Beiträge vom March, 2011

Lecker: Dinosaurier!

Wednesday, 30. March 2011 13:29

Wenn Europäer an die US-Küche denken, fällt ihnen sofort ungesundes Zeug ein. Davon gibt es hier auch jede Menge. Aber es gibt hier auch so ziemlich das ganze Jahr über gesunden Grünkohl, nicht nur für ein paar Wintermonate. Kale, wie er hier heißt, kommt in allerlei Variationen auf den Tisch: So wie es in Deutschland ganz viele Sorten Blattsalat gibt (womit jeder gutsortierte New Yorker Gemüsemarkt locker mithalten kann), findet man hier beispielsweise auch roten Grünkohl, der aber ganz anders schmeckt und aussieht als Rotkohl.

Und jetzt entdecke ich Lacinato Kale: Er ähnelt ein bisschen dem Wirsing, nur dass er eben keinen Kopf hat. Das kopflose Gemüse ist hier ohnehin sehr beliebt, es lässt sich ja auch viel besser portionieren – das ist zumindest mein Argument, warum ich den hiesigen Agrargepflogenheiten den Vorzug gebe. Aber die Oberfläche dieser Kohlblätter erinnert auch noch an etwas anderes. Jedenfalls leuchtet mir das Schild sofort ein: Dinosaur Kale. Mit diesem Etikett essen ihn vielleicht auch die Kinder.

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Platz für den Präsidenten

Tuesday, 29. March 2011 13:04

“Na Jungs, wie läuft’s?”

“Es regnet nicht. Das ist toll.”

Hier unterhalten sich keine Camper, sondern Cops unterschiedlicher Couleur. Der Frager steht mit neongelben Streifen verziert an der Kreuzung, seine Pfeife lässt er lässig baumeln. Die “Jungs” sind eben mit einem dieser Klischeeautos angerauscht, einem schwarzen Van mit getönten Scheiben, der an den irrsten Stellen farbig blinken kann. Jetzt kommt einer in Uniform und Schutzweste da heraus, es folgen zwei in Zivil mit einer Vorliebe für Beigetöne und ein noch mal anders Uniformierter mit einem Hund. Anders als die typischen New Yorker Hunde läuft er mit peitschendem Schwanz und aufgestellten Ohren, beinahe hektisch wirkt er. Aber er ist ja auch ein Arbeitstier.

Heute kommt der Präsident in die Stadt, er landet erst um zwei, aber die Absperrgitter standen gestern schon an der Straße bereit. Wie lange die Polizisten schon hier sind, weiß ich nicht. Ich frage ein paar, wann man denn am besten zum Winken kommen soll. “Wissen wir nicht, die geben uns die Zeit nicht durch”, sagen die alle. Ob das die Wahrheit ist oder die Dienstvorschrift, verraten sie natürlich nicht.

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Heldenzwang

Monday, 28. March 2011 20:50

Es gibt Sachen, die mache ich einfach nicht. Promis um ein Autogramm bitten zum Beispiel. Oder mit ihnen für ein Foto posieren. Und jetzt höre ich mich sagen: “Darf ich ein Foto machen?” Aber das ist etwas anderes. Erstens mache ich das ja nicht für mich, sondern für meine Blogleser. Und zweitens habe ich es hier nicht mit einem Superstar, sondern einem Superhelden zu tun.

Life ist nicht verkleidet, er ist wirklich ein Superheld. Er verhindert keine Verbrechen (hat er auch schon gemacht, aber das ist sehr gefährlich und auch ideologisch gefährlich nahe an den umstrittenen Bürgerwehren). Aber jede Woche ist er im Namen des Guten unterwegs. In dunklen Gassen, an zwielichtigen Orten macht er das Leben von Obdachlosen ein bisschen erträglicher. Hier bringt er die dringend benötigte Zahnbürste, da ein sauberes Hemd und eine Rasierklinge (gerade rechtzeitig vor dem Vorstellungsgespräch), dort trockene Socken für durchweichte, von Schimmel bedrohte Füße.

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Bei der Dompteuse

Sunday, 27. March 2011 12:30

Na klar geht es bei einer Hundeschau sauber zu. Deshalb heißt es doch wohl reinrassig. Aber als Alternative zu all den Schauen mit frisch gefönten Schönheiten mit einem Stammbaum so lang wie eine Toilettenpapierrolle gibt es in Brooklyn bereits zum zweiten Mal die Mutt Show – für Promenadenmischungen.

Die stolzen Besitzer melden ihre Tiere hier an, um gegen andere im Wettbewerb um die schönsten Ohren oder den besten Schwanz anzutreten, oder sie stellen sich selbst der Jury im Wettbewerb der Ähnlichkeiten zwischen Herr und Hund. Und manche der kleineren Kläffer scheinen mir Chancen zu haben im Snooki-Lookalike-Wettbewerb (Snooki ist eine Frau mit seltsamer Frisur, die es in den USA zu Reality TV-Ruhm gebracht hat, indem sie möglichst selten irgendeine Erziehung durchscheinen ließ, ich will mal hoffen, dass das von den Hunden nicht auch erwartet wird).

Jedenfalls ist das alles lustig, bis … nun, bis die Menschen mitmischen. Den meisten Applaus bekommt nämlich gar kein Hund. Für die Tiere soll man sowieso nur leise klatschen, die sind schon aufgeregt genug. Genauso wie das Kind, dessen gesichtstätowierte Powermama es auf die Bühne schiebt, damit es seinen Text “Warum mein Hund Brooklyn ist” vorliest. Mir tut das Kind schon allein deswegen Leid, weil es zu diesem schräg-lokalpatriotischen Thema schreiben musste. Und das Kind will nicht vorlesen. Es ist viel zu aufgeregt. Es weint. Seine Mutter nimmt es in den Arm und schiebt es noch ein Stückchen weiter nach vorn.

Schließlich liest es ein wenig, das Publikum feuert es an dabei, “Ja, super machst du das”, ruft einer, na, vielleicht der Stiefvater, denke ich und klatsche leise mit, aber so richtig kann ich mich nicht dazu durchringen, da einzusteigen, ich frage mich, ob ich denn die einzige bin, die die Tränen sehen kann, die da vom Kinn tropfen. Ich mag keinem heulenden Kind noch mehr Zeit auf der Bühne bescheren. Deshalb freue ich mich tierisch, als das Kind nach ein paar weiteren Lesesätzen sagt: “Tut mir Leid, ich kann das nicht”, seiner Mutter den Zettel in die Hand drückt und sich hinter ihren Rücken verdrückt. Nix zu machen, Muttern muss weiterlesen, obwohl Moderatorin und Publikum drängeln (und ich mich fremdschäme). Sich einem solchen Gruppendruck zu widersetzen, das bekommt meinen Applaus. Aus dem Jungen wird sicher noch was.

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Ganz legal

Friday, 25. March 2011 16:53

Manche New Yorker malen gerne an die Wand. Klar gibt es Graffiti hier, aber es ist nicht alles Schrift, was aus der Sprühdose kommt. Es muss nicht mal unbedingt Dosenfarbe im Spiel sein. Murals können überall auftauchen, aber oft steckt dahinter ein Plan.

Diese Werk von Camobudda etwa entstand nicht hinter vorgezogenen Kapuzen, sondern am hellichten Tag. Vorher waren da schon mindestens zwei andere Werke. Der Ladenbesitzer findet das gut so.

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Fifth Avenue-Promi-Wohnung

Thursday, 24. March 2011 12:29

Er gehört einfach zur Fifth Avenue dazu. Die Leute verdrehen sich die Hälse, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Immer noch. Dabei hat er, wenn man mal ehrlich ist, seine Sternstunde vor etlichen Jahren gehabt, dann nämlich, als man ihn gerade entdeckt hatte und er seinen ersten Film drehte. Und jetzt ist er ja auch schon eine ganze Weile mit dieser Lola liiert. Die beiden wohnen hier, oben im zwölften Stock.

Über dem mittleren Fenster in der obersten Reihe sieht man etwas Dunkles. Genau da. Streng genommen also am, nicht im zwölften Stock. Das ist das Nest von Lola und Pale Male. Ein Red-Tailed Hawk (Rotschwanzbussard) mitten in Manhattan, das erschien den richtigen Leuten derart bemerkenswert, dass er zum Filmstar wurde – und der Besitzer eben jenen Hauses, dessen viel zu kleinen Vorsprung sich das Tier Anfang der 90er Jahre als Brutstätte ausgesucht hatte (weitsichtig vielleicht?), sich schließlich auf Bitten von Tierfreunden bereiterklärte, das Nest mit ein paar Metallstäben zu sichern. Die Küken lernen trotzdem fliegen. Inzwischen gibt es rund 50 solcher Nester in New York. Ist eben ein echter Kerl, der Vogel.

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Wie im Fernsehen

Wednesday, 23. March 2011 11:22

Es ist nicht das erste Mal, dass ich außerhalb eines Flughafens durch einen Metalldetektor trete. Aber in einer Schule habe ich das noch nie getan (ich war allerdings auch schon lange nicht mehr in einer Schule, jedenfalls in keiner für Lehrzwecke genutzten; PS1 und PS90 zählen also nicht). Dass man in den gefährlichen USA schon in der Schule nach Waffen suchen muss, kennen Deutsche aus den Fernsehen. Aber gerade diese Schule passt nicht ins Klischee.

Die Frances Perkins Academy ist eine kleine Schule mit Projektunterricht in gerade mal acht Klassenräumen, versteckt in der großen Automotive High School. Ich interviewe ein paar Schülerinnen und Schüler der FPA, und als ich frage, was sie an ihrer Schule ändern würden, kommt als Erstes: Wir wollen eine Schule mit Schließfächern auf den Fluren, wo man dann seine Sachen holt und sich mit Freunden trifft – so wie man das immer im Fernsehen sieht.

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New York Trash: Nachbarschaft

Tuesday, 22. March 2011 16:58

Manchmal sind die Mülleimer verdächtig oft voll. Oder die verknoteten Tüten häufen sich an der Stelle neben der Treppe, wo sie bleiben dürfen, bis sie pünktlich für die Müllabfuhr an den Straßenrand gestellt werden. Wenn da zu oft zu viel Abfall auffällt, schreiben New Yorker Zettel mit mehr oder weniger freundlichen Hinweisen.

Das passiert auch in Gebäuden, in denen keiner wohnt. Zum Beispiel in ehemaligen Industrie- oder Lagerhallen, in denen inzwischen Künstler ihre Ateliers haben. Je nachdem, was sie da so treiben, fällt halt auch umfangreicher Müll an. Dafür besorgen sie sich dann einen Dumpster – einen großen Müllbehälter auf Rollen, in der Größe vergleichbar zu deutschen Müllcontainern.

Aber auch unter coolen Künstlern tritt das altbekannte Problem auf. Dabei ist es gar nicht so schwierig, einen eigenen Dumpster zu bekommen. Man muss aber schon dafür bezahlen.

Mehr Müllgeschichten? Hier gibt es Original New Yorker Kompost und hier steckt die Sonne im Eimer.

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Frühling! Oder: Vernal Equinox

Monday, 21. March 2011 12:05

New York gibt ein Tempo vor, und nicht nur das: Für viele Chancen öffnet sich nur ein kurzes Zeitfenster. Entweder man trifft hinein, oder man hat das Nachsehen, ganz egal, wie schnell man war. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist diese Bank.

Sie ist Waldo Hutchins gewidmet, der zu dem Team gehörte, das die Entwürfe, Gestaltung und Verwaltung des Central Parks in seiner Entstehungszeit überwachte. Die beiden lateinischen Inschriften preisen die gemeinnützige Arbeit – und mahnen zur Erhaltung der Dinge, die uns am Herzen liegen, so dass sie nicht vom Lauf der Zeit zerstört werden. Oben in der Mitte der Bank sitzt passend dazu eine Sonnenuhr.

Das klingt schon nach einer tiefen Verbeugung. Doch für dieses Denkmal im Central Park hat man sich noch etwas viel Raffinierteres ausgedacht: Unten auf dem Boden sind drei feine, gebogene Linien. Zur Equinox, wenn die Sonne genau über dem Äquator steht (in der deutschen Umgangssprache unter Tagundnachtgleiche bekannt), fällt der Schatten der Banksitzfläche um 10, 12 und 14 Uhr genau auf eine der drei Linien, jeweils einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Das will ich mit eigenen Augen sehen (und natürlich mit der Kamera dokumentieren), deshalb hetze ich durch dichten Verkehr und denke, ich komme zu spät.

Ich bin aber, wie man sieht, gar nicht zu spät, sondern zu früh. Wir haben hier nämlich schon Sommerzeit, und so etwas gab es noch nicht, als der Marmor hier graviert wurde. Der alte Stein beharrt auf kurz nach elf. Obendrein, fällt mir aber erst nach der Heimkehr auf, fällt auch das Datum desFrühlingsbeginns immer unterschiedlich aus – und ich hatte mir für 2011 das falsche Datum gemerkt. Ich war gestern schon dort.

Aber heute, als es wirklich soweit ist, stellt sich mein Irrtum als glückliche Fügung heraus: Ich blicke auf Schneeregen, die Wolkendecke hält so dicht, dass kein Sonnenstrahl den Beweis angetreten hätte, dass ich zur rechten Zeit am rechten Ort bin. Aber ich habe jetzt Fotos, die dem, was ich sehen wollte, so nahekommen, dass es mir einleuchtet.

In New York ziehen die Chancen zwar schnell vorbei. Aber es kommen immer wieder neue. Im September kann ich noch mal versuchen, ins Schwarze zu treffen.

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Carnegie Hall: Volles Haus

Sunday, 20. March 2011 16:07

Ihre Tochter war irgendwo da unten. Wo genau, kann sie nicht sagen. “Das hier war ein Platz, den ich mir leisten konnte”, sagt sie, und ich nicke wissend. Weiter unten geht man durch hübsche Türen, die einem das Gefühl geben, in die Familienloge einzutreten.

Wir hingegen sitzen oben im Dressing Circle der Carnegie Hall, wo fast alle durch dieselbe Flügeltür hineinkommen, und wo die Platzanweiserin immer wieder bellt: Keine Fotos. Wir dürfen es zwar nicht dokumentieren, aber: Wir sitzen genau in der Mitte. “Ein Opernglas wäre nicht schlecht”, räumt die Frau ein. Sie hat ihre Brille vergessen. Hätte sie mir früher gesagt, dass sie kurzsichtig ist, hätte ich doch versucht, ihr meine Sehkraft – oder zur Not meine Brille – zu leihen.

Wir freuen uns. Eben haben wir die Weltpremiere des Festival Te Deums von David N. Childs erlebt, und die Tochter der Frau neben mir war eine der Chorsängerinnen. Eine andere war auf Krücken hineingehumpelt, um sich dann in der Mitte der ersten Reihe auf ein Barhocker zu hieven. So etwas will man ja nicht wegen eines kaputten Fußes verpassen, sind wir uns einig.

Ganz jung sind die Menschen, die unten auf der Bühne singen, trompeten, auf die Pauke hauen und so weiter. Für den Chor der Tochter meiner Nachbarin gab es zwar eine gemeinsame Busfahrt auf dem Hinweg. Nach Hause kommen müssen die Sängerinnen und Sänger aber in Eigenregie. “Sie haben wohl gedacht, dass sowieso alle Eltern kommen”, lacht die Frau, bevor sie sich auf den Weg macht, um die Mitfahrgelegenheit für sich und ihre Tochter im Gewühl zu finden. So kriegt man den Saal natürlich auch voll.

Thema: High Tea, Kultur, Menschen | Comments Off | Autor:

Wenn der Lieferant kommt

Friday, 18. March 2011 17:21

Ich hätte es glatt übersehen. Meiner Ansicht nach deutet meine Begleiterin auf eine schnöde Wand.

Für einen Augenblick schaue ich verwirrt, dann erst stellt mein Auge scharf.

Thema: High Tea, Rätselhaftes | Comments Off | Autor: