Beiträge vom April, 2011

Stille Post

Saturday, 30. April 2011 11:22

Ich warte auf die Fahne. Mit der Fahne kommen die Worte, die mir Paul zuflüstern wird und die ich der Frau hinter mir sagen soll. Sie kommen von Lama Pema Wangdak, und wenn wir alle sie weitergesagt haben, kommen sie bei Salman Rushdie an. Wir sind eine Karmakette, und ich habe Glück: Ich bin ein Stück vor Nummer 200 in der Schlange im High Line Park, und damit stehe ich in einem sonnigen Abschnitt.

Was wir weitersagen, kommt in drei Teilen, begleitet von drei Fahnenträgern. Nachdem alle Fahnen vorbeigezogen sind, kommt der Lama. Je nachdem, wie man ihm begegnet, schüttelt er Hände, nickt, lacht. Wir folgen ihn zum Endpunkt, wo Salman Rushdie wartet. Vorher kam er schon an der ganzen Schlange vorbei. Einfach so. Ich dachte, da kommt ein Riesenaufgebot an Leibwächtern mit Wichtigkeit ausstrahlenden Knöpfen im Ohr. Aber ich sehe keinen, der diese Art von Kommunikation trägt. Hier wird nur geflüstert.

Salman Rushie sagt dann, was er am Ende dieser besonderen stillen Post verstanden hat. Abgesehen vom Mittelteil ähnelt es dem, was ich verstanden habe:

“Follow the glass stone

the droid from hell

(hier kichern wir alle)

if anything exists, it changes.”

Danach bekommt der Lama das Mikro. Er sagt zunächst auf Tibetanisch, was er am Beginn der Karma Chain gesagt hat. Aber auf Englisch ist es auch nicht kürzer. Da haben wir aber ganz schön komprimiert.

“Like a shimmering star, or a flickering lamp,

a fleeting autumn cloud, or a shining drop of morning dew,

a phantom, a dream, a bubble, so is all the existence to be seen.”

Zweimal liest er uns das vor. “Habt ihr das jetzt verstanden?”, fragt er schmunzelnd. As if, wie man hier sagen würde. Dann macht Robert Paul und mich auf ein Detail aufmerksam.

Der Lama liest seine Notizen von einem Smartphone ab.

Karma Chain war eine Veranstaltung des PEN World Voices Festival of International Literature.

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Das rote Klavier

Friday, 29. April 2011 19:55

Ein Klavier, ein Klavier! Nein, Loriot flimmert mir nicht über den Bildschirm. Ich schaue auf gar keinen Bildschirm. Sondern da steht ein Klavier, es entgeht mir beinahe, so eingezwängt zwischen dem Terrarium mit dem reglosen Reptil und dem Regal voller Kinderbücher.

Hier könnten Freunde von mir wohnen. Auf ihre Terrasse hinten wäre ich dann heimlich neidisch. Aber hier wohnt überhaupt niemand. Außer der Echse. Der Community Bookstore in Park Slope nimmt bloß seinen Namen ernst. Hier kann man sich aufs Sofa setzen und sich unterhalten (mach ich auch glatt). Oder man setzt sich ans Klavier. Sofern man den Hausregeln folgt. Die wiederum sind selbstverständlich in gar treffliche Worte gefasst.

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U-Bahn-Kunst: Müllbeutel

Thursday, 28. April 2011 13:28

Ha! Ich sehe es und denke an meine Serie über  New Yorker Müll. Daraus baue ich doch gleich eine neue Reihe. Diesen Müllmann hier treffe ich nämlich in der U-Bahn. Die Pleitestadt New York und ihre angeschlagenen Verkehrsbetriebe mögen zwar vielleicht mit fünfzig Jahre alten U-Bahn-Signalen wirtschaften. Aber sie geben auch Künstlern den Auftrag, sich etwas zu einer U-Bahn-Haltestelle auszudenken.

Hier, unter der Prince Street, waren Janet Zweig und Edward del Rosario am Werk. Der Müllmann ist nur eine von vielen Figuren in der Wand. Sie haben nicht den Großstadtdreck gemeinsam, sondern das Handeln: “Carrying On” heißt das Gesamtwerk. New Yorker verstehen das doppeldeutig.

Thema: High Noon, Kunst | Kommentare (1) | Autor:

Rätsel: Verrückte Perücke?

Wednesday, 27. April 2011 13:26

Dieses Rätsel ist zunächst gar keins. Mehr so eine Ahnung. Irgendwas stimmt da doch nicht, das habe ich im Hinterkopf, als ich mich suchend umdrehe. Ein öder Hof hinter Gittern, na und?, denke ich erst. Und dann sehe ich es.

Kann doch gar nicht sein, dass hier Leute wohnen, deren Nachnamen seltsam Sinn ergeben. Am Ende bin ich hier auf eine Sammelstelle gestoßen, deren Hintergrund bloß nicht hinter meine enge Stirn vordringt.

Mehr New York-Rätsel? Hier oder da oder auch dort.

Thema: Rätselhaftes, wait a second | Comments Off | Autor:

Next Bus, please

Tuesday, 26. April 2011 13:31

Diese Stadt hat mich verdorben. Wenn ich das zugebe, will jegliches Gegenüber immer gleich ein Beispiel hören. Erst einmal konkretisiere ich: New York verdirbt einen für das Leben anderswo. Das fiel mir auf, als mich neulich ein Besucher aus meiner Heimat fragte, ob die U-Bahnen die ganze Nacht durchfahren. Ich sagte erst einmal nichts, und ich fürchte, ich schaute ein wenig dümmlich aus der Wäsche. Es dauerte halt einen Moment, bis ich die Frage verstand. “Ja”, sagte ich also, und schluckte das “klar!” betreten herunter.

Ich möchte mir nicht vorstellen, wieder Fahrpläne auswändig lernen zu müssen.

In New York geht man in die U-Bahn und wartet vier, fünf Minuten, bevor man entweder in einem Waggon verschwindet oder beginnt, Anzeichen von Unzufriedenheit zu zeigen. New Yorker schimpfen über den Verkehr noch lieber als über das Wetter. Und wenn die Bahn nicht nach zwei, drei Atemzügen kommt (was nicht zum Fahrtakt passt), ist das ein Anlass zum Schimpfen. An der Bushaltestelle geht das besonders gut, weil die Busse noch viel mehr vom nicht-öffentlichen Verkehr abhängen und, nun ja: darin hängen bleiben. Ganze Fahrgastgruppen rotten sich zum Mob zusammen, wenn denn nach einer Weile zwar ein Bus auftaucht, in dessen Anzeige aber nicht die gewünschte Liniennummer, sondern “NEXT BUS PLEASE” prangt.

Und jetzt stehe ich an der Haltestelle und sehe das:

Mit BusCrowd will einer ein Informationssystem darüber aufbauen, wann der nächste Bus kommt. In manchen U-Bahnen gibt es schon diese Anzeigetafeln, die in Deutschland recht verbreitet sind (und hier die Speerspitze der Modernität). Und jetzt soll die Website, die sich mit Smartphones ansteuern lässt, dasselbe mit Busfahrzeiten machen. Die Daten sollen von Passagieren kommen, die Bescheid geben, wenn sie an ihrer Haltestelle einsteigen. Noch funktioniert es nicht. Es fehlen die Mitmacher.

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Achselzucken in Europa

Monday, 25. April 2011 13:24

Das Problem sind nicht Schwierigkeiten, die einem jemand bewusst in den Weg legt. Absagen, Verbote, die Feindseligkeiten. Wenn etwas die Arbeit behindert hat, dann war es Gleichgültigkeit.

Mila Turajlic hat mehrere Jahre lang an “Cinema Komunisto”, einem Film über die jugoslawische Filmindustrie gearbeitet. Deshalb hat ihr in Serbien niemand Ärger gemacht. Aber viele ihrer Briefe, in denen sie fragte, ob sie hier ein paar Stunden drehen oder dort ein Archiv einsehen darf, blieben unbeantwortet.

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Osterspaziergang

Sunday, 24. April 2011 11:37

Die feinen Damen haben damit angefangen. Zu einer Zeit, als “feine Dame” noch ein gebräuchlicher Begriff war und “hip” ein Körperteil. Zum Kirchgang trug man Sonntagsstaat (was sich hier in manchen Gegenden gehalten hat), inklusive Hut, und zu Ostern zeigten die feinen Damen, was sie hatten. So wurde daraus nicht nur eine Osterparade auf der Fifth Avenue, die mehr einer Flaniermeile als einer ordentlichen Parade gleicht, sondern auch eine Hüteschau. Ganz ohne Pferderennen.

Als erstes treffe ich auf ein Grüppchen, das sich märchenhaft zurechtgemacht hat.

Unbestritten am stärksten von Kameras umlagert ist eine Frau, deren Blumenungetüm mindestens Pfauenradausmaße hat (und mit einer Hand gestützt werden muss).

Aber mich begeistert – und überrascht, oh ja, ich bin von Vorurteilen behütet hergekommen – am meisten, dass ich hier auch auf stilbewusste Menschen treffe. Vornehme Herren und feine Damen.

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Earth Day

Friday, 22. April 2011 15:51

Heute ist Earth Day, und das nimmt der eine oder andere in New York prompt wörtlich. Dieses Fleckchen Erde finde ich mitten drin im Gewusel des Farmers Market auf dem Union Square. Dort ist es hingefahren.

Ich freue mich, das in natura zu sehen. Schon den ersten Film fand ich so super, dass ich beinahe zu Raul gesagt hätte, wir brauchen eigentlich nichts mehr zum Thema Urban Farming zu machen. Und jetzt gehen die Farm Trucks in Serie: 25 dieser Art sollen dieses Jahr durch verschiedene US-Städte rollen, und einen Wettbewerb gibt es auch. Natürlich.

Thema: High Tea, Lifestyle | Comments Off | Autor:

Heldengrab

Thursday, 21. April 2011 19:37

Da sind ja gar keine Kerzen! So haben wir aber nicht gewettet. Das hier war als Candlelight-Tour angekündigt, und ich hatte es mir so ein bisschen gruselig vorgestellt (und mich gefragt, wie das dann mit den Fotos gehen soll). Und draußen ist es ja noch hell, als wir ankommen. Aber das wird schon. Ein Ranger erklärt uns erst mal, warum General Grant letztlich auch für seinen Job verantwortlich ist.

Der Mann, der im Bürgerkrieg zum General aufstieg und später Präsident der Vereinigten Staaten wurde, hat nämlich auch den ersten Nationalpark gegründet. Um das zu bewahren, was Amerika ausmacht, erklärt der Ranger: Geschichte und Natur. “Wenn der jetzt hier rumlaufen könnte”, sagt er, und der Mann neben mir dreht sich um, schaut nach hinten und unten, wo die Särge stehen. Da rührt sich aber nichts. Aber wenn, dann wäre der General nicht begeistert von seiner Ruhestätte.

Er war immer ganz bescheiden, tat seine Pflicht (das hebt der Ranger immer wieder hervor; er selbst war früher in der Armee) und mochte keinen Pomp. Aber seine vielen Fans im Volke wollten ihm unbedingt ein Denkmal setzen. “Wenn ein Mann zum Helden geworden ist, dann liegt das Leben nicht mehr in seiner Hand”, sagt der Ranger. “Nicht mal im Leben nach dem Tod.”

Thema: Architektur, Geschichte, High Life | Comments Off | Autor:

Straßenkreuzer

Wednesday, 20. April 2011 12:50

Über die Straße oder über den Jordan? In Los Angeles scheint das nahe beieinander zu liegen. Hier läuft man eher selten, man fährt mit dem Auto. Falls aber doch einmal jemand zu Fuß geht, wird ihm hier ordentlich erklärt, was die seltsamen Zeichen an der Seite der Ampel bedeuten, die man vom Auto aus kaum wahrnimmt.

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Köttelbecke

Tuesday, 19. April 2011 10:48

Kaum bin ich in Los Angeles, zieht es mich zum Wasser. Das kommt wohl davon, wenn man auf einer Insel lebt. Wasser wird Heimat. Was ich jetzt mache, bringt mich aber ganz anders der Heimat näher, als ich dachte. Das liegt daran, dass so viele Erinnerungen jahrzehntelang keinen Auslöser hatten. Vergessen Nummer Eins: Ich wusste schon mal mehr über den LA River. Aber erst als ich hingefahren und um die letzte sichtverstellende Ecke gebogen bin, fällt es mir wieder ein, und ich schmunzle vor mich hin.

Na klar, das kenne ich doch aus Büchern und Filmen: Der LA River ist kein reißender Fluß, sondern ein einbetoniertes Kanälchen, das aber immerhin ganz schön schnell sein Wasser den Bach runtergehen lässt. Jetzt fällt es mir wieder ein. Aber seltsam bekannt kommt mir das hier aus ganz anderem Grunde vor: Plötzlich schwirrt mir das Wort Köttelbecke im Kopf herum. Da, wo ich herkomme, gab es so was. Was hat uns eine davon als Kinder fasziniert, immer wenn da nichts floss, was in meiner Erinnerung sehr oft vorkam, wollten wir in der Vertiefung spielen, auch wenn die Eltern eindringlich davor warnten, dass man da ganz leicht ertrinken kann, weil man die glatten Wände nicht hochkommt. Wände, an denen Klopapierfetzen hingen.

Das hier riecht aber gar nicht. Jedenfalls nicht so, wie ich es in Erinnerung habe.

Thema: draußen, High Noon | Kommentare (2) | Autor: