teil des Jahres steht dort in großen Kinobuchstaben, dass Santa nicht da ist, aber im November wiederkommt. Nach der Thanksgiving Parade nämlich nimmt er da oben im Kaufhaus all die großen und kleinen Wünsche entgegen. Praktischerweise kann man viele davon dann gleich im selben Haus erfüllen. Noch ist der Weihnachtsmann nicht da. Aber die Dekoration steht schon – zusammen mit der Idee der aktuellen Werbekampagne. Prognosen zufolge wird es am kommenden Feiertagswochenende, an dem die Amerikaner traditionell wie die Irren einkaufen, zu sehr guten Umsätzen kommen. Man muss nur dran glauben.

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Club der Stadtteilpoeten

Friday, 19. November 2010 16:11

Die Wirkung verblasst einfach nicht. Jedes Mal, wenn ich dieses Portal sehe, empfinde ich Respekt und Freude.

In der Brooklyn Public Library habe ich mich schon öfter herumgetrieben. Die Regale drinnen sind genauso merkwürdig lieblos (und auch gerne mal unübersichtlich) zusammengestellt wie in deutschen Universitätsbibliotheken, aber die Eingangshalle wirkt erhaben, das Café an dessen Rand will nicht viel Geld für Tee, die Zeitschriftenauswahl im “Popular Library”-Raum gefällt mir und das Veranstaltungsprogramm kann sich auch sehen lassen. Heute suche ich aber Bücher.

Die finde ich sogar relativ schnell (habe ich mich am Ende an die Ordnung gewöhnt?), aber als ich das zweite aus dem Regal ziehe, fällt mir ein: Ich habe meine Mitgliedskarte nicht in der Tasche. Ich frage an der Infotheke, ob es auch ohne geht. “Ja”, sagt die Bibliothekarin, “wenn Sie einen anderen Ausweis vorzeigen können, gehen Sie einfach nach unten, wo Sie auch sonst Ihre Bücher ausleihen.”

Toll, denke ich, ich sehe so aus, als würde ich ständig hier – und nicht in einer kleinen Filiale – Bücher holen. Unten an der Ausleihe sucht eine andere junge Frau nach meinem Namen. Sie findet ihn nicht. Ich frage nach, ob sie etwa meinen Vornamen für meinen Nachnamen gehalten hat. Hat sie aber nicht. “Sind Sie sicher, dass Sie einen Nutzerausweis haben?”, fragt sie. Und dann entdecken wir den Fehler im System: Für mich ist New York City eine Stadt mit fünf Stadtteilen. Für die Verkehrsbetriebe zum Beispiel ist das auch so. Aber die Büchereien sehen das anders. Dass ich seit Jahren einen Ausweis der New York Public Library habe, heißt noch lange nicht, dass ich in Brooklyn ausleihen darf – die BPL ist ein Club für sich. Vielleicht sollte ich da mal Mitglied werden.

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Superman ohne Wirkung

Thursday, 18. November 2010 19:53

“Extraordinary people are people who are just wiling to be extra ordinary.”

Colin Beavan ist schon vor einer Weile ein Licht aufgegangen, und deshalb hat er es ausgeschaltet. Er schrieb auf, was in dem Jahr passierte, als er und seine Familie auf alles verzichteten, was eine negative Wirkung auf die Umwelt hat, und nannte das Buch “No Impact Man” (dt. Titel “Barfuß in Manhattan”). Jetzt sitzt er vor mir und zitiert Julia Butterfly-Hill. Sie wurde berühmt durch die Beharrlichkeit, mit der sie in einem Redwood-Baum lebte, um einen Wald vor der Abholzung zu bewahren. Um so etwas zu tun wie sie, brauche man gar keine Superkräfte. Man müsse sich seiner Gewöhnlichkeit bewusst sein und einfach etwas versuchen.

Mit diesem Ansatz versucht Beavan Menschen dazu zu bringen, ihre Macht als Bürger zu bündeln. Erst eine kleine Aktion, dann Mitbestimmung bei der Umweltpolitik – aus “No Impact Man” enstanden inzwischen ein Film, ein Blog und ein Nonprofit-Projekt. Das bringt Colin Beavan zu dieser Diskussion. Und zu diesem Zitat. Dazu inspiriert hat ihn ein wenig auch der Titel der Veranstaltung: “Modern Day Clark Kents”.

Neben ihm sitzt kein No Impact Man, sondern ein Yes Man: Andy Bichlbaum ist ein Lügner im Namen der Wahrheit. Als einer der Yes Men gibt er sich schon mal für den Topmanager einer Firma aus, die er gar nicht leiden kann, ExxonMobil etwa oder Halliburton. Mit lancierten Pressekonferenzen, Websites und anderen Medientechniken weist sein Team auf soziale Probleme hin. Exklusiv bei dieser Veranstaltung zeigt Bichlbaum den neuesten Coup der Yes Man: Vor wenigen Tagen verteilten sie vor dem Fifth Avenue Apple Store Gutscheine für ein “conflict free” iPhone, das zur Lösung der Coltan-Kämpfe im Kongo beiträgt – ein Dementi des Konzerns hieße zuzugeben, dass er bislang mit fairen Förder- und Lieferbedingungen nichts am Hut hat.

Auch Bichlbaum sagt: So was kann jeder machen. Dafür brauchen wir keinen Superman.

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