Beiträge vom June, 2011

Vorgefeiert

Thursday, 30. June 2011 21:39

Für Abergläubische ist das nichts. Nicht nur, dass hier schon vor dem Geburtstag gratuliert wird. Sondern auch noch groß gefeiert: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Amerika! Es dauert zwar noch vier Tage bis zum 4. Juli, aber wir lassen schon mal ein paar Raketen steigen.

Das kommt mir zupass. Ich gehe nicht zu Massenveranstaltungen, das berühmte Macy’s-Feuerwerk schaue ich mir lieber im Fernsehen an, als mit tausenden Leuten stundenlang in der Hitze zu stehen. Aber – auch wenn das für New Yorker sehr, sehr schwer zu verstehen ist – New York ist ja nicht die einzige Stadt in den USA, und anderswo gibt es auch Feuerwerk. Selbst in New York reicht das mit dem einen nicht aus, und das ist meine Chance. Heute wird im Astoria Park in Queens vorgefeiert.

Erst mal spielt das Astoria Symphony Orchestra, ich habe ein schönes Plätzchen gefunden, von dem aus ich zwar das Feuerwehrschiff nicht sehe, das von da hinter den Bäumen patriotisch Wasser strahlt (es hat auch bei 9/11 mitgeholfen), aber ich sehe den Wasserstrahl. Der Mann auf der Familiendecke neben mir bietet mir in Englisch mit Akzent etwas zu trinken an, und Cupcakes, die hat seine Frau gebacken, sie macht das so gerne.

Und dann ist es auf einmal dunkel, und nach einer lakonischen Ansage feuern die Feuerwerker, was das Schwarzpulver hergibt. Natürlich lässt sich das in einem Bild schlecht einfangen. Ebensowenig wie die Haltung der New Yorker um mich herum: Da hört man nicht nur Ooohs und Aaahs, sondern Jubel. Und zum Schluss wird geschrien und geklatscht, als wäre da gerade ein Rockstar vom Himmel gefallen.

Thema: High Life, Lifestyle | Comments Off | Autor:

Moment mal: Krötenwanderung

Wednesday, 29. June 2011 23:30

Ich habe heute leider keine Schildkröten für euch. Am Wochenende wollte ich eigentlich in das Insel-und-Marschland-Labyrinth der Jamaica Bay in Queens, aber ich fand keinen Weg, um genau da hinzukommen, wo es mich hinzog, und  ich entschloss mich dagegen, es einfach da in der Nähe zu versuchen. Sonst hätte ich jetzt vielleicht ein passendes Foto.

Ich wollte die Schildkröten besuchen. Deren Paarungszeit fängt jetzt an, dann sind die – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – ganz schön aktiv. Und behindern damit manchmal den Verkehr. Diese besondere Art der Krötenwanderung ist heute in den Nachrichten gelandet (am Wochenende gab es zwar auch schon dasselbe Problem, aber ich glaube, das hatte kein Konzern getweetet, dem News-Reporter folgen).

Die Schildkröten-Wanderroute führt nämlich durch den John F. Kennedy-Flughafen – und da musste heute früh schon wieder eine ganze Horde von weit über hundert Schildkröten von der Landebahn geklaubt werden. Sehr lustig, die Kommunikation zwischen Pilot und Tower, die ein Nachrichtensender begeistert abspielt. Ich frage mich, ob Schildkröten wohl auch durch Tunnel kriechen würden. Die Forderung nach Krötentunneln auf dem Flughafen würde doch eine hübsche Grundlage für eine Bürgerinitiative abgeben. Vielleicht käme sie sogar in die Nachrichten.

Thema: draußen, Rätselhaftes, wait a second | Comments Off | Autor:

Angeschmiert

Tuesday, 28. June 2011 21:56

Ich kannte mal einen Dachdecker, der meistens irgendwo Bitumen an sich kleben hatte. An den denke ich. In der Umgebung sind zwar sowohl Baustellen als auch Industriegebäude, aber ich glaube nicht recht, dass das wirklich dieses Teerzeug ist. Vielleicht – immerhin – Fliesenlegersilikon. Anfassen mag ich es nicht. Aber anschauen. In meinem Hirn hüpft dabei ein Kindergartensatz wie ein Flummi herum und pocht mir von innen gegen den Schädel. Wie haben die das gemacht? Egal. Es schrammt jedenfalls nur ganz knapp an buchstäblicher Streetart vorbei: auf dem Gehsteig, neben der Straße.

Update: Paul Richard, der Künstler hinter diesem Werk, macht so was auch auf Papier. Danke für den Tipp, Arnold Voß!

Thema: High Life, Kunst | Kommentare (1) | Autor:

Die ganze Bagage

Monday, 27. June 2011 12:46

Am Wochenende habe ich die letzten von ihnen gesehen: Schick gemachte Schulabgängerinnen, die für Fotos posieren. Das zog sich eine Weile, weil die Schulen ihre Feiern auf verschiedene Termine legen. Aber jetzt sind sie alle fertig. Und vor allem haben auch diejenigen, die noch nicht fertig sind, jetzt schulfrei.

Anders als in Deutschland sind die Sommerferien in den USA sehr, sehr lang. Sie beginnen im Juni (manchmal sogar schon Ende Mai), und erst um den Labour Day im September herum öffnen die Schulen wieder ihre Tore (oder Metalldetektoren). Das stellt viele Eltern vor ein Problem: Wohin mit den Blagen? Manche haben ein Sommerhaus irgendwo, ein Elternteil fährt dann mit der ganzen Bagage dort hin, der andere kommt an Wochenende dazu. Oft arbeiten aber beide Elternteile. Und dann schickt man, wenn es eben geht, die Kinder ins Sommercamp.

Nun haben die meisten Leute eh schon Schwierigkeiten, bei einem zweiwöchigen Urlaub die Dinge, die sie zu brauchen glauben, in einen Koffer gequetscht zu kriegen. Jetzt geht es aber um ein paar Monate Ferien. Die Lösung dafür sieht herrlich altmodisch aus (dasselbe Equipment sieht man übrigens bei Luxus-Kreuzfahrten und in der Entourage von Rockstars): Schrankkoffer. Deren Hersteller wissen aus den US-Schulferien natürlich ein Geschäft zu machen.

Thema: High Noon, Kaufen | Kommentare (1) | Autor:

Heiraten mit der Polizei

Sunday, 26. June 2011 12:51

Ach, was ist das eine helle Freude! Bei der Gay Pride ist die Stimmung ja nun sonst auch nicht gerade trübe, aber heute ist das noch etwas anders. Ganz kurz vor der diesjährigen Parade hat der Staat New York die Gesetzgebung in Gang gesetzt, die die Schwulenehe erlauben wird. Das bringt an den Rändern und mittendrin viel Dankeschön.

Und soweit ich es sehen kann, wird jede Braut, jedes Brautpaar besonders herzlich bejubelt. Selbst wenn es sich erst mal im Hintergrund hält. Und die Profi-Fotografen stürzen sich gerade zu auf solche, ähm, Motive.

Aber so richtig geht das Gejohle erst los, als das NYPD anrückt. Die Polizei stand ja mal auf einer ganz anderen Seite. Aber seit Jahren marschiert sie hier mit, diesmal ist sogar der Chef dabei. Und natürlich das Polizeiorchester. Und das macht eine kurze, dramatische Pause – und stimmt dann den Hochzeitsmarsch an. Der geht beinahe unter in dem, was nach kurzem, ungläubigem Staunen von Zuschauerseite losbricht.

Aber ist ist ja nicht alles rosarot. Auch wenn diese Parade wieder echt was zu feiern hat, marschieren kurz darauf kritische Geister daher, die eine Botschaft an die Polizei haben.

Thema: High Noon, Lifestyle | Comments Off | Autor:

Abgedrückt

Saturday, 25. June 2011 20:59

Was man als Geschichte spannend findet, kann sich im wahren Leben ganz anders anfühlen. Man denke nur an die Geschichte mit dem Durchfall aus dem letzten Urlaub. Vom Zahnarztbesuch ganz zu schweigen. So geht es mir auch mit so einigen Geschichten aus New York.

Das Programm “Cash for Guns” soll den (illegalen) Waffenbesitz und damit die Waffengewalt in New York eindämmen. Man wird nicht nach Waffenschein oder ähnlichem gefragt und bekommt sogar finanziellen Ausgleich für das, was bisher in Schublade oder Schrank auf eine Schussgelegenheit gewartet hat (oder die längst hatte). Klar kann ich mir da sagen: Toll für eine Gruselgeschichte, und in Wirklichkeit habe ich mit solchen Leuten ja eh nichts zu tun.

Aber New York ist eine knalldichte Stadt, in der man jeden Tag mit unzähligen Leuten in Berührung kommt, von deren Kompetenzen in Sachen Anger Management man überhaupt nichts weiß, die quatschen einen in der U-Bahn an, streiten sich auf der anderen Straßenseite, stehen in der Warteschlange vorm Klo hinter einem. Zum Beispiel eine halbe Stunde, nachdem ich diesen Zettel fotografierte. Der quengelnde Mittzwanziger, der zwei hinter mir stand, ist nach einer Weile aus der Schlange ausgeschert und hat sich hinter einem Stapel Kisten einen halben Meter vor uns anderen erleichtert – und nein, wir standen nicht draußen.

Thema: High Life, typisch New York | Comments Off | Autor:

Käsekuchen aus der Distanz

Friday, 24. June 2011 17:08

Ich habe ja den Tortentest ganz vernachlässigt! Nicht dass mir der Appetit vergangen wäre. Aber erst als der Löffel durch die Spitze des Kuchenstücks geglitten ist, fällt mir ein, dass ich im Blog schon lange keinen Kuchen mehr serviert habe. Also bittesehr: New York Cheesecake.

Anders als beim deutschen Käsekuchen kommt kein Quark in den Teig – Quark gibt es hier nicht. Stattdessen muss es Cream Cheese sein, ein meist sehr kompakter Frischkäse. Damit der Test eine frische Perspektive bekommt, nutze ich räumlichen Abstand. In Northampton, Massachusetts schmeckt New York Cheesecake nämlich auch. Mir jedenfalls. Und dieser Dreh gibt mir einen hervorragenden Grund, in New York auch noch mal welchen zu testen. Dort gibt es schließlich nicht nur die japanische Version.

Thema: Essen, High Tea, typisch New York | Comments Off | Autor:

Wetterleuchten

Thursday, 23. June 2011 19:15

Ich hab doch bloß eine Bemerkung über das Wetter gemacht. Das gilt eigentlich als unverfängliches Smalltalk-Thema, und nachdem ich wegen des Regens heute schon genug geflucht habe – ich trage Sandalen – und auf dem Weg ins Taxi mal wieder nass geworden bin, war es so natürlich wie Ausatmen, den Regen zu erwähnen. Aber das war ein Fehler.

„Ja“, sagt er. „Das könnte am Haarp-Projekt liegen.“ Ich verstehe erst mal nur “Harp” und irgendein Gemurmel dahinter und denke daher, er meint irgendeines dieser Wetterphänomene wie Jet Stream oder Lake Effect. Aber bald dämmert mir, dass der Mann von einer zu üblen Zwecken eingesetzten Technologie spricht. Oben in Alaska fummeln sie zu militärischen Zwecken am Wetter rum, meint er.

Mir schwant, dass ihm das ein paar Aliens verraten haben, und so signalisiere ich schweigend Desinteresse, aber das stört ihn nicht. Schließlich ist das bei weitem nicht die einzige Verschwörungstheorie, die er kennt. Und ich muss zum Bahnhof, das sind mindestens 20 Minuten Fahrtzeit. Nazigold, Sonnensturmflieger, unterirdische Städte, deren Koordinaten alle Reichen kennen, die Verstrahlung der Welt mit Marx irgendwo zwischendrin und der Dritte Weltkrieg.

Da komme ich von einem Termin, an dem ich den ganzen Tag einem Globalisierungsexperten und 43 Führungskräften zugehört habe und zwischenzeitlich dachte, jetzt bin ich deprimiert über den Zustand der Welt, schöpfe gerade ein bisschen Hoffnung, und dann besiegelt eine Bemerkung über das Wetter deren Untergang.

Thema: High Life, Menschen | Kommentare (1) | Autor:

Von wegen Echo!

Tuesday, 21. June 2011 14:28

Ich finde sie unheimlich. Vorher habe ich schon Fotos davon gesehen – wie Sie jetzt, liebe Leserinnen und Leser, nur schärfer – da war das auch schon so. Und jetzt wird es nicht besser. Auch wenn alles Drumherum so friedlich ist. Oder gerade deswegen.

“Echo” ist das diesjährige Ausstellungsstück im Madison Square Park. Die Kunst vom letzten Jahr fand ich poetischer, aber das liegt sicherlich an mir. Jaume Plensa hat sich für “Echo” gleich mal die nächste Generation vorgeknöpft: Eine Neunjährige aus der Nachbarschaft in Barcelona stand ihm Modell.

Thema: High Noon, Kunst, Parks | Comments Off | Autor:

Rätsel: Wer da?

Monday, 20. June 2011 14:34

Das ist ja nun wirklich keine Stelle, wo jeder hinschaut. In einer Gegend, die kaum Touristen anzieht, wo also kaum jemand mit Kopf im Nacken herumstolpert, erscheint das Zeichen doch etwas hoch. Aber irgendwer muss da ja auf ein Publikum gehofft haben. Oder kennt die Leute von gegenüber.

Thema: Rätselhaftes, wait a second | Kommentare (1) | Autor:

Die Punk-Insel

Sunday, 19. June 2011 16:12

Governors Island ist eine ganz schön unbekannte Insel in New York. Noch. Ihr Kunst- und Kulturprogramm zieht jeden Sommer mehr Menschen an. Das freut mich. Aber ich freue mich nicht auf den Tag, an dem ich hier nicht mehr hinfahren kann, um meine Ruhe zu haben. Heute sehen ja schon die Verantwortlichen Grund dazu, die Besucher zu warnen – und zwar noch bevor sie eine Fähre betreten.

Ich mag zwar die Ruhe auf Governors Island (keine Autos!), aber ich mag eben auch Punkrock. Und hier wartet das entspannteste Festival auf mich, das ich je erlebt habe.

Das hier ist nicht nur eine Bühne, sondern sie heißt auch noch Main Stage, also Hauptbühne. Aber in typischer Punkmanier gibt es gar keine Hierarchie. Diese Bühne ist so gut wie alle anderen auch. Aus den umliegenden Häusern kommen keine Beschwerden. Da wohnt keiner. Governors Island ist verlassen.

Ab und zu steht ein Generator auf dem Rasen oder auf einem Weg, und die Lautsprecher, Drums und Gitarrenkoffer schleppen die Bands hinterher wieder auf die Fähre. Am Imbiss treffe ich die Sängerin von The Furiousity, die gerade gestern ihre erste EP veröffentlicht haben. Ich beglückwünsche sie, und sie sagt: “Oh, danke, auch fürs Zuhören. Ich hab dich vorhin auf dem Rasen sitzen sehen.”

Irgendwie ist das hier halt doch ein Hippie-Festival. Einmal abgesehen von den Tanzschritten.

Thema: High Tea, Kokolores | Kommentare (1) | Autor: