Im Juni wird New York total grün. Bis in die Küchen hinein sprießt das Grünzeug – wie ein Gang auf den Markt beweist.

 

Wochenmarkt grünes Gemüse New York

 

Erst nachdem ich schon einen Weile in New York gelebt hatte, verstand ich die handelsüblichen Anweisungen zur gesunden Ernährung. Da heißt es doch, ich solle möglichst viel „blättriges grünes Gemüse“ essen. In Deutschland fällt einem dazu allemal Salat und Spinat ein. In Amerika dagegen schießt eine solche Vielfalt an grünen Blättern aus dem Boden, dass ich mich immer wieder frage, warum dieses Land überhaupt für seine fettigen Fleischgerichte berühmt ist.

Ein Klassiker sind beispielsweise Collard Greens (mit Kohl verwandt, sehen aus wie plattgebügelte, dunkelgrüne äußere Blätter von Weißkohlpflanzen): Das uralte grüne Gemüse wussten bereits die alten Griechen zu schätzen. In der amerikanischen Kultur haben sie einen bittersüßen Beigeschmack: Collard Greens gehörten zu dem wenigen, was Sklaven auf den Plantagen essen durften.

Entsprechend finden die großen grünen Blätter besonders im Süden der USA (und in afroamerikanische geprägten Vierteln New Yorks) ihren Weg in den Topf. Was ich außerdem vor meinem Umzug nicht kannte: Mustard Greens (Blattsenf). Sie kommen ebenso wie Turnip Greens (Stielmus) oft zusammen mit den Collard Greens in den Südstaaten-Eintopf „Mess of Greens“.

Grünes Gemüse gefällig? Grünkohl, soweit das Hipsterauge reicht

Seit Jahren im Gourmettrend liegt Kale – Grünkohl. Während deutsche Gemüseläden den nur zu Beginn des Winters verkaufen (und ich verinnerlicht hatte, dass er nach dem ersten Frost erst schmeckt), gibt es in New York das ganze Jahr über Kale, meist wird er als Bund verkauft.

Dazu muss man wissen: In den USA werden ganz andere Sorten Grünkohl angebaut als in Deutschland, und ihre Form erklärt das mit dem „blättrigen dunkelgrünen Gemüse“ ganz gut: Statt von dreifingerdicken Stämmen gehen die Grünkohlstengel meistens von zarten Knotenpunkten aus, und viele Sorten sehen viel mehr nach Blättern aus (etwa der herrliche Lacinato Kale, auch bekannt als Dinosaur Kale oder Grünkohl aus der Toskana). Und es gibt auch viele Sorten, die ganz jung geerntet werden – was erklärt, warum die New Yorker Grünkohl auch roh essen (jedes Restaurant, das auf hip macht, hat „kale salad“ im Angebot).

Im Moment sticht mir auf dem Union Square Greenmarket besonders eine Grünkohlvariante ins Auge: Red Russian Kale.

 

grünes Blattgemüse: Red Russian Kale

 

Ja, auf dem Wochenmarkt dürfen die Russen immer noch rot sein (es gibt auch die Variante White Russian, die mich irgendwie an die Cocktailstunde erinnert). Aber mit Kohlgemüsen und Mangold („swiss chard“), den ich aus deutschen Bioläden kannte, hört das grüne Geblätter noch lange nicht auf. Schon mal Löwenzahn gegessen? Dessen Blätter, in mehreren langen, zarten Zuchtformen, gibt es beim Supermarkt um die Ecke (na ja gut, nicht in jedem Viertel). Ebenso wie Brunnenkresse.

Asiatische Blattgemüse und Erbsenpflanzen

Auf dem Markt kommen dann die grünen Extrawürste hinzu. Allerlei asiatische Gemüse etwa, von denen ich noch nie gehört, geschweige denn geschmeckt hatte. Am bekanntesten ist Tatsoi (schmeckt ein bisschen wie Chinakohl, ist aber, hehe, blättrig), aber an gut sortierten Bauernständen, wie man sie auf dem Union Square Greenmarket findet, prangen auf den Gemüseschildern – je nach Saison, also jetzt – auch Shomi oder Mizuma oder sonstwelche lustigen Namen, die einem dann als „asiatischer Spinat“ oder so erklärt werden.

Ich schwanke derweil zwischen zwei typisch amerikanischen grünen Blattgemüsen: Purslane (Portulak, habe ich in Deutschland auch schon mal erstanden) oder Sugar Snap Peas: Das sind eigentlich Zuckerschoten (Erbsen), mit denen wir hier aber gerne mal noch ungeduldiger umgehen als die Gourmets, die die unreifen Erbsen mitsamt der Schote in die Pfanne hauen; wir essen einfach gleich die ganze Pflanze zur Blütezeit.

 

Sugar Pea Snaps als Blattgemüse

 

Ach, und wo ich schon bei den Erbsen bin: Auf dem Markt in New York ist auch gerade Zeit für grüne Bohnen. Deren Blätter bleiben allerdings von hungrigen Mäulern verschont.

 

Gruenes Gemuese auf dem Farmers Market

 

Plötzlich stoße ich aber auf etwas, von dem mir der Opa früher erzählt hat. Ach nee, ich glaube, das war die Oma. Erkennt ihr’s?

 

Brennessel Gemüse Markt New York

 

Das wirkt etwas rötlich wegen der Farbe der Markise, die dieser Händler über seinen Gemüsestand gespannt hat. Und ja, da liegen die Zutaten für die gute alte Brennesselsuppe. Allerdings kennt jene hier offenbar auch nicht jeder, mal ganz zu schweigen davon, dass diese Pflanzen in Manhattan nirgendwo herumstehen, um einschlägige Erfahrungen zu fördern. Deshalb versieht der kluge Gemüsemann sie gleich mal mit einem wichtigen Hinweis.

 

Vorsicht. Brennesseln brennen!

 

Also immer schön die Augen offenhalten, wenn ihr in New York über den Markt schlendert und meint, ihr müsstet da unbedingt mal zugreifen!

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