Beiträge vom October, 2011

Gerüchte und Gerüche

Monday, 31. October 2011 17:41

Erst war es nur ein Gerücht aus der Nachbarschaft. Nein, noch früher war es ein Fragezeichen in meinem Kopf. Da war auf einmal ein Lärm, der vorher nicht da war. Nicht dass man in New York über Stille zu klagen hätte. Aber wenn ein Geräusch dazukommt, dass ich mir nicht erklären kann, liegen irgendwann die Nerven blank.

Erst dachte ich, die Leute über mir haben sich gegen die Gepflogenheiten New Yorks (zur Erinnerung: Wir haben hier alles – außer Platz) eine Waschmaschine zugelegt, und jetzt schleudert die und lässt das Haus vibrieren. Dann dachte ich, Mensch, so was macht man doch nicht um 2 Uhr nachts. Ein paar Tage später dämmerte mir: Selbst Eltern von Achtlingen waschen nicht so oft. Das ist keine Waschmaschine.

Dann dachte ich, es kommt vielleicht vom Haus nebenan. Die haben da doch diesen Maschinenraum, wer weiß, was die da installiert haben. Und dann sprach ich mit den Nachbarn. Der Typ unter mir meinte, das käme aus unserem Haus, und es läge an unseren Rohren und Pumpen. Das war natürlich nur ein Gerücht.

Aber weil neulich mal meine Toilette Mucken machte, hatte ich den Hausmeister geholt, die Toilette funktionierte natürlich sofort wieder (ich habe versucht, ihm das deutsche Wort “Vorführeffekt” beizubringen), aber er bemerkte, dass deren Abzieh-Mechanismus echt mal ausgetauscht werden dürfte. Dazu brauchte er aber die passenden Teile.

Jetzt hat er angerufen, und wir stehen in meinem Bad und haben sehr viel Spaß an der Installationsanleitung (die wir beiseite legen). Am Ende rauscht das Klo, wie es soll, und das Tröpfel-Geräusch ist weg. Bei dem Stichwort frage ich den Fachmann nach dem Lärm und dem Gerücht über dessen Ursache. Er glaubt auch, der Fehler liege irgendwo im Sanitärsystem. Er dachte, es wäre meine Toilette. Wie aufs Stichwort fängt es wieder an zu vibrieren. Der Hausmeister sagt: “Ich habe jetzt alle Toiletten kontrolliert. Außer der in der Wohnung unter dir.”

Ich sage ihm, dass die da unten mir erzählt haben, sie hören das Geräusch nicht nur im Bad, sondern überall. Vier Stunden später kommt da einer nach Hause, und der Hausmeister nutzt die Chance. Ich höre Rauschen, Zischen – und dann ist Ruhe. Wie ein Klo dafür sorgen kann, dass das halbe Haus aus dem Schlaf gerissen wird, verstehe ich zwar immer noch nicht so recht. Aber ich bin froh, dass das Problem nicht auch noch olfaktorische Komponenten hatte.

Thema: High Tea, typisch New York | Comments Off | Autor:

Geld im Guggenheim

Saturday, 29. October 2011 17:50

“Wie oft sagen Sie das am Tag?”, frage ich den Wachmann. Er lächelt betreten. Sehr oft. Ich finde, es würde die Sache vereinfachen, wenn er das gleich am Eingang verkünden könnte. “Sie wollen nicht, dass wir hier laut werden”, sagt er. Ich empfehle ihm, ein Schild um den Hals zu tragen. Er lacht kurz auf und eilt dann zu dem Typen im weißen Pullover. “Sehen Sie den?”, hat er vorher noch gesagt, “der denkt, ich sähe das nicht.” – “So wie ich?”, frage ich, und beeile mich zu erklären, dass man das aber anderswo wirklich darf.

Im Guggenheim Museum darf man keine Fotos machen. Nirgendwo. Das ist natürlich tragisch, weil ganz viel Touristen gar nicht wegen der aktuellen Ausstellung herkommen, sondern um die Innenarchitektur zu fotografieren. Darf man aber nicht. Und so kann ich hier kein Foto hinstellen von all den Dollarnoten, die mich umgeben. Dabei habe ich für sie einiges auf mich genommen. Den ganzen Sommer über habe ich es immer wieder aufgeschoben, sie mir anzuschauen, so dass ich mich jetzt durch heftige Böen mit dicken Flocken von oben und erstaunlich tiefem Schneematsch unten quälen muss – letzte Chance.

Als Karl Feldmann den Hugo Boss Prize gewann, entschied er sich, in der dazugehörigen Ausstellung sein Preisgeld zu präsentieren. 100.000 Dollar hat er hier an die Wände gepinnt, gebrauchte Scheine, manche ein bisschen krumpelig. Das sieht irre aus, ungefähr so (ich hoffe, das G. behält wenigstens den Link nach Ausstellungsende bei):

Hans-Peter Feldmann – Hugo Boss Prize 2010

Ein Foto hält das Überraschende aber letzten Endes gar nicht fest. Mich irritiert der Geruch in diesem Raum: Ich dachte immer, Geld stinkt nicht.

Thema: High Tea, Kunst | Comments Off | Autor:

Voll durchgefallen

Friday, 28. October 2011 16:54

Das Brett ist ein Publikumsmagnet. Männer stehen hier Klischeewache und fachsimpeln über Akkuschrauber. Ich bin nicht schon wieder im Handwerkermarkt gelandet, sondern bei der Präsentation von Consumer Reports. Das ist vergleichbar mit “test” (Stiftung Warentest), nur schon deutlich älter. Zum 75. Geburtstag fahren die Laboranten durchs Land und machen heute eben in Grand Central Station. Zum Beispiel mit Akkuschraubern, Brett und Schrauben. Aber auch mit einer Waschmaschine und Stoffstreifen in unterschiedlichen Stadien der Verblassung.

Die Krux für die Verbraucherschützer ist ja: Einerseits leben sie von ihrer Objektivität. Andererseits müssen sie auch von irgendetwas leben, brauchen Aufmerksamkeit – und machen Werbung. Als ich neugierig an einen Stand mit Smartphones herantrete, lerne ich schnell: Die werden hier nicht live getestet, sondern sie zeigen all die neuen Apps, die Consumer Reports entwickelt hat. Und gegenüber zeigen die Kollegen stolz einen großen Erfolg:

Im Sommer hat das Magazin einen Artikel darüber veröffentlicht, dass immer mehr Menschen sich mit Spezialschuhen verletzen, deren Sohlenkonstruktion einen Fitness-Effekt haben soll. Ein Test stellte dann sogar diese Wirkung in Frage. Daraufhin klagte die US-Handelsbehörde, und der Hersteller ließ sich auf einen millionenschweren Vergleich ein, um eine Gerichtsverhandlung abzuwenden. Und so kommt es, dass so mancher Verbraucher sich da jetzt eine Entschädigung holen kann. Ein weiterer Hersteller ist bereits im Visier der Behörden.

Das Ganze erinnert mich an einen alten Western, in dem ein redseliger Herr von einem alten Karren herab Wundermedizin verscherbelt, bis sein Schwindel auffliegt. Wenn ich mich recht einsinne, entkommt der Quacksalber aber um Haaresbreite den rechtschaffenen Bürgern. Dem hat ja auch keiner diese Schuhe angedreht.

Thema: Geld ausgeben, High Tea | Comments Off | Autor:

Von einem Tag auf den anderen

Thursday, 27. October 2011 12:43

So sah das gestern noch aus im Central Park. Viel Grün, ein bisschen Farbe. Etwas Laub auf dem Boden, sehr wenige freiliegende Äste, abgesehen vom Wind kaum Herbststimmung. Das war gestern. Heute Mittag (!) sieht das so aus:

Und im Wetterbericht sprechen sie von Schnee. Als wollte New York mal wieder beweisen: Es gibt hier nur zwei Jahreszeiten, nicht vier wie anderswo.

Thema: Grünzeug, High Noon | Comments Off | Autor:

Bewegungsmelder

Wednesday, 26. October 2011 16:41

Den meisten Leuten fällt es gar nicht weiter auf. Erst mal. Anita’s Way ist ein Durchgang von der 42nd zur 43rd Street am Bank of America Tower, ein Bühneneingang befindet sich dort und gegenüber eine lange Bank, auf der man eine Pause einlegen kann. Tunnelatmosphäre hin oder her, dunkel ist es nicht.

Ein Mann eilt vorbei, seine Tasche an die Brust gepresst, den Blick in eine Ferne gerichtet, die irgendwo in seiner Gedankenwelt liegt. Aber dann holt ihn ein Geräusch ins Hier und Jetzt.

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Man kann das auch ganz anders machen. Der Künstler Adam Frank hat “Performer” schließlich so installiert, dass man das Rampenlicht nicht verlassen muss, um Applaus zu bekommen. man kann sich auch hineinstellen und die “auto-affirmation machine” genießen. Doch der Bewegungsmelder reagiert eben auch auf Leute, die nur mal eben durch den Lichtfleck laufen.

Thema: High Tea, Kunst | Comments Off | Autor:

Wurftechnik

Tuesday, 25. October 2011 13:38

Wieso machen die das? Da gibt es eine ganze Reihe an Erklärungen, je nachdem, wen man fragt. Manche machen daraus zum Beispiel ganz nach Gusto eine Form von Protest. Darüber lacht Rob. Er ist in einfachen Verhältnissen in New York aufgewachsen und kennt das Ganze seit den 70er Jahren. Seine Antwort auf die Frage ist: “Einfach so. Ist doch ein tolles Geschicklichkeitsspiel.” Und natürlich geht es mal wieder drum, wer höher hinaus kommt. Ein alter Hut. Nicht so ganz: Hohe Absätze habe ich da oben bisher noch nicht hängen sehen.

Thema: High Noon, Kokolores | Comments Off | Autor:

Terrorhunde?

Monday, 24. October 2011 18:14

Gleich noch mal Hunde: Deren Hinterlassenschaften sind wie in allen Großstädten auch in New York ein Thema. Auf den meisten Schildern, die ans Häufchen-Aufheben erinnern, steht irgendwo die Androhung einer Geldstrafe. Aber man kann das natürlich auch anders ausdrücken. In Williamsburg zum Beispiel hat es jemand geschafft, zwei sehr gegensätzliche Stimmungen in einem Satz unterzubringen:

Thema: High Life, typisch New York | Comments Off | Autor:

Halloween mit Hot Dogs

Saturday, 22. October 2011 13:29

Ich mag Hunde ja eher theoretisch. Also eigentlich nicht so. Deren Zähne sind in meinem Reptilhirn äußerst präsent. Aber manchmal sind sie ja doch verlockend freundlich, lustig oder schön. Ich habe aber nicht den passenden Job für so ein Tier. Deshalb habe ich vor langer, langer Zeit die Kiste erfunden. Die Kiste existiert nur in meinem Kopf, deshalb kommt niemand zu Schaden, wenn ich da all die Tiere hineinstecke, die ich für einen Moment unbedingt haben möchte. Weil sich diese Kiste heute sehr gefüllt hat, gibt es einen Riesenschwung Fotos und dazwischen keine Worte (kein Platz).

Aber vorneweg eine Erklärung: Am 31. Oktober ist Halloween. Das ist nicht nur ein Gruseltag, an dem man allerlei Erschreckliches plant und dekoriert, sondern auch ein Anlass zum Verkleiden – wie Karneval in Deutschland, nur dass hier die bösen Geister zu Beginn des Winters und nicht erst an dessen Ende bedacht werden. In New York feiert man Halloween nicht nur an einem Tag. Heute zum Beispiel sind die Hunde dran – im Dog Run des Tompkins Parks. Wer in den vielen Kategorien einen Preis abgestaubt hat, weiß ich nicht. Backstage liefen mir zum Beispiel diese Hunde über den Weg. Wer von ihnen in der Kiste gelandet ist, verrate ich nicht.

Und eins wollen wir nicht vergessen: diese Halloween-Vorfeier findet in New York statt. Draußen. Und was gehört zu Straßenfesten in New York? Natürlich: Hot Dogs.

Thema: High Noon, Kokolores, Lifestyle | Comments Off | Autor:

Sonderangebot

Friday, 21. October 2011 13:18

Na toll, denke ich, jetzt haben sie mich. New Yorker sind verrückt nach Sonderangeboten, und darüber kann man sich lustig machen, solange es geht – irgendwann macht man mit. Ich jedenfalls ertappe mich immer öfter dabei, wie ich Anzeigen studiere. Ich schneide auch Coupons aus. Das kommt davon, in einer teuren Stadt zu leben. Und so kommt es, dass ich vor ein paar Wochen noch spöttisch gelacht habe, als mir einer weismachen wollte, da mache ein neuer japanischer Klamottenladen auf, dabei gibt es den schon seit bestimmt sechs Jahren, nur jetzt macht er eben fast gleichzeitig zwei weitere Riesenläden auf, und überall ist die Werbung, in der Zeitung, auf Plakaten, überall.

Und diesmal beuge ich mich der Übermacht eben. Ich stelle mich in der Schlange an, die sich eine Stunde nach der Eröffnung immer noch fast den ganzen Block entlang zieht. (Update: Ich habe es am Folgetag noch mal getestet, definitiv besser mit Kundenmassenbegrenzung!).

Nein, den Namen des Ladens sieht man auf dem Foto nicht. So weit kommt das noch, dass ich hier Werbung mache. Aber ich habe jetzt zwei neue Hosen für je 10 Dollar. Plus je fünf Dollar zum Kürzen. Plus schlechtes Gewissen – wie produziert man so was wohl? Ich bin gespannt, ob die mir nach dem Waschen auch noch passen.

Thema: High Noon, typisch New York | Comments Off | Autor:

Ruhe in der Rush Hour

Thursday, 20. October 2011 16:33

Hier hetzen viele, viele Leute durch. Grand Central sieht toll aus, ist aber eben nun mal kein Museum, sondern ein Verkehrsknotenpunkt in New York. Links und rechts in der Vanderbilt Hall wartet derzeit “Through my Window” vom südkoreanischen Künstler Ahae - und bringt mich dazu, mich einen Moment auf eine Bank sinken zu lassen. Die Bilder hat Ahae alle durch dasselbe Fenster gemacht. Sie wirken wie ein Pausenknopf.

Thema: High Tea, Kunst | Comments Off | Autor:

Bäume suchen ein Zuhause

Tuesday, 18. October 2011 14:00

Ist das jetzt die richtige Jahreszeit? Pflanzen kann man sie jetzt ja. Doch von Bäumen, denen das Laub ausfällt, fühlt mancher potenzielle Spender sich vielleicht ähnlich wenig angesprochen, als wenn ein Tierheim mit räudigen Hunden um neue Zuhause werben würde. Andererseits: In Kürze gibt es ja die prächtigsten Farben zu sehen.

Der Bürgermeister möchte eine Million Bäume in New York pflanzen lassen, und dazu sollen die Bürger auf diverse Weise beitragen. “Million Trees NYC” frohlockt, dass die Hälfte schon steht. Ich frage mich wieder einmal, wer eigentlich in New York die Bäume zählt.

Thema: Grünzeug, High Noon | Comments Off | Autor: