Das Gullikrokodil gehört gleich zweimal nach New York: Erstens hält sich die Legende hartnäckig, irgendwo unter der Stadt würden im Klo runtergespülte Krokodilbabys sich am Abwasser laben und zu wahren Monstern heranwachsen. Zum Ursprung und Gehalt der „Sewer Alligator“-Legende hat Citymetric vor einer Weile eine hübsche kleine Geschichte veröffentlicht.

Zweitens hat der Künstler Tom Otterness das Biest verewigt – unter den Straßen New Yorks, versteht sich.

Viel hilft viel? So ein Quatsch, denke ich oft, zum Beispiel beim Blick auf Spülmittel oder diese dösigen Werbetweets, die meine Timeline durchlöchern. Manchmal aber hilft viel eben doch. Die Skulpturen von Tom Otterness hocken scharenweise in der Stadt, und dadurch kannte ich seinen Namen ganz schnell.

Bronze-Skulpturen für die U-Bahn

In einer U-Bahn-Haltestelle geistert die Kunst von Tom Otterness besonders mannigfaltig herum. Ich habe versucht, die Skulpturen zu zählen, aber nachdem schon drei U-Bahnen ohne mich abgefahren waren, war immer noch kein Ende abzusehen: Mindestens 100 Figuren kann man dort finden.

Sie haben zum Beispiel Geldsäcke statt Köpfe und erinnern damit für Insider (wie zum Beispiel den Künstler selbst) an einen Illustrator aus dem vorletzten Jahrhundert: Tom Nast zeigte damals mit diesem Kniff auf die damals herrschenden Seilschaften. Inzwischn habe sich so viel gar nicht geändert, findet Otterness.

Verbrecher im Untergrund

Und nicht nur Raffgier macht der Schöpfer des Bronzevölkchens zum Motiv von „Life Underground“. Auf meinem Spaziergang durch die Haltestelle entdecke ich möglichen Arten von Ungerechtigkeit und unrechtsamen Benehmen.

Da drangsaliert ein Polizist eine Obdachlose. Während ein Anzugträger mit Geld um sich wirft, wuchten Helmträger ihr gigantisches Werkzeug. Und ein paar gutgekleidete Herrschaften versuchen doch tatsächlich, sich die Fahrkarte zu sparen und unter dem Notfalltor zur Bahn zu kriechen! Allerdings steht auf der anderen Seite ein Polizist.

Wer hat Angst vorm Gullikrokodil?

Und dann ist da noch besagtes Gullikrokodil. Es trägt einen Anzug und zieht einen der Geldsäcke ins Nirwana. Der wehrt sich allerdings, und sein Kumpel guckt, als wolle er sagen: Püh, ich hab dir ja gleich gesagt, geh da nicht so nah ran.

Gullikrokodil von Tom Otterness New York

Nah ran gehen natürlich trotzdem viele Leute. Dieses Krokodil auf dem Bahnsteig (es gibt auch noch ein zweites im Zwischengeschoss, das findet ihr oben in der Bildergalerie) bekommt sehr viel Besuch. Andere Figuren kleben dagegen an Stellen, an die keiner ranlangen kann. Und wenn es nach Tom Otterness gegangen wäre, würden sie sich zudem dicht an dicht drängen.

Zehn Jahre für die U-Bahn-Kunst

Den Zuschlag für den Auftrag bekam der Künstler in den 90er Jahren, als die Haltestelle renoviert werden sollte. In dem Zuge (sic!) wollten die New Yorker Verkehrsbetriebe sie mit Kunst dekorieren. Zur Eröffnung waren 25 Skulpturen über Bahnsteig, Treppen und Zwischengeschoss verteilt. Doch Otterness hatte noch mehr Ideen. Zehn Jahre nach den ersten Entwürfen lieferte er immer noch Werke an.

Der Legende nach hörte er erst nach scharfer Ermahnung auf, weitere Bronzefiguren zu gießen. Der Künstler hatte längst in die eigene Schatulle gegriffen, um immer mehr Menschlein und seltsame Gebilde für den Untergrund zu schaffen. Doch er hatte auch Rechnungen zu zahlen. Und genau das musste seine Familie ihm schließlich vor Augen führen.

U-Bahn-Kunst Tom Otterness New York

Inzwischen hat der Künstler an dieser Haltestelle ein anderes Steckenpferd: Er mag es, dass einige seiner Skulpturen golden glänzen. Passanten polieren sie im Vorbeigehen – zum Beispiel, weil sie halt so praktisch am Geländer hängen oder auf der Bank sitzen. Dazu spinnt Otterness seine eigene Sage: Die Leute, so meint er, glauben, es bringe ihnen Glück, an den Geldsäcken zu reiben.

„Life Underground“ von Tom Otterness findet ihr an der Haltestelle 14th Street – 8 Avenue (Linie A, C, E, L).

Mehr davon? Praktischerweise schreibe ich fortlaufend über die New Yorker U-Bahn.

 

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