Ach, die rosa Pracht mal wieder! Drüben in Washington machen sie zwar erst so richtig Bohei um die Cherry Blossom, und manches Dorf auf dem Land hat zur Kirschblüte auch noch die passenden Holzhäuschen, die in Reiseführern dann „pittoresk“ und „romantisch“ heißen. Aber in New York magnetisiert der Gegensatz aus Blütenblättern und Glasfassaden.

Kirschblüte in New York 2017

Fast jedes Jahr mache ich Kirschblütenfotos, und das Schöne an New York ist ja die große Auswahl. Ich kann Kirschblüten wie in einem verwunschenen Garten angucken, Kirschblüten vor Wolkenkratzern wippen sehen oder Kirschblüten mit gefühlten dreihunderttausend anderen Menschen, die vor Kirschblüten fotografiert werden wollen. Das habe ich auch alles schon getan. Mehrfach.

Ich könnte das rosa Spektakel also längst mit einem Achselzucken abtun. Aber das geht nicht. Aus zwei Gründen. Erstens wäre ich ja schön blöd, mir die Freude an Frühling und Schönheit davon verderben zu lassen, dass ich das ja schon kenne. „So last year!“ funktioniert eben nicht mit allem. Ich sag nur: Schokolade. Sex. Steuererklärung.

Kirschblüte in New York 2017

Zweitens … stimmt da diesmal was nicht. Als Nicht-Botanikerin zweifelte ich zunächst an meiner Überzeugung, dass die Kirschen jetzt noch gar nicht blühen dürften. Aber praktischerweise ist im Central Park Frühjahrsputz und schnell klar, wer da in der Gruppe die Aufsicht hat und damit möglicherweise auch die Ahnung. Also nutze ich meine Chance: „Darf ich Sie mal was fragen?“

Ich darf. Und deute auf die Magnolie. „Ist das normal?“

„Nein“, sagt Landschaftsgärtner. „Das ist nicht normal.“ Die dramatische Pause hat er echt gut raus, denke ich.

Magnolie in New York 2017 Blüte fällt aus

„Normalerweise blühen also erst mal die Magnolien, und dann sind die Kirschen dran?“, helfe ich nach.

Das bestätigt er, macht eine Geste zu den Bäumen und sagt: „Da ist Folgendes passiert.“ Dann nicke ich und nicke und nicke, und dabei fällt auch der Groschen.

Mitten im Winter wurde es in New York nämlich plötzlich warm. Wir reden hier von T-Shirt-Wetter. Im Dezember. Der Gärtner erzählt, wie die Pflanzenwelt das interpretiert hat: Sie spielte verrückt, frühlings-style.

Und dann fielen die Temperaturen weit, weit unter Null (in Celsius gerechnet). Und das war es mit den Magnolien. So ungefähr drückt der Gärtner es aus, dann sieht er, wie die Hoffnung aus meinem Gesicht weicht. Wegen des seltsamen Wetters haben sich nicht etwa die Verhältnisse umgekehrt, und die kaltwettergewohnten Kirschen haben die Südstaatenschönheiten einfach überholt. Dieses Jahr gibt es keine Magnolienblüte.

Ich glaube, ich gucke ganz schrecklich traurig aus der Wäsche. Jedenfalls schaut sich der Gärtner trostsuchend um. „Die da vorne“, zeigt er, „hat es geschafft.“

Eine klägliche Handvoll Blütenblätter hängt (!) von Astspitzen und wartet vergeblich auf Jahreszeitpaparazzi. Ich zeige noch ein letztes Mal auf die blütenlose Saucer Magnolia. Da, das sieht doch aus wie Knospen! Aber der Gärtner schüttelt den Kopf, und ich sehe grün. Die Magnolie hat schon Blätter. Als wäre sie bereits verblüht.

 

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