In New York glitzert es nicht überall. Auch wenn „Industrie“ heute öfter mit einem zackigen „Werbe-“ oder „IT-“ vorneweg auftaucht als mit rauchenden Schloten obendrüber, gibt es doch noch Jobs in New York, die Dreck machen und Platz brauchen.

Allein die ganzen Lieferwagenflotten müssen ja irgendwo repariert werden, die Reifen gestapelt, das Altblech zusammengeknautscht. Bergeweise Tortillas backen sich nicht im hübschen Vintage-Kachelofen, und immer neue Wolkenkratzer verlangen nach Aufzügen und Heiztechnik.

Streetart soll die Gegend verschönern

Manche Viertel sehen trist aus. Oder heruntergekommen. Und im Gegensatz zum landläufigen Vorurteil ist das seinen Bewohnerinnen und Bewohnern nicht egal. Dieser Unmut hat New York ein Kunst-Projekt eingebracht, das seinesgleichen sucht: das Welling Court Mural Project in Astoria (Queens).

Im Jahr 2009 hatte Streetart anderswo in der Stadt längst einen Platz im Tageslicht bekommen. Da mischt sich Ad Hoc Art in Bushwick (Brooklyn) unter das, was viele als die Speerspitze der Gentrifizierer-Vorhut sehen: Künstler und andere kreative Menschen, die plötzlich ein Viertel für sich entdecken. Doch vom Grafikstudio in (noch) unwirtlicher Gegend mausert sich Ad Hoc Art zur Galerie und dann quasi zur Streetart-Vermittlung. Die Idee: neue visuelle Eindrücke schaffen und die Leute ihr eigenes Viertel ganz neu erleben lassen, inzwischen als Powerpärchen-Firma.

Bei Streetart-Ausstellungen in Bushwick hatten Garrison und Alison Buxton für Ad Hoc Art die passenden Kontakte geknüpft; sie zeigten unter anderem Shepard Fairy, Swoon, Chris Stain und Know Hope. Mit Projekten etwa in Schaufenstern in Downtown Brooklyn, die nach der Finanzkrise 2008 eine ganze Weile lang leerstanden, hat sich Ad Hoc Art über Bushwick hinaus einen Namen gemacht.

Ihr Ruf dringt schließlich bis in eine Ecke von Astoria, die sich mit dem einen oder anderen Schandfleck geschlagen sieht. Deshalb nehmen die Menschen rund um eine Straße, die Welling Court heißt, Kontakt auf – mit den Buxtons. Und ebenso mit Leuten aus Astoria, deren Fassaden mit Farbe viel lebendiger aussehen würden.

Große Streetart-Namen und Künstler aus der Gegend beim Welling Court Mural Project

Gleich für das erste Welling Court Mural Project kamen 40 Künstlerinnen und Künstler nach Queens – einige hatten es gar nicht weit, andere kamen von weither. Das ist so geblieben, weil das Projekt der nachwachsenen Streetart-Generation ebenso Raum gibt (buchstäblich!) wie alten Hasen, etwa Al Diaz, Daze, Crash und Lady Pink, die ab 1979 als einzige Frau in der damaligen New Yorker Graffiti-Szene Furore machte.

Stadtbekannte Künstler wie Rubin415 und Chris Stain folgen dem Ruf ebensogern wie die talentierte Jugend aus der Gegend und internationale Spraydosenprofis, etwa die iranischen Geschwister Icy & Sot, das Duo Werc (Mexiko) und Zéh Palito (Brasilien), Free Humanity aus Los Angeles oder der Holländer Eelco „Virus“ van den Berg.

Jedes Jahr aufs Neue lädt Ad Hoc Art seither haufenweise Künstler mit Spraydosen, Schablonen und Pinseln nach Astoria ein. Inzwischen hat sich das Welling Court Mural Project auf weitere Häuserblöcke und knapp 150 Werke ausgebreitet.

Unter Touristen ist es – im Gegensatz zu den Streetart-Wänden in Bushwick – noch kaum bekannt. Aber die Immobilienbranche hat das bunte Treiben ins Auge gefasst. Gleich gegenüber von diesem umzäunten Hof …

Welling Court Astoria

… wird gerade einem Neubau der letzte Schliff gegeben. „Luxuswohnungen“ wollen die Besitzer dort verkaufen, und sie nennen das Ganze, na, wie?

Graffiti House

Welling Court Mural Project, rund um 30th Avenue Ecke 12th Street, Astoria (Queens), Karte mit allen Standorten und den dazugehörigen Künstlern der Saison auf der Website.

 

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