Die eine sammelt Fußballbilder, die andere sammelt Kunst. Und so wie beim Fußballfan sich bald ein Hang zu einer bestimmten Mannschaft, Region und Liga herauskristallisiert, so ist das auch beim Kunstfan. In New York könnt ihr am eigenen Leib erleben, wie plötzlich man Mittelalterkunstfan werden kann – bei einem Besuch in den Cloisters.

Skulpturen und Bruchstücke mittelalterlicher Bauten aus Europa waren das Steckenpferd von George Grey Barnard. Er sammelte, was er kriegen konnte, stellte es in einem kirchenartigen Haus aus und tauschte immer mal wieder die wertvollsten seiner Sammelstücke ein, um neue alte Schätze erwerben zu können. Denn blöderweise hatte der amerikanische Bildhauer oft Geldprobleme.

1925 war das ganz übel, und Junior kaufte Barnards Sammlung für das Metropolitan Museum of Art ein. Junior hieß eigentlich John D. Rockefeller, aber den Namen hielt schon sein berühmter Vater besetzt. Der Ölbaronsohn und spätere Erbauer des Rockefeller Center liebte es, den Wohltäter zu geben, und das durfte gerne mal groß und gut sichtbar ausfallen.

Cloisters über dem Hudson

So sollte die neue Mittelaltersammlung ein passendes Gehäuse bekommen. Rockefeller schwebte ein Mittelalterbau vor, am besten mit mehreren Kreuzgängen – auf einem großen Grundstück in Manhattan, das den Hudson überblickt. So was kann man ja auch noch eben kaufen.

Moment, wie soll das denn gehen?, fragt ihr jetzt. Tja. New York war im Mittelalter noch eine Sumpflandschaft, da lassen sich keine Häuser aus dem Mittelalter ausgraben. Was macht der Superreiche von Welt also? Er kauft ein paar europäische Klöster, aus denen sich ein prima Museum puzzeln lässt.

The Cloisters New York

Stein für Stein wurde zwischen 1934 und 1939 in französischen Abteien und Klöstern abgebaut, ausgegraben und verschifft. Nach dem Masterplan des Architekten Charles Collens kamen die Klosterteile zusammen. Tafeln in den Kreuzgängen erklären heute genau, welche Säule und welches Kapitell Originale aus Saint-Guilhem, Trie sur Baise, Saint Michael de Cuxa, Froville und Bonnefont-en-Comminges sind und welche nachgebildet wurden.

Aber damit nicht genug. Um diesen Kunsttempel zu füllen, spendete der olle Rockefeller einen Teil seiner eigenen Kunstsammlung – darunter eine Reihe Textilien, die heute die große Attraktion sind: die sieben Einhorn-Wandbehänge.

Cloisters Unicorn Tapestry Einhorn

Da könnt ihr mal sehen, dass der Einhorn-Trend in New York schon wieder so was von aus dem letzten Jahrhundert ist. New Yorker Mittelalterfans wissen: In Holland hing dieses Einhorn schon um das Jahr 1500 herum.

In einer Ecke der Kreuzgänge der Cloisters ist die Museumscafeteria aufgebaut, Tische und Stühle rings um einen Garten laden zum Klosterschmaus ein. Aber laut ist es trotzdem nicht.

Ich stratze erst mal dran vorbei, die anderen Gärten begucken, in denen die Pflanzen wachsen, die die Museumsleute in alten Klosterschriften gefunden haben. Hopfen zum Beispiel. Das bringt mich auf eine Idee. Leider hatte ich aber nicht bedacht, dass Museumscafés die Angewohnheit haben, eine ganze Weile vor dem Ende der Öffnungszeit nichts mehr auszuschenken. Und so komme ich gerade recht, um den Rücken des Barkeeper durch eine Tür entschwinden zu sehen.

Mönche mögen zwar die weltbesten Bierbrauer gewesen sein. Aber in den Cloisters zumindest folgen sie nicht dem Merksatz „Kein Bier vor vier“. Möglicherweise ist es aber ohnehin besser für alle Beteiligten, dass ich stocknüchtern die Mittelalterschätze begutachte. Ich finde nämlich einiges, das mein Zwerchfell reizt.

Cloisters Window

Haben die Leute in Deutschland auch schon im 15. Jahrhundert über Handwerker geschimpft oder waren sie besonders flink? Ich erfahre nicht, warum diese Tischzusammenbauer wie Affen aussehen. Wisst ihr’s?

Die nächste Frage wird noch viel heikler. Vor einer puppengroßen Kinderfigur lerne ich zunächst, dass ebensolche im Mittelalter gerne den weiblichen Familienmitgliedern mitgegeben wurden, die ins Kloster gingen. Zukünftige Nonnen bekamen ein Jesusbaby, komplett mit vergoldetem Haar, das sie besonders gerne streichelten.

Damit man das begreift, ist das abgegriffene Goldzeug nicht wieder neu drangepappt worden. Aber, so die Erklärtafel, die restlichen Originalfarben sind restauriert. Das Christkind hat rote Bäckchen!

Cloisters New York

Vielleicht weiß ja jemand von euch, ob das nun das Heilige auf Menschenebene holen soll. Und wenn: Entstammt die zarte Röte den typischen Verdauungsmalessen von Kleinkindern oder ist das ein Fingerzeig in Richtung Erziehungsmethoden?

Ach, Museen. Immer wieder ein Quell der Inspiration!

Cloisters

 

The Met Cloisters, Fort Tryon Park, Washington Heights (im Norden Manhattans), Wegbeschreibung und Details auf der Website.

 



 

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