Hälserecken im New Yorker Wolkenkratzergetümmel kommt aus der Mode, wie es aussieht. Aber ist winzig wirklich das neue Schwarz? Liliput scheint in Manhattan doch an den Haaren herbeigezogen. Tja. Wenn man sich sowieso schon in der Welt von „Gullivers Reisen“ bewegt, passt genau das. So wuchs (ha!) in den letzten Monaten am Times Square eine Welt in Miniatur, sie heißt Gulliver’s Gate und weckte die Skepsis in mir – und die Neugier.

In der Bildergalerie da oben sehr ihr, was ich bei meinem Rundgang vor der offiziellen Eröffnung dort sah: Sehenswürdigkeiten aus Europa, Russland, Asien, Südamerika, dem Mittleren Osten und – natürlich! – Manhattan stehen dort auf Modelleisenbahnformat geschrumpft. Die Sphinx, der Rote Platz, Stonehenge, Machu Pichu, die Verbotene Stadt, bevölkert von knapp zwei Zentimeter großen Menschlein.

Was ihr dort oben nicht seht: Ich konnte mich gar nicht von der Ausstellung trennen. Das hätte ich nicht unbedingt erwartet.

Tourismus auf die Spitze getrieben

Am Times Square will scheinbar jeder Quadratzentimeter Aufmerksamkeit. Menschen möchten einen mit Flyern und Plakaten zum Geldausgeben animieren, Schaufenster versprechen Erstaunliches und die berühmten Leuchtreklamen sowieso.

All das Blinken und Zucken zieht nicht nur Touristen an, sondern auch Unternehmer, die sich gegenseitig mit Superlativen bewerfen, bis einer heult (oder richtig Reibach macht). Ripley’s Believe it or not lässt das Platzhirschgeweih auf Madame Toussaud’s Wachsfigurenkabinett krachen, und jetzt kommt ausgerechnet etwas Winziges als neue Konkurrenz dazu. Miniatur passt aber besser als gedacht an diesen Ort.

In Sichtweite vom Eiffelturm stehen Brandenburger Tor und Atomium, vom Lichterspektakel chinesischer Wolkenkratzer kann man bis zu vietnamesischen Terrassengärten schauen, von der Kaaba in Mekka zum Jerusalemer Tempelberg sind es vielleicht zwei Schritte (oder man dreht den Kopf ein bisschen nach links). Mit den Sehenswürdigkeiten in Miniatur treibt Gulliver’s Gate den Tourismus auf die Spitze.

Statt hierhin und dorthin zu reisen, Klima, Kraxelei und Sprachbarrieren zu bewältigen, kann man hier ohne großen Aufwand im Trockenen jede Menge von dem sehen, was stapelweise Reiseführer empfehlen. Und fotografieren natürlich. Danach kann man dann sagen, man hat die Welt gesehen. So wie es vor vielen Jahren schon bei den Fehlfarben hieß: „Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen.“

Und so doof ist das gar nicht. Wenn man die Sehenswürdigkeiten schon mal im Schnelldurchlauf abgehakt hat, bleibt schließlich mehr Zeit für Entdeckungen. Und ich empfehle immer wieder (in meinem New York-Buch und zum Beispiel auch hier), sich Zeit dafür zu nehmen, einfach mal draufloszulaufen.

Na, logisch: Miniaturwelt steckt voller Liebe zum Detail

Und dann ist da ja noch Don Quixote. Als ich ihn entdecke, komme ich aus dem Kichern nicht mehr heraus. Auf Knopfdruck reitet der Ritter von der traurigen Gestalt gegen eine Windmühle und dreht dann schreiend eine Runde in deren Flügeln. Und habt ihr oben in den Fotos die Beatles entdeckt? Oder gesehen, wie im Russland-Teil ein Bär seelenruhig über den Zebrastreifen spaziert? Diese Art Humor zieht sich durch die gesamte Ausstellung – ebenso wie die Liebe zum Detail.

Damit ihr sehen könnt, wie tief diese Liebe geht, habe ich von den Veranstaltern der Dauerausstellung Bildmaterial bekommen – sowohl aus den Ateliers der Modellbauer als auch vom monatelangen Aufbau in dem Gebäude am Times Square.

Gulliver's Gate Brücken

Erkennt ihr die New Yorker Brücken? Hier stehen sie noch in einer Modellwerkstatt in Brooklyn.

 

Alles in Miniatur: Gulliver's Gate in New York

Die winzigen Figuren geben der Ausstellung nicht nur Farbe – sie bekommen auch welche.

 

Gullivers Gate Miniaturwelt Schnee

Riesinnen lassen es in der Miniaturwelt schneien.

Gulliver’s Gate in Zahlen – da ist Schluss mit Miniatur

Modellbauer aus acht Ländern haben die Ausstellungsidee umgesetzt. Am längsten haben sie an Manhattan gesessen, das lustigerweise in Brooklyn entstand. 16 Modellbauer arbeiteten dort 358 Tage daran, Sehenswürdigkeiten wie Grand Central oder das 9/11 Memorial im Verhältnis 1:87 nachzubauen; in Peking schwangen 29 Modellbauer 178 Tage lang die Pinzetten. Weitere Teams in Rimini, Jerusalem, St. Petersburg und Buenos Aires taten mit insgesamt 70 Modellbauern das Ihrige.

Und überall bewegt sich etwas. Flugzeuge und Heißluftballons fliegen über die Miniaturlandschaften, auch der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten kann unvermittelt auftauchen. Vor allem aber fahren jede Menge elektrische Eisenbahnen durch die Welt von Gulliver’s Gate. 1000 Züge mit 12.000 Waggons sollen es werden, und Glasscheiben umgeben die Schaltzentrale, so dass jeder gucken kann, wie die H0-Bahn-Experten für Pünktlichkeit im Kleinen sorgen. Die digitale Technik dafür stammt übrigens zum guten Teil aus Europa.

Schaltzentrale bei Gulliver's Gate

40 Millionen Dollar soll die Ausstellung gekostet haben, und Erfinder Eiran Gazit und seine Geschäftspartner Michael und Irving Langer haben sich einiges ausgedacht, um die Kohle wieder reinzuholen. Allein dem Ausstellungsshop sehe ich quasi das Kindergequengel schon an (dabei weiß ich, dass man Gequengel gar nicht sehen kann!). Aber die ganz großen Verlockungen gibt’s für Erwachsene.

Wer möchte in eine Miniwelt einziehen?

Der Nachteil des Tourismus in einer Miniwelt ist ja, dass man sich so schlecht vor den Sehenswürdigkeiten fotografieren lassen kann. Daraus macht Gulliver’s Gate glatt noch einen Vorteil: Wer möchte – und zusätzlich zum nicht gerade günstigen Eintritt noch mal etwas springen lässt – kann sich auf H0-Format schrumpfen lassen und das Mini-Ich dann in einen Ausstellungsteil setzen lassen.

Ein 3D-Scanner wird’s schon richten, und gegen entsprechenden Obolus ist auch noch eine Actionfigur für zu Hause drin. Dazu gibt es auch noch einen Pass, der die Staatsbürgeschaft in Gulliver’s Gate bescheinigt.

GulliversGate Model Citizen

Lauter Musterbürger aus Gulliver’s Gate!

Gulliver’s Gate, 216 W 44th Street (zwischen 7th und 8th Avenue) am Times Square, Eintritt 36 Dollar (Kinder unter 12 Jahren 27 Dollar), Details auf der Website.

 



 

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