Beiträge vom January, 2011

In guter Gesellschaft

Monday, 31. January 2011 23:02

Man muss schon jemanden kennen, um hier hereinzukommen.

Das ist nicht die Garderobe einer exaltierten Bühnenkünstlerin. Es ist eine der Toiletten des Players Club. Wo man durchaus exaltierte Künstlerinnen treffen kann. Aber noch nicht so lange. Zwar finde ich auf einem Tisch oben in der Bibliothek ganz viele Porträt-Karten von längst verblichenen Schönheiten vom Beginn des 20. Jahrhunderts, unter einer Glasplatte sorgsam festgehalten, aber für lange Zeit blieben die schöpferischen Herren hier unter sich. Es war New Yorks erster Gentlemanclub für Theatermenschen, die sich hier zwanglos mit Künstlern anderer Sparten austauschen sollten.  “Wir mischen uns viel zu selten unter die Köpfe, die die Welt bewegen”, hielt Gründer Edward Booth fest. “Ich will die Schauspieler in meinem Club weg bringen vom Glamour der Theaterwelt.” Frauen kamen nur als Begleitung her – bis zu Shakespeares Geburtstag 1989 die Tradition gebrochen wurde.

Im Saal liest jemand sein neuestes Stück, kleine Nebenräume laden zu kleinen Runden ein. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie früher die Pfeifen rausgeholt wurden. Die Umgangsformen – so stelle ich es mir jedenfalls vor; ich bin ja schließlich nicht seit der Gründung 1888 dabei – sind dieselben: Als echter Gentleman nimmt mein Gastgeber mir den Mantel ab und bringt mir einen Drink. Dann lerne ich, dass man hier Menschen einander vorstellt, indem man ihre Kunst lobt. Ich schüttle dem hervorragenden Pianisten die Hand, lache, als die Kabarettistin ein Bonmot aus dem Ärmel schüttelt, und sage zu, als der Magier mich fragt, ob ich ihm bei einem Trick assistieren könnte. Mehr und mehr glaube ich, ich sei in einem Salon der vorletzten Jahrhundertwende gelandet – und tatsächlich, da steht die französische Filmdozentin auf und singt “La Vie En Rose”. Ein Stand-Up-Comedian sagt, wir seien alle zu intellektuell, er sei ein betrunkenes Publikum gewohnt, und wir sollten daran arbeiten. Das mache ich natürlich nicht. Schließlich ist mein Gastgeber am Ende für mein gutes Benehmen verantwortlich.

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Wintergarten

Sunday, 30. January 2011 15:21

In der Mulberry Street gibt es neuerdings einen Park. Bäumchen umranden eine superweiche Wiese, hippe Straßenhändler verkaufen Kaffee und Cupcakes – und das alles in einem beheizten Raum.

Die Openhouse Gallery beherbergt gerne solcherlei Ideen. Diese kommt sehr gut an: Lower East Side-Hipster sind herbeispaziert, Studenten haben ihre Laptops mitgebracht (und werfen denjenigen neidische Blicke zu, die sich an eine Steckdose herangepirscht haben), und natürlich ist so ein Park auch genau das richtige für junge Familien. Was wiederum nicht für alle so cool ist. Jedenfalls hängt inzwischen an der Tür ein Schild, auf dem steht:

“Eltern, Kinder sind im Park willkommen, aber bitte passen Sie auf sie auf und nehmen Sie Rücksicht auf andere Gäste. Der Park ist kein Spielplatz, der für Kinder gebaut wurde, die Lampen sind also heiß und die Bäume und Felsen nicht zum Klettern.”

Bevor ich mich niederlasse, fängt ein Mann seinen Sprössling ab, der zwar kaum laufen kann, dafür aber seine Finger voranstreckt, die er zuvor in irgendein Essen von schmieriger Konsistenz gesteckt hat. Geht doch.

Thema: High Tea, Parks | Comments Off | Autor:

Durch den Weichspüler gedreht

Saturday, 29. January 2011 16:46

Das könnte eine ganz normale Fragerunde sein, so wie man das hier schon mal macht nach einem Vortrag. Aber Mike Birbiglia hat gar nichts vorgetragen. Und die Leute, mit denen er spricht, befinden sich nicht mal im selben Raum. Der Komiker sitzt in einem Schaufenster von Macy’s, die Fragen kommen von draußen, über Twitter und Facebook. Dass sich im Fenster Reklame spiegelt, kommt nicht von ungefähr.

Im Auftrag eines Weichspüler-Herstellers wohnt – und vor allem: schläft – Mike Birbiglia eine Woche lang öffentlich (nachts hat er aber einen Vorhang, es ist eben doch eine Weichspüler-Aktion). Das hat er nun davon, dass er letzten Herbst ein Buch mit dem Titel “Sleepwalk With Me” veröffentlichte und damit sogleich in die Bestsellerlisten wandelte.

Auf der Twitter-Wall hinter ihm fragt gerade jemand: “Kennst du ‘Truman Show’? Und wenn, was hältst du davon?” Ich weiß nicht, ob das nun Kritik oder Bewunderung ausdrückt. Zwei Frauen neben mir sind eindeutig begeistert. Als eine Helferin durch eine versteckte Tür den Schaufensterraum betritt, um Mike eine Flasche Milch zu reichen, erwähnt er, dass die Cupcakes, die in einer Tüte vor ihm liegen, ein Geschenk sind, und bedankt sich noch mal bei den beiden Fans. In diesem Moment lebt der Künstler tatsächlich von der Gunst des Publikums.

Dies ist der dritte von sieben Tagen der komischen Werbe-Aktion bei Macy’s, 34th Street/Herald Square.
Im Netz gibt es abwechselnd Live-Videos und Highlights von “Mike in Window”.

Thema: High Tea, Kokolores | Comments Off | Autor:

Auto ohne mobil

Thursday, 27. January 2011 15:31

Ich habe schon immer den Kopf geschüttelt über Leute, die ohne vernünftigen Grund (zum Beispiel: Auftritte mit einem Schlagzeug) in New York unbedingt ein Auto haben wollen. Jetzt gehe ich einen kleinen Hügel namens Carnegie Hill hinauf und denke mir: Recht so. Für Fußgänger ist die Bahn frei.

Thema: High Tea, typisch New York | Comments Off | Autor:

Selten so gemacht

Wednesday, 26. January 2011 13:12

Immer wieder staune ich über die Gegensätze. Es gibt so schöne Ecken in Harlem; diese ist keine davon. Ganz in der Nähe befindet sich eine Sammelstelle für wiederverwertbaren Müll, an der die Einkaufswagenmenschen anstehen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Dosen aus Mülleimern zu holen. Und nicht weit von hier hält der Bus vom und ins Gefängnis auf Ryker Island. Und ausgerechnet hier ist der Laden mit dem unglaublichen Kram. Heute liebäugle ich mit einem Pärchen aus Kloschildern, Ladies, Men, aus Porzellan. Ich weiß, dass ich gar nicht nach dem Preis zu schauen brauche, schaue aber doch: 375 Dollar. Nun ja, dann amüsiere ich mich eben über ein Stuhl-Unikat aus Schraubenschlüsseln.

Vorsichtig schiebe ich mich um eine Ecke, da entdecke ich das Schiff. Es ist aus Mahagoni, Bronze und Glas, so groß wie ein echtes Schiff, stand einmal in einer Hütte in Greenwich, Conneticut, und hat schon ein rotes “Sold”-Schild.

Alles andere trägt übrigens keine Preisschilder, sondern Nummern. Die kann man in den Computern im Erdgeschoss nachschlagen, um mehr über die Sachen, ihr Alter, ihre Herkunft – und den Preis zu erfahren. Gekauft habe ich hier noch nie etwas. Für so Dinge wie Kirchenfenster, geschnitzte Türen und Fischbeintoilettensitz habe ich nicht einmal Verwendung, aber ich schaue sie mir gerne an und schwelge in alten Geschichten. Schließlich stammen viele Sachen hier aus Häusern, die abgerissen wurden. Am besten aber ist der Name dieses Geschäfts: Demolition Depot.

Thema: High Noon, Kaufen | Comments Off | Autor:

Stoppzeichen

Tuesday, 25. January 2011 16:24

Gestern war es bitterkalt, heute morgen hat’s mal wieder geschneit, und jetzt fühlt es sich fast warm an draußen, bloß weil es so gerade mal die Temperaturen hat, bei denen es zu tauen beginnt. Prompt bricht in Manhattan der Frühling aus.

Man hätte jetzt vielleicht Tulpen erwartet, allein schon wegen der Klischeeverwandtschaft zu New Amsterdam. Aber Will Ryman hat Rosen gepflanzt. Vielleicht macht man das jetzt so in New York. Das New Museum hat ja schließlich auch eine (von Isa Genzken). Aber hier, im Mittelstreifen der Park Avenue, helfen sie sogar im Straßenverkehr – als Stoppzeichen.

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Tunnelblick

Monday, 24. January 2011 13:19

Das haben sie sich schön ausgedacht. Vor einem der Tunnel im Central Park weiß man nie, was einen auf der anderen Seite erwartet – weil Olmsted und Vaux die Besucher überraschen wollten. Außerdem wirkt der Park natürlich noch größer, als er eh schon ist, wenn man nicht schnurgeraden Pfaden mit dem Blick bis zum Parkrand folgen kann.

Dieser hier hält noch eine weitere Besonderheit bereit: Er ist der einzige Brownstone-Tunnel im ganzen Park. Brownstone ist eine braune Sandstein-Sorte, aus der die bekannten Reihenhäuser (zum Beispiel in Harlem und in Brooklyn) gebaut sind. Vor vielen Jahren wollte mir ein New Yorker weismachen, die Häuser hießen nach einem Architekten namens Brownstone. Einheimische wissen eben auch nicht alles. Wenn man die Dinge von allen Seiten betrachtet, findet man schon mal eine Überraschung.

Thema: High Noon, Parks | Comments Off | Autor:

Schmelztiegel-Lexikon

Sunday, 23. January 2011 1:34

“Niemand kann in die Zukunft sehen. Schon gar nicht ein Historiker.”

So beginnt Kenneth T. Jackson seine Antwort auf eine Frage aus dem Publikum. Als Herausgeber der Encyclopedia of New York City soll er etwas über die zweite Auflage erzählen. Er macht daraus einen Vortrag darüber, warum New York so besonders ist. Die Faktoren heißen Toleration, Diversity, Aspiration, Density, Change (Toleranz, Vielfalt, Vorwärtsstreben, Dichte, Wandel). Zum Beispiel sagt er, dass in einer Stadt wie Tokio zwar mehr Menschen wohnen, diese aber zu 99 Prozent Japaner sind. Wohingegen von den über acht Millionen New Yorkern etwa 2,9 Mio aus fremden Ländern stammen – und das, so fügt er hinzu, seien nur die legalen Ausländer (die bei Volkszählungen erfasst werden). Unterwegs bringt Jackson lebendige Beispiele. Würde man etwa gern auf Freizeitvergnügen wie Sport, Ausgehen, Fernsehen und Sex verzichten, weil man den ganzen Tag ganz viel Schach spielen will, so könne man in New York sicher sein, viele Gleichgesinnte zu finden. Das Beispiel führt ihn zu dem tröstlichen Satz:

“In New York, you can find hundreds of people just as weird as you are.”

Thema: High Noon, Stadtrundfahrt | Comments Off | Autor:

Rätsel

Saturday, 22. January 2011 13:54

Na, was war denn hier los? Die Farbe gibt einen Hinweis: Es hatte auf jeden Fall mit einem Taxi zu tun.

Noch mehr rätselhaftes New York gefällig?

Die Sache mit dem Hydranten

Das Krücken-Rätsel

Thema: High Noon, Rätselhaftes | Kommentare (1) | Autor:

Auf der anderen Seite

Friday, 21. January 2011 15:47

Das sieht man nicht so oft. Die meisten Postkartenmotive der New Yorker Skyline zeigen die Südspitze Manhattans von Süden oder etwas östlich von Brooklyn aus. Um die Westside zu sehen, muss man schon den Staat verlassen.

Schräg rüber nach Chelsea blickt man etwa von Hoboken, New Jersey. Dahin fahre ich, um mir ein, zwei Stunden zen-artige Gelassenheit zu genehmigen. Bei einem alten Ehepaar, das in einem leerstehenden Geschäft einen Flohmarkt abhält, kaufe ich beinahe eine Stehlampe. Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, dass ich die dann auf dem Weg nach Hause durch den Berufsverkehr in Manhattan bugsieren müsste. Das kann man in Hoboken schon mal vergessen. In meinem persönlichen böhmischen Legoland fahren echte Autos, aber weniger als gewohnt, das ist gefährlich: Dass mir der Verkehr nicht höchste Aufmerksamkeit abverlangt, bedeutet schließlich nicht, dass da keine Gefahren lauern. Und dann fängt es wieder an zu schneien.

Thema: High Tea, Stadtrundfahrt | Kommentare (4) | Autor:

Voodoo gegen verseuchtes Wasser?

Wednesday, 19. January 2011 20:29

Andrea dreht sich zu mir. “Das war seltsam!”, sagt sie, und ich nicke. Man kann ja nicht immer Glück haben mit Kulturveranstaltungen, und ich frage mich, ob wir in eine Freak-Versammlung geraten sind oder ob da ein paar Helfershelfer im Publikum verteilt sind. Larry Litt zieht “The Blame Show” ab – wir sollen sagen, wem wir die Schuld geben, und manche dürfen dafür dann eine Voodoo-Nadel in eine der Puppen stechen, die das Gesicht von George Bush, Glenn Beck, Sarah Palin und anderen tragen.

Sie liegen auf einem Tisch bereit. Weil wir uns in einer Kirche befinden, erinnert es an einen Altar. Ein Mann lässt sich lange bitten, bis er schließlich leise “Feministinnen” kichert, woraufhin eine Frau aufsteht und sich gar nicht mehr darüber einkriegt, dass Männer Schuld sind und wie Frauen für ihr Wahlrecht gekämpft haben und gestorben sind und dass ihre Großmutter … “Rugelach backt in der Hölle”, unterbricht Larry. Und so geht das weiter. Auf schräge Weise kommt Larry schließlich zu einer Tirade über Fracking inklusive Verweis auf den Film “Gasland”. Der hat mich im Sommer schon mal beschäftigt. Inzwischen gehört er zu den Doku-Oscar-Kandidaten.

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