Beiträge vom May, 2011

Friedenspanzer

Tuesday, 31. May 2011 16:50

Wie gestern schon angekündigt: Das hier ist total von gestern. Da war Memorial Day. Der offizielle Start des Sommers, und der offizielle Tote-Soldaten-Gedenktag, an dem es diverse traditionelle Aktivitäten gibt, aber das kann man auch anderswo bequem nachlesen. Ich lenke den Blick lieber auf bunte Bänder.

Die hängen nicht nur heute am Zaun rund um die Marble Collegiate Church. Die Gemeinde setzt sich mit den Kriegen auseinander, an denen die USA beteiligt sind. Seit dem dritten Jahrestag des Kriegsbeginns im Irak beten die hiesigen Kirchgänger jede Woche für die Menschen, die von diesem Krieg (und dann auch dem in Afghanistan) in Mitleidenschaft gezogen wurden, und dann hängen sie Gedenkbänder auf.

Gelb steht für Armeeangehörige, die im Krieg gefallen sind – jeder bekommt ein eigenes Band. Ich habe selten eine Stelle gesehen, an der so deutlich sichtbar gezeigt wird, wie viele US-Soldaten schon gestorben sind. Und das ist länst nicht alles: Blau steht für die Iraker und Afghanen, die im Krieg gestorben sind, verletzt wurden oder einen Angehörigen verloren haben. Und grün steht für die Friedensgebete dieser Kirche.

Diese Woche ist nicht nur Memorial Day. Es ist im Moment auch Fleet Week in New York. Neun Kriegsschiffe liegen hier vor Anker. Und die Soldaten haben Landgang.

Thema: Geschichte, High Tea, Lifestyle | Comments Off | Autor:

Sinneswandel

Monday, 30. May 2011 20:17

Oft passieren mehr Sachen an einem Tag, als ich Zeit für Geschichten hätte (oder für korrekte Grammatik). Heute ist so ein Tag, und es ist unmöglich, die beiden Geschichten aufzuteilen. Wenn dem schon mal so ist, erzähle ich eben die spätere zuerst. Die andere kommt morgen.

Natürlich ist R. derjenige, der hinterher sagt, ich hätte die ganze Zeit falsch gelegen. Das liegt aber nur an R.s Humor. Er war nämlich derjenige, der zwar mitkam, aber so gar nicht interessiert erschien. Ich lerne dabei eine hübsche neue Formulierung für etwas, das zwischen “der Lack ist ab” und “hat seinen Reiz verloren” liegt. Wir sind zum zweiten Mal hergekommen, um Manhattanhenge zu sehen, und zum zweiten Mal sieht es so aus, als würde da nichts passieren. “Ich habe schon zig Fotos von den Straßenschluchten Manhattans”, moppert R. also, besteht aber darauf, dass wir solange bleiben, wie ich es für richtig halte. Ist klar. Damit hinterher alles meine Schuld ist.

Ich finde es spannend, was unten passiert, auf der Straße unter der Brücke. Später, als R. dann doch zu mir in die Mitte kommt (nachdem er mich vorher zweimal vor Polizisten gewarnt hat, ich will mir ja nichts zuschulden kommen lassen) und ich erst denke, das ist jetzt abermals der Grund, sagt er: “Das ist ja wie Woodstock hier”, aber da haben sie uns schon. Die Manhattanhenge-Gläubigen haben recht. Am Ende kommt alles genau da hin, wo es hin soll. Und wer in New York lebt, muss das einmal erlebt haben. Auch wenn ich vorher gesagt habe, es wäre doch ein schönes Ritual, wenn R. und ich und immer wieder träfen, nur um abermals kein Manhattan Henge zu sehen.

Anarchie im Straßenverkehr. Nur ohne Schlamm. Und einfach nur ein Himmel in Sonnenuntergangsfarben. Und so bleibt das bis kurz vor Schluss. Man muss sich zwischen diesem Bild und dem nächsten ganz, ganz viel Langeweile vorstellen. Aber dann kommt sie, die Sonne. Genau in die Lücke hinein. Und natürlich sind ständig Autos im Weg.

Thema: High Life, Stadtrundfahrt | Comments Off | Autor:

Rätsel: Balkonien

Sunday, 29. May 2011 13:16

Ich frage mich, wie so ein Balkon hält, an dem lauter Kübel mit Pflanzen hängen, gegen die Geranien wie ein bunter Fliegenschiss aussähen. Vielleicht wachsen ja deshalb die Sträucher von unten so wild an einer Ecke, die ansonsten völlig urbanisiert ist. Die wollen nur stützen.

Thema: Architektur, Grünzeug, wait a second | Comments Off | Autor:

Fette Tradition

Saturday, 28. May 2011 16:33

Die Konkurrenz ist hart. Pizzabuden streiten schon im Namen darum, wer das Original hat (und natürlich damit auch gleich die beste Pizza), Vergleiche sind erlaubt und damit auch präsent (da wirbt schon mal eine Fastfood-Bude damit, dass ihr Junkfood weniger Kalorien hat als das der anderen). Überhaupt führt Restaurantwerbung in New York oft die unterschwellige Botschaft mit sich: Wir hier sind besser als die da drüben.

Bei Eisenberg’s bellt die New Yorker Ruppigkeit aber nicht nur die Konkurrenz an. Hier bekommen auch potenzielle Gäste ihr Fett weg.

Und was gibt es da? Nun, die Slogans auf den T-Shirts, die der Chef vor zwei Jahren zum 80-Jährigen drucken ließ, fassen es am besten zusammen: “Raising New York’s cholesterol since 1929″.

Thema: Essen, High Tea, typisch New York | Comments Off | Autor:

Auf Pump

Friday, 27. May 2011 22:06

Immense Situationen versteht man ja oft am besten anhand der ganz kleinen Dinge. So geht mir das jetzt auch. Klar ist mir bekannt, wie das mit der Wirtschaftskrise vonstatten ging. Immobilienkredite an Leute, die sich gar kein Haus leisten können und so fort. Aber zumindest meiner Perspektive gibt es dieses gewisse Etwas von Realität, als ich mit X spreche, dessen Namen ich zu verschweigen versprach. Er arbeitet in der Autobranche. Und er beobachtet einen massiven Wechsel. Und er sieht den ganz neutral.

Vor, sagen wir mal, 2008, sagt er, war das echt anders. Also nicht im Kundenverhalten. Gerade diese Woche hatte er wieder Leute, die im Jahr 20.000 verdienen und ein Auto für 50.000 haben wollen, für das sie eine Monatsrate von 200 Dollar abstottern wollen. Denen rechnet er dann aus, was sie sich leisten können, falls sie denn die Raten bedienen können. Repo heißt das, was sonst passiert, und wofür er schon mit einer Waffe bedroht wurde. Oft, so sagt X, schaffen sie gerade mal zwei Raten, und dann kommt nichts mehr von ihrer Seite, wohl aber von Seiten des Autohauses. Reposession. Wiederinbesitznahme.

Das finde ich ja schon unheimlich. Aber vor, sagen wir mal, 2008, sagt er, war das noch anders. Da haben die Banken einen Kredit für ein 40.000 Dollar teures Auto gewährt, auch wenn man nur 20.000 im Jahr verdient. Und sie wollten nicht viel dafür sehen. Während sie jetzt, so sagt er und macht große Augen, dafür einen Einkommensnachweis sehen wollen.

All das im Hinterkopf ändert aber nicht viel. Der freundliche Mann rät mir ganz dringend, mir hier eine so genannte Credit History aufzubauen. Da hake ich nach. Aber wenn ich mir hier nie ein Auto, ein Haus oder so was kaufen will?

Egal, sagt er. Kreditwürdigkeit ist alles. Das ist eben die Welt, in der wir leben.

Was wir denn jetzt aus der Wirtschaftskrise gelernt haben, kann er mir auch nicht sagen.

Thema: High Life, Lifestyle, Menschen | Kommentare (2) | Autor:

Von wegen Nachtschicht

Wednesday, 25. May 2011 21:51

Es gibt viele Coworking Spaces in New York, aber einen nur für die schreibende Zunft hatte ich bisher noch nie gesehen.

Bei Paragraph kann man sich ein ruhiges Plätzchen zum Schreiben mieten. Manche tun das, um sich verpflichtet zu fühlen und endlich den Roman fertigzukriegen, manche brauchen einen Ort, an dem sie ihren Zwei-Seiten-Essay in Angriff nehmen. Dafür gibt es auch eine günstige Teilzeit-Mitgliedschaft: Dann darf man wochentags nur zwischen 18 und 11 Uhr hinein. Ich denke, ha, das passt ja wunderbar zum Schriftsteller-Klischee. Nachtarbeiter. Aber dann erklärt mit Lila, dass dieses Angebot besonders oft von Frühaufstehern genutzt wird. Morgens um sechs ist hier echt was los. Vielleicht sollten sie es Early Bird Special nennen.

Thema: High Life, Lifestyle | Kommentare (1) | Autor:

Geschichte ist Geschichte

Tuesday, 24. May 2011 13:50

Das ist jetzt auch vorbei. Oder auch nicht. Schließlich laufe ich oft genug darüber hinweg. Was nach Straßenkunst aussieht, ist bloß Werbung. Versus ist ein Sportsender, und was da steht, ist der berühmte Slogan zu Play-Offs, die schon längst wieder gelaufen sind. Aber die Schablonenkunst bleibt halt über die Stadt, ach, was sage ich: über das ganze Land verteilt.

Hab ich jetzt etwa ein Rätsel verdorben?

Thema: Lifestyle, wait a second | Comments Off | Autor:

Rauchzeichen

Monday, 23. May 2011 13:25

So, das ist nun auch vorbei. Man darf kein Feuer machen im Park, und Rauchen jetzt auch nicht mehr. Die New Yorker Park-Mitarbeiter finden unterschiedliche Wege, darauf hinzuweisen. Als schnödes Schild an Stellen im Central Park, wo ich kaum Raucher vermute …

… und mitten im Weg im Bryant Park, wo sogar die stillen Örtchen superschick und sauber sind.

Aber New York wäre nicht New York, wenn es keine Bürgerinitiative gäbe, die genau das hier als Grund sieht, sich aufzuregen. Die New York Citizens Lobbying Against Smoker Harrassments (etwa: New Yorker Bürger gegen die Behelligung von Rauchern) haben für den 28. Mai ein Smoke-In angekündigt. Allerdings weit, weit draußen vor der Stadt.

Thema: High Noon, Parks | Comments Off | Autor:

Kein Weltuntergang (erst mal)

Sunday, 22. May 2011 16:47

Jetzt ist die Welt doch nicht untergegangen. Für die meisten jedenfalls. Bei Robert Fitzpatrick bin ich mir da nicht so sicher. Er hat seine ganzen Ersparnisse darauf verwendet, New York mit Plakaten zu überziehen, die den Weltuntergang ankündigen (und sein Buch dazu, das er im Eigenverlag herausgebracht hat).

Ich war gespannt darauf, was Weltuntergangsverkünder eigentlich machen, wenn der Armageddon ausbleibt. Robert Fitzpatrick wirkte recht verstört. Er habe sich geirrt, sagte er. Und ging.

Er ist aber gar nicht derjenige, der das Datum festgelegt hat – er hat nur fleißig missioniert. Seine Glaubensgrundlage stammt vom Radioprediger Harold Camping. Den verstehe ich noch viel weniger. Ich hatte Muttersprachler gebeten, mir auf die Sprünge zu helfen, aber sie sagen, seine Reden ergäben auch in ihren Ohren keinen Sinn.

Aber kaum bricht in Island wieder ein Vulkan aus, freut sich Camping öffentlich. Nun ist nämlich doch was passiert, und nur mit ein paar Stunden Verspätung. Was ist das schon im direkten Vergleich mit der Ewigkeit.

Thema: Lifestyle, wait a second | Comments Off | Autor:

Fragengewitter

Saturday, 21. May 2011 14:23

Für den dritten Teil müssen wir alle aufstehen. Wir werden “Q+A” von Darren O’Donnell erleben, und das kann man nur erleben, wenn man mitmacht. Ross Simononi liest Anweisungen vor. “Setz dich, wenn du mehr als drei Sprachen fließend sprichst.” – “Setz dich, wenn du öffentlich zugibst, dass du gern deine eigenen Fürze riechst.” – “Setz dich, wenn du noch nie Fleisch probiert hast.” Und so weiter.

Wir stehen (oder setzen uns) in der berühmten New York Public Library, die gerade ihr Hundertjähriges feiert. Ich habe mich so gefreut, herzukommen. Einmal abgesehen davon, dass es hier so schön ist: Diese Veranstaltung des Literaturmagazin The Believer heißt “QNA: A Roundtable Discussion on the Art of the Interview”, und eben habe ich den Meistern des Fachs lauschen dürfen bei Anekdoten und Erkenntnissen und Warnungen aus dem Berufsalltag, der mir so am Herzen liegt. Claudia Dreifus, Dick Cavett, Lorin Stein und Kenneth Goldsmith sagen all diese geistreichen Dinge über Interviews. Sie nähren so intensiv die am weitesten verbreitete Angst unter Interviewern mit Katastrophengeschichten, wie mal die Technik versagte, dass ich mir sofort ein zweites Aufnahmegerät kaufen will. Sie geben mir endlich Kanonenfutter gegen mein schlechtes Gewissen, wenn ich mich bei Fragen wie “Was war denn dein interessantestes/liebstes/bestes Interview?” winde. Sie teilen das Entsetzen, wenn sich einer der persönlichen Literatur-Helden im Interview als jemand entpuppt, der keinen vernünftigen Satz sagen kann.

Und jetzt steh ich hier und fühle mich immer unwohler, weil keine Frage kommt, bei der ich mich setzen darf, und ich denke: Ha, das ist echt ein tolles Theater. Bei der Anweisung “Setz dich, wenn du kein Deo oder ähnliches benutzt” setzen sich nämlich verdächtig viele Leute. Die lügen doch, denke ich, weil sie nicht mehr so im Fokus stehen wollen. Ich würde mich auch gern setzen. “Setz dich, wenn du dir schon mal einen Knochen gebrochen hast.” – “Setz dich, wenn du noch nie ein Handy besessen hast.” – “Setz dich, wenn du gepiercte Brustwarzen hast”. Ich kann mich nicht zum Lügen durchringen. Wir sind nur noch zu zweit, stellen die beiden Moderatoren fest. Ich weiß nicht, wer da noch steht oder bei welcher Frage er oder sie sich  setzt, aber ich bin die Letzte, die steht.

Ich soll auf die Bühne kommen. Meinen Namen sagen. “Meine Damen und Herren, wir haben hier die langweiligste Person im ganzen Publikum.” Kichernd verneige ich mich. Und dann darf ich mich endlich setzen. Auf der Bühne. Das Publikum darf mich fragen, was es will, und ich habe das Recht, Fragen nicht zu beantworten. Ich beantworte aber alle. Nur nicht unbedingt immer so, wie die Leute sich das gedacht haben.

Thema: High Noon, Kultur | Kommentare (2) | Autor:

Notenleser

Friday, 20. May 2011 0:27

So machen die das also! Fragen ist ja nun mal mein Geschäft, und ich bin zwar gar nicht im Dienst, aber besinne mich darauf, dass ich das jetzt mal wissen will. Also frage ich den Schlagzeuger (für Kenner: Ziv Ravitz!), wie das eigentlich funktioniert, wenn eine Sängerin wie Becky Mimiaga nur mal eben für einen Abend eine Band zusammenstellt, in der die Musiker noch nie zusammen gespielt haben.

Genau, sagt er, sie hat ihre Songs komplett in Partitur notiert und für alle Musiker ausgedruckt. Fürs Schlagzeug steht da aber doch gar nichts, sage ich. Ziv lacht. Bei manchen Songs hat sie so eine grobe Vorstellung, aber meistens spiele ich das, was ich höre.

Das stimmt natürlich nicht so ganz. Ich habe ihn nämlich dabei beobachtet, wie er sich den nächsten Song buchstäblich vor Augen führt, die Noten weit auseinanderfaltet und wie ein Buch liest, bevor er sie auf den Notenständer stellt und zu spielen beginnt. Das ist der Handwerksteil. Und dann machen sie alle, was sie hören. Ziv stellt einen Schlagstock senkrecht aufs Becken, dreht und vibriert einen hohen Ton heraus, Nick lässt eine Saite schnarren und Becky holt irgendetwas Dunkles mit Krallen zwischen ihren Stimmbändern hervor.

Thema: High Life, Kultur, versacken | Comments Off | Autor: