„Was passiert wohl nachts im New Yorker Naturkundemuseum?“, fragte sich der kroatische Illustrator Milan Trenc. Seine blühende Fantasie von wild gewordenen Exponaten wurde in den 90er Jahren zum Kinderbuch und 2006 zum Film mit Ben Stiller. Jetzt stellt der nächste Künstler ein Museum auf den Kopf: Adrián Villar Rojas wollte wissen, was eigentlich im Keller des Metropolitan Museum of Art versteckt ist. Seine Antwort zeigt er als „The Theater of Disappearance“ auf der Dachterrasse des Museums.

Met Museum Roof Garden Ausstellung 2017

Klar kann man ins Museum gehen, den David angucken und eine Idee herbefehlen: Los, ich guck mir Kunst an, nun mach schon! Dann sagt das Hirn: Okay, lass uns einen nackten Mann machen. Oder: Ach, da fällt mir ein, ich muss mal. Inspiration lässt sich nicht dressieren. Wie ein kleines Kätzchen spielt sie gerne.

So hat auch der argentinische Künstler Rojas den Berühmtheiten des Met Museums den Rücken gekehrt – und vergessene Statuen und Fragmente von Skulpturen ausfindig gemacht. Sie sollten später an einem Festessen teilnehmen, das die hiesige Presse mit immer demselben Wort beschreibt:

surreal.

Ich finde Rojas‘ Bankett ein bisschen umheimlich, noch unheimlicher als das Psycho-Haus vom letzten Jahr. Erst scheine ich nicht dahinterzukommen, warum ich mich von den 16 Skulpturen in weiß und schwarz einfach nicht lösen kann. Dann fällt es mir doch noch auf: Rojas schenkt mir endlos neue Perspektiven – und zwar buchstäblich.

Je nach Standpunkt und Blickwinkel sehe ich in einer Skulptur etwas völlig anderes als eben noch. Unter einer großen Schale hat sich zum Beispiel eine Frau zusammengerollt, auch eine Katze sucht dort Schutz.

Sommerausstellung Met Museum New York

Ein paar Schritte weiter ist die Schale gar keine Schale. Auch keine Muschel und kein Vordach. Das ist eine Maske. Oder ein ausgehöhlter Kopf?

Met Roof Adrian Villar Rojas

Dann fällt mir die Kleidung auf. Zuerst die Schuhe. Später auch eine der Hosen. Turnschuhe? Arbeiterstiefel? Jeans? Da sind ja Zeitgenossen zum Bankett eingeladen! Ich glaube, das fällt auch anderen Leuten auf.

Met Museum Roof Garden Ausstellung 2017

Viele andere Details dagegen geben sicherlich ein vornehmes Ratespiel für Kunsthistorikerinnen ab. So wie hier würde das Museum die Werke natürlich nie ausstellen.

Met Museum Roof Garden Adrian Villar Rojas

Jetzt wendet den Blick mal vom Skandalösen ab (ein Trinkerkind!) und schaut auf Hose und Schuhe.

Die Chefin der Abteilung für moderne und zeitgenössische Kunst, Sheena Wagstaff, sieht in Rojas Idee auch kritische Fragen danach, wie das Museum Kulturgeschichte präsentiert – und welche ideologische Haltung dahintersteckt.

Rojas war gerade mal sechs Jahre alt, als das altehrwürdige Metropolitan Museum of Art seine hochmoderne Dachterrasse mit einer Ausstellung einweihte. 30 Jahre später ist er der jüngste Künstler, der je auf dem Roof Garden ausgestellt hat. Und der Erste, der die Museumssammlung remixt.

Abgenagte Knochen liegen da herum, Becher sind umgefallen, das sieht ja … echt aus?! Gut dass es hier keine Dinosaurierskelette gibt: Adrián Villar Rojas hat die unzugänglichen Ecken des Museums zum Leben erweckt.

Met Museum Adrian Villar Rojas

Aber wie hat er das gemacht? Zunächst einmal sprach Rojas mit dem Personal der Abteilungen, die er für dieses Theater spannend fand: Rüstungen, Ägypten, Griechenland, römische Kunst und die Schnitzereien des amerikanischen Kontinents. Kuratoren, Wissenschaftler, Restauratoren und andere Mitarbeiter der Museumssammlung beantworteten ihm seine Fragen und zeigten ihm hinter den Kulissen des Museums ihre Schätze. Dann kam der 3D-Scanner ins Spiel.

Alle Teile der Ausstellung entstammen aus dem 3D-Drucker. Sie bekamen zudem noch eine Dusche aus Autolack, damit sie dem New Yorker Wetter etwas entgegensetzen können. Ohne diese Technologie hätte man so eine Ausstellungsidee nicht verwirklichen können.

Met Museum Adrian Villar Rojas

Ha, reingefallen! Schon mal was von Gipsabdruck gehört? Und jetzt kommt mir bloß nicht damit, dass man keine uralten Statuen mit dem Zeug einmatschen könne, das kriegt man doch nie wieder sauber. Offenbar schon (oder, ähm, man nennt es Patina oder so). In seinen Anfangszeiten griff das Metropolitan Museum of Art nämlich zu genau dieser Technik, wenn es die Originale nicht erwerben konnte.

Seit mir Rojas das beigebogen hat (via Künstlerstatement, das auf der Dachterrasse unauffällig herumhängt), frage ich mich, was da im restlichen Museum wohl alles echt ist und was nachgemacht. Dunkel dämmert mir, dass ich da irgendwo ein Schild mit dem Hinweis „Replika“ gesehen habe. Oder hat der Künstler mir jetzt das geistige Auge gelenkt?

Met Museum Adrian Villar Rojas

Adrián Villar Rojas: „The Theater of Disappearance“, bis 29.10.2017 auf dem Rooftop Garden des Metropolitan Museum of Art, 1000 Fifth Avenue (Ecke 83rd St), Upper East Side, Details auf der Website.

Die Ausstellung ist nur ein Teil des Projekts. Zu „The Theater of Disappearance“ gehört unter anderem eine Filmtrilogie, die auf der Berlinale Premiere feierte, sowie weitere Ausstellungen in Bregenz, Athen und Los Angeles.

 

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