Klavier

 

Ich besitze seit neuestem wieder ein Klavier. Das Problem ist nur: Es steht in Deutschland.

Andere haben einen Koffer in Berlin, ich habe in einer anderen Stadt meine Wurzeln – und ein Klavier. Es geht hart auf die Hundert zu, ich habe darauf Klavierspielen gelernt und geübt, obwohl es noch nie in einer Wohnung stand, in der ich wohnte. Aber das soll nun anders werden.

Viele, viele Jahre haben ich das Klavier nicht gesehen. Bis ich im Februar in Deutschland zu Besuch war, plötzlich vor dem guten Stück stand, mich nicht mal traute, es anzufassen, so unwirklich erschien mir das auf einmal, und stattdessen jemanden bat, es mir zu fotografieren.

Ich wusste ja, dass es nun endgültig das Haus verlassen musste. Da beschlossen aber zwei liebe Menschen, dass es nicht einfach irgendwohin weg sollte, sondern zu mir. Und mich überzeugten sie davon.

Das war nicht schwer. Jetzt besitze ich also ein klavierlackschwarzes, glänzendes, immer noch wohlklingendes Klavier. Und ein Problem.

Klaviertransport in die USA für Anfänger

Weil ich weiß, dass andere Leute mit ihrem gesamten Hausrat (samt Auto!) in die USA umziehen, um dann festzustellen, dass die Waschmaschine mit dem hiesigen Strom gar nichts anfangen kann, dachte ich: Na, da wird es ja wohl genug Experten geben, die wissen, wie ich mein Klavier auf den Kontinent bekomme, auf dem ich wohne.

Falsch.

Es gibt Umzugsunternehmen mit internationalem Service, Containervolllader und Klaviertransportierer, und die alle haben Websites, aber nirgendwo erfahre ich auf Anhieb, wie das nun geht, was wichtig dabei ist – und erst recht nicht, was so ein Projekt „Klaviertransport USA“ wohl kosten mag.

Projekt „Klaviertransport USA“ für Fortgeschrittene

Dann recherchiere ich eben mal. Ich gebe zu: schon ein wenig halbherzig, weil mir die Schwierigkeiten bei der Anfängersuche auf den Schultern sitzen und einflüstern: So was macht kaum jemand, das wird wohl seinen Grund haben.

Hat es auch. Was ich bisher gelernt (oder missverstanden) habe:

  1. Ein Klavier ist sehr empfindlich jedem Wechsel von Temperatur und Luftfeuchtigkeit gegenüber. Weshalb es schon nach einem Transport in eine andere Straße neu gestimmt werden muss. Offenbar versucht man, das Klavier so kurz wie möglich irgendwelchen Elementen auszusetzen. Ginge es in die USA, wäre es zwei, drei Tage (Luftweg) oder bis zu zwei Wochen (Seeweg) unterwegs.
  2. Beim Transport nach Übersee setze ich das Klavier nicht nur ein bisschen Deutschlanddraußenklima aus, sondern es bekommt entweder tagelang salzige Feuchtigkeit und Tag- und Nachtunterschiede bei den Temperaturen auf Holz, Metallrahmen und Saiten (Seeweg) oder Eisekälte und Druckunterschied (Luftweg). Plus das komplett ungewohnte Klima in New York.
  3. Ein Klavier nimmt Gerumpel übel. So ein Instrument kann man nicht einfach in eine dieser Holzkisten stecken, die als Containerbeiladung angeboten werden, und dann darin herumschuckern lassen. Es braucht eine Spezialverpackung. Wie wertvolle Antiquitäten oder so was.
  4. Manche sagen, nach beidem – Klimakatastrophe und Tour durch Wellen oder Luftlöcher – reicht es nicht mehr, das Klavier zu stimmen, sondern es müsse komplett neu eingestellt werden. Ich wage gar nicht zu schauen, ob es in den USA überhaupt Leute gibt, die sich mit uralten europäischen Klavieren auskennen.
  5. Apropos Alter: Ein altes Klavier – so wie meines – hat höchstwahrscheinlich Elfenbeintasten. Zum Glück für die armen Elefanten ist die Elfenbeinjagd längst verboten, und damit sie nicht heimlich weiterläuft, erlauben die USA seit den 80er Jahren die Einfuhr von Elfenbein nicht mehr. Die Elefanten, die für mein Klavier herhalten mussten (schluck!), wurden zwar schon lange vorher dahingestreckt, aber für den Zoll muss ich das belegen. Wie viele Vorkriegsinstrumente hat mein Klavier aber keine Papiere.
  6. Apropos Zoll: Ich habe keine Ahnung, wie man ein Klavier deklariert, das einem gehört und das man bloß aus der Heimat ins Zuhause schaffen will.

Kann ich mir mein Klavier überhaupt leisten?

Schließlich finde ich einen deutschen Klavierspezialisten, der auch einen Transport nach New York einfädeln kann. Genauergesagt gibt es offenbar mehrere, aber irgendwo muss ich ja nun anfangen. Weil es keine Pauschalpreise gibt, bitte ich um ein Angebot. Sowohl für den Seeweg als auch den Luftweg.

Der Luftweg ist natürlich teurer. Aber beide Varianten würden mich einen vierstelligen Betrag kosten, bei dem der Transport vom Hafen oder Flughafen ebensowenig eingerechnet ist wie Kosten für Zoll und Klavierstimmung.

Und ich wüsste nicht mal, ob das Klavier danach noch mal schön klingen würde und wie es mit der monatelangen Schwüle in New York zurechtkäme. Fast bin ich soweit, es in Deutschland zu verschenken. Ist besser so. Und traurig. Ich brauche noch ein paar Tage, um das gerade erst wiedergewonnene Klavier wieder loszulassen.

Sollte sich also irgendjemand von euch Leserinnen und Lesern mit diesem Spezialthema auskennen, freue ich mich über Kommentare – selbst wenn sie nur bestätigen, dass ein Klavier besser bleibt, wo es ist.

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