Beiträge vom November, 2011

Bindungsängste

Tuesday, 29. November 2011 23:43

Auf einmal flackern die Lichter. Das kenne ich schon. Alle paar Monate passiert das, meistens geht es schneller wieder vorbei, als ich den Stecker ziehen kann. Aber diesmal flackern die Lichter erst mal gar nicht, nur die Internetverbindung ist verdächtig langsam. Ich ziehe den Stecker vom Modem, stecke ihn wieder in die Dose, und dann geht das Geflacker los. Und hört nicht wieder auf. Ich kenne das Prozedere gut genug, durch das mein Internetprovider mich führt, wenn es Probleme gibt. Schließlich hatte ich schon Eichhörnchen. Sind die Biester zurück? Ich weiß es nicht. Was ich aber erfahre: Ein Techniker muss kommen. Das geht frühestens in mehr als einer Woche. Minuten später klingelt mein Telefon: automatische Befragung zur Qualität des Service.

Eine Weile später trägt mir das Internet (jawohl: das GANZE Internet!) eine On-Off-Beziehung an. Die lehne ich natürlich empört ab.  Der Techniker soll das lieber erst mal zu einer verlässlichen Bindung weihen.

Aber jetzt gerade flackert es nicht, da kann ich ja mal eben versuchen, einen Blogpost hochzuschieben, oder?

Thema: High Tea, Lifestyle | Comments Off | Autor:

Übergang

Monday, 28. November 2011 13:45

Dieses eine Mal noch: Herbst! Aus unerfindlichen Gründen gönnt New York uns dieses Jahr so etwas wie Herbst. Statt dieser paar Stunden zwischen Sommer und Winter. Aber lange kann das nicht mehr dauern. Das Rot von gegenüber ist längst weg, was sich noch an den Ast klammert, ist braun und trocken. Aber dann biege ich um die Ecke und sehe Gelb.

Auch in Manhattan findet man klare Anzeichen für die Jahreszeit. Und für Starrsinnigkeit. Manch zartes Pflänzchen gibt sich noch rasch der Fortpflanzung hin, bevor der Frost kommt.

Andere sind größer und prahlen mit Farbe, haben aber dasselbe im Sinn. Oder besser gesagt: in den Genen.

Thema: Grünzeug, High Noon | Comments Off | Autor:

Gaga Advent

Sunday, 27. November 2011 17:44

Ha, erster Advent! Damit niemand hinterher sagen kann, Weihnachten sei wieder so plötzlich gekommen, werde ich an jedem Adventssonntag etwas Passendes in den Blog stellen. Tja, und was macht man in der Vorweihnachtszeit in New York? Einkaufen natürlich. Die großen Kaufhäuser dekorieren ihre Schaufenster so, dass Modeblogs in aller Welt Purzelbäume machen. Und Barneys setzt dem Zirkus dieses Jahr noch einen drauf.

Als Mike Lee im September 2010 auf dem CEO-Sitz bei Barneys Platz nahm, schrieb er sofort einen Brief an das Management von Lady Gaga. Er wollte von vornherein, dass das Modekaufhaus mit dem Monsterstar zusammenarbeitet. Unter anderem sieht man deshalb jetzt eben ein Gagamobil im Schaufenster. Und, passend zu anderen Teilen der Gaga-Abteilung, auch ein maritimes Motiv:

Das macht mich stutzig. So etwas Ähnliches zeigt auch das konservativere Haus Bergdorf Goodman. Dort spielen Monster keine Rolle, aber es steht ein Karneval der Tiere in den Schaufenstern.

Und wenn ihr alle schön brav seid, zeige ich bald vielleicht noch ein paar Schaufenster.

Thema: High Tea, Kaufen | Comments Off | Autor:

Weihnachtsschiffe

Saturday, 26. November 2011 19:33

Ich weiß nicht, ob es eine Definition für Paraden gibt. Aber vermutlich ist das schon irgendwie geregelt. Der Herr neben mir ist jedenfalls der Ansicht, zu einer Parade gehörten mindestens 30. Und er zählt dabei gewiss nicht Köpfe. Hier ist er jetzt doch höchst unzufrieden. Dass diese Parade keine Wagen hat, stört ihn nicht weiter, im Gegenteil. Schließlich ist das eine Hafenparade. Am ersten Samstag nach Thanksgiving schippern die Gefährte des New Yorker Hafens in weihnachtlicher Beleuchtung unter der Brooklyn Bridge durch. Sie werden sogar von einem alten Segelschiff angeführt. Aber 30 kommen sie nicht einmal nahe.

Dafür drehen sie eine Ehrenrunde. Jedes Schiff wird mit Jubel begrüßt. Besonders, wenn es tutet.

Thema: draußen, High Life | Comments Off | Autor:

Macht’s gut, und vielen Dank für den Lebkuchen

Thursday, 24. November 2011 13:31

Einen Grund zur Beschwerde kann man überall finden. Es gibt so viele Leute, die richtig gut darin sind. Das Wetter gibt eigentlich immer etwas her, und wenn das nicht taugt, nimmt man eben jahreszeitliche Besonderheiten. In Deutschland habe ich den Kopf geschüttelt über meine lieben Mitmenschen, wenn sie sich mal wieder darüber beschwerten, dass der Weihnachtskram schon in den Läden steht, kaum dass der Sommer dem Ende zugeht. Mir macht es eben nichts, wenn ich meine geliebten Lebkuchen bei 19 Grad (oder was bei euch so als Sommer durchgeht) nach Hause trage.

In New York ist das mit den Lebkuchen zwar nicht unmöglich, aber schwieriger. Dafür gestaltet sich die Feiertagsfrage einfacher: Erst Thanksgiving, dann Weihnachten (oder Hanukkah oder Kwanzaa). Vor Thanksgiving darf man also nach Herzenslust über Weihnachtsdekoration schimpfen, aber dann muss man den Schalter umlegen und Santa mit Wünschen auf die Nerven gehen.

Heute ist Thanksgiving, morgen fängt mit dem Black Friday die offizielle Weihnachts-Einkaufs-Saison an, aber die folgenden Dinge habe ich bereits vor Wochen fotografiert. Na, nun beschwert euch schon.

Thema: High Noon, Kaufen | Comments Off | Autor:

Crack Pie

Wednesday, 23. November 2011 14:02

Ich weiß nicht mehr, ob ich weiterhin behaupten soll, ich sei schokoladensüchtig. In New York kann man das falsch verstehen. Schließlich wurde in einem Ableger eines hiesigen hippen Restaurantimperiums das hier erfunden:

Das ist Crack Pie. “Da sind keine Drogen drin”, sagt der Mann hinter dem Tisch ständig. Dabei kommt dieser hier nicht mal aus der besagten Momofuku Milk Bar, sondern ist hausgemacht. Ich bin versucht, ihn zu versuchen. Aber dann sehe ich etwas, dem ich nicht widerstehen will, und danach bin ich so pappsatt, dass kein Ritzchen Platz mehr ist für Crack Pie.

Fürs Protokoll: Diese herrlichen Backwaren habe ich nicht heute gegessen. Heute gießt es, es ist kalt, ich habe nasse Haare und will keine Erkältung riskieren und gehe deshalb nicht raus, obwohl ich Appetit auf Kuchen habe. Stattdessen esse ich Müsli (jawohl, Schweizer Müsli, nicht diese bunten Cereals!) und komme mir vor wie im Methadonprogramm, dabei diese Fotos anzuschauen.

Thema: Essen, High Noon | Comments Off | Autor:

In Queens scheint die Sonne

Tuesday, 22. November 2011 16:17

Berlin hat das Brandenburger Tor, München das Siegestor, Paris den Triumphbogen, London den Marble Arch. New York hat natürlich auch so ein Ding, den Washington Square Arch. Aber der Ort, der wahrlich einen eigenen Bogen verdient, liegt viel weiter draußen.

Also bitte: Wenn ein Viertel schon Sunnyside heißt, dann darf es sich ja wohl einen Gedenkbogen bauen, oder? Ich finde schon. Aber das liegt nicht an der unmittelbaren Umgebung des Sunnyside Arch (der seit Anfang des Jahres wieder funktionstüchtige Leuchten hat, die allerdings den Schriftzug im Dunkeln lassen). Schließlich lohnt sich ein ausgedehnter Spaziergang. Der bringt mich in einen Laden, der sich South Pole (Südpol) nennt, aber kein Eis verkauft, sondern eine abstruse Mischung preisreduzierter Waren: Steve Madden-Jacken, quietschbunte Sektflöten und Schokolade, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Ein uralter Smoke Shop amüsiert mich mit seiner Pfeifendekoration. Ein Kino treibt mir mit seinen Eintrittspreisen Freudentränen in die Augen.

Dazwischen liegt eine ganze Reihe rumänischer Restaurants, kolumbianischer Bars, indischer Reisspezialisten und so weiter. Sunnyside liegt schließlich in Queens, berühmt für seine Ethno-Vielfalt. Ich kaufe mir in einem winzigen Antiquitätenladen beinahe einen Spiegel, der aus einem Schiffs-Bullauge gebaut ist (nehme mir dann aber doch eine Ramones-Postkarte, die Jungs sollen hier in der Nähe einen ihrer ersten Auftritte gehabt haben), und der Ladenbesitzer empfiehlt mir gleich noch ein paar Cafés. Schön hier, denke ich. Und mache mich schließlich wieder auf den Weg nach Manhattan. Aber Sunnyside macht mir den Abschied schwer. Das liegt zum einen am öffentlichen Nahverkehr. Zum anderen an diesem Atemräuber:

Thema: Architektur, High Tea | Comments Off | Autor:

Wo New York Kopf steht

Monday, 21. November 2011 13:15

Fünf tausend Kilo würde dieser Bronze-Elefant auf die Waage bringen, wenn er denn auf einer Waage stünde und nicht auf diesem Sockel feststeckte. “Grand Elefandret” von Miquel Barcelo balanciert am Union Square noch bis Mai 2012 auf seinem Rüssel. Danach führen die New Yorker wieder alleine und unbewundert ihren täglichen Balanceakt zwischen Überstunden und Übermut auf, solange sie nicht zwischen Facebook und Facetime ein unvermittelter Moment von Facing-the-Facts vom Sockel haut.

Thema: High Noon, Kunst | Comments Off | Autor:

Lacher auf der Kiste

Sunday, 20. November 2011 22:30

Der Comedy-Abend in der Beauty Bar hat neue Gastgeber. Und kaum haben die sich die Bühne unter den Nagel gerissen, schwant mir, dass Detroit New York übernommen hat. Heute jedenfalls kommen verdächtig viele Leute aus Michigan, und das schickt mir so Kalauer in den Kopf wie “na, immerhin ihren Humor haben sie nicht verloren” (womit ich nicht den letzten Künstler unter den Tisch fallen lassen will – New Jersey hat schließlich am Ende die Hosen runtergelassen). Die anderen Leute hier ahnen ja nicht, wie viel Glück sie haben, dass mich niemand auf die Bühne geschickt hat. Bei deren Anblick frage ich mich, ob wir hier Zeugen eines Rekords werden:

Die kleinste Bühne der Welt. Na ja gut, eine der beiden Kisten können wir doch noch wegnehmen, oder?

Thema: High Life, versacken | Comments Off | Autor:

Moment mal: Beethovenmonat?

Saturday, 19. November 2011 17:12

“Awareness” ist eine wichtige Sache. Ich kann das nicht so recht übersetzen, und jedes Mal aufs Neue frage ich mich, ob das nicht mehr an der dahinterstehenden Kultur als an der Vokabel liegt. In New York gehört es zum Alltag, sich für andere einzusetzen – natürlich nicht in der U-Bahn, in der Wartschlange oder sonstwo, wo man andernorts gutes Benehmen beobachten kann. Aber es gibt unzählige Organisationen, die Gutes im Sinn haben, und denen gibt man Geld oder Zeit. Weil die Organisationen wiederum auf Spenden und auf ehrenamtliche Helfer angewiesen sind, lassen sie sich etwas einfallen. Und ein Teil davon ist “awareness”: Sie machen auf ihr Anliegen aufmerksam. Da gibt es dann einen Cancer Awareness-Lauf oder HIV-Awareness-Schleifchen, oder man lässt namhafte Architekturbüros Modelle aus Lebensmitteldosen bauen, um auf den Hunger in der Stadt aufmerksam zu machen (jahaa, Canstruction!).

Das jetzt mal so als Hintergrund. Und dann dies hier: Ein Klassikradiosender hat den Beethoven Awareness Month ausgerufen. Und kein geringerer als Shephard Fairey hat das Plakat dafür gemacht.

Ich weiß nur nicht, ob das alles funktioniert – ich habe das Foto schon vor Wochen gemacht und … glatt vergessen, darüber zu schreiben.

Thema: Kultur, wait a second | Comments Off | Autor:

Bitte lächeln!

Thursday, 17. November 2011 16:11

Die Frau erinnert mich sehr an eine Figur aus einer Fernsehserie. Ihr Gesicht, ihre Größe, ihre Haltung – nur dass die TV-Frau energisch ist, und sie hier strahlt eine Müdigkeit aus, bei der ich am liebsten sagen würde: Gehen Sie doch besser mal nach Hause, der Job ist doch jetzt viel zu viel für Sie. Aber ich bin ja nicht ihre Chefin, sondern ihre Kundin. “Passfotos können Sie da hinten in der Pharmacy machen”, hatte mir der Mann vorn an der Kasse der Drogerie gesagt. Deshalb habe ich die Frau am Pillentresen gefragt, wo man denn hier Passfotos bekommt. “Das mache ich gleich hier”, sagt sie. Pause. “Brauchen Sie welche?”

Ja, brauche ich. Sie schlurft ein bisschen hin und her und deutet mir dann den Weg in einen Gang. Vor dem Regal mit den Vitamintabletten hängt ein Stück weißer Vorhang, ich soll mich davor stellen, sie schiebt einen Stuhl beiseite. Mit einer kleinen roten Digitalknipse macht die Frau dann ein Foto von mir, während ich auf Shampoos und Bürsten schaue. Das Bild sieht ungefähr so aus, als hätte ich meine Kamera auf Armlänge gehalten und abgedrückt. Die Frau verschwindet hinter dem Tresen, holt Gerät, verharrt, dann holt sie Medikamente für einen der drei Leute, die da schon warten. Sie haben sich hingesetzt. Es dauert.

Während die Frau schließlich die Ausdrucke meines Fotos mit einer Schere bearbeitet und dann in ein Stanzgerät einhängt, kommt eine weitere Kundin. Sie hält ihr zwei Medikamente hin und fragt, was denn da der Unterschied sei. Mit bleischwerem Blick schaut die Frau kurz auf. “Das steht auf den Packungen, mit was das vergleichbar ist”, sagt sie. Nicht patzig, nicht genervt, einfach nur müde. “Danke”, sagt die Kundin. Eine andere will das Kopiergerät benutzen und fragt, ob die Seiten mit der Schrift nach unten oder mit der Schrift nach oben gehören. Die Frau hebt langsam den Kopf. “Sie müssen die reintun”, bringt sie heraus. Eine andere Kundin und ich sehen, was die Kopierfrau versucht. Die andere steht auf, zeigt ihr, dass man das Kopiergerät aufklappen muss, und sagt: “Und jetzt mit der Schrift nach unten.”

Schließlich sind meine Fotos fertig. Sie sehen gar nicht mal so übel aus, auch wenn sie Pass-Vorschriften nie und nimmer standhalten würden. Aber ich brauche ja keinen neuen Pass. Die Frau tippt in ihre Kasse, nimmt den Telefonhörer und sagt: “Ich brauche einen Kassierer.” Schon kommt ein Mann herbei, dessen Energie mich beinahe erschreckt. Die Frau hat versehentlich nicht nur Passfotos, sondern auch die Gebühr für ein Fax eingetippt. Und das hat sie gemerkt. Er storniert es für sie.

Wieder einmal denke ich mir: Ich hasse es, wenn Deutsche sich über den Service hier beschweren. Es nervt zwar zugegebenermaßen total, wenn Winzigkeiten ewig dauern oder man gegen eine Wand aus “kann ich nicht, kenn ich nicht, geht nicht” anlaufen muss. Aber es hat eben nicht jeder das Privileg eines Jobs, der die Rechnungen bezahlt. Und Doppelschichten fordern nun mal ihren Tribut.

Eine Grippeimpfung, die – wie in allen Drogerien seit Wochen – über dem Pillentresen groß beworben wird, würde ich mir hier trotzdem nicht geben lassen.

Thema: High Tea, typisch New York | Comments Off | Autor: