Holz von Art of Plants

 

Dieses Holzgewirr, in dem sich Luftpflanzen (Tillandsien) wohlfühlen, verkauft Jenny Wong auf der Renegade Craft Fair in Brooklyn. Mich macht neugierig, wie das mit dem Holzbiegen eigentlich geht. Und so besuche ich die Künstlerin in einem ehemaligen Kaffeelagerhaus in Red Hook (Brooklyn), in dem sie sich eine Holzwerkstatt mit anderen kreativen Menschen und einen Atelierraum mit Pflanzen teilt.

Dort erfahre ich, wie Jenny Wong in ihrer kleinen Firma Art of Plants mit dem Holz arbeitet, was Luxusmöbelbauer davon halten – und warum New Yorker sich besser mal Pflanzen in die Bude holen sollten.

 Jenny, was hat dich auf die Idee gebracht, Holz zu verbiegen?

Du wirst lachen: Ich nutzte damals immer die Zeit, in der meine jüngere Tochter schlief, um etwas zu machen. Eigentlich machte ich gerade Origami, kam aber irgendwie auf Holzarbeiten und fand einen Artikel darüber, wie man Eichenholz biegt. Am selben Tag fiel mir ein altes Lineal in die Hand und ich sagte: „Na so ein Glück, das biege ich!“ Das versuchte ich dann auch. Und zerbrach es. (lacht)

 

Luftpflanzen - erst eine, dann ein Zimmer voll

Wie bist du darauf gekommen, etwas hineinzustecken? Es hätte doch auch eine Skulptur werden können.

Es hätte alles Mögliche werden können. Aber kurz bevor ich diese Leidenschaft für Holz entwickelte, kam ich mit Tillandsien in Berührung und begann, sie zu sammeln. Das beginnt ganz harmlos, und plötzlich hast du ein ganzes Zimmer voll. Und so dachte ich: Oh, das würde doch toll zusammenpassen – Holz und Pflanzen sind beide ein Teil der Natur. Ich steckte also eine Tillandsie hinein, und es sah fabelhaft aus.

Wann kam dir der Gedanke, daraus deine Firma „Art of Plants“ zu machen?

Mein Ehemann fragte: Wieso machst du das nicht zu deinem Beruf? Ich hatte zunächst Vorbehalte. Wer würde so was denn kaufen? Ich machte diese Holzskulpturen ja nur für Freunde.

Womit hast du zu dieser Zeit denn dein Geld verdient?

Ich war Lehrerin für Naturwissenschaften. Davor arbeitete ich in der Genetik-Forschung, und davor war ich etwa zehn Jahre lang Art Directorin und Grafikdesignerin.

Moment: Was hat dich dazu veranlasst, als Designerin noch einmal für etwas völlig anderes zur Uni zu gehen?

AoPLernen

Ach, weißt du: Ich gehöre zu den Leuten, die mit dem Lernen einfach nicht aufhören können. Wenn ich ein Plateau erreiche, verliere ich die Konzentration, weil ich keine Fehler mehr mache. Denn je mehr Fehler du machst, desto mehr lernst du. Nach einer so langen Zeit in der Kunst-, Unterhaltungs- und Verlagsbranche hatte ich die Obergrenze erreicht – und sprang. Ich brauchte etwas anderes, und ich mochte Naturwissenschaften. An der Uni hatte ich einen Professor, der sich vor allem mit in New York heimischen Pflanzen befasste. Von ihm habe ich alles über die Pflanzenbiologie gelernt, und dadurch entwickelte sich meine Besessenheit, den Kreis des Lebens zu verstehen. Und die Pflanze, mit der ich arbeite. Ich bin eine Serien-Karrierewechslerin (lacht).

Siehst du auch dieses Geschäft als etwas, das du nur für ein paar Jahre machst – so wie deine anderen Karrieren bisher?

Am Anfang habe ich das so gesehen. Aber ich finde es immer noch toll, ein eigenes Geschäft zu haben, etwas arbeiten zu können, das mir absolut Spaß macht, und Leute zu finden, denen gefällt, was ich mache. Und wenn ich etwas nicht mag, verkaufe ich es nicht. Ich sehe keine Langeweile aufkommen, weil für mich jeder Tag neue Herausforderungen bereithält. Ich versuche ja immer noch herauszukriegen, wie ich vier dieser Teile da drüben machen soll (lacht). Ihr Biege-Muster zu vervielfältigen wird mich ungefähr vier Wochen lang beschäftigen.

Was macht diese Herausforderung aus?

Ich arbeite so, wie es das Holz vorgibt. Ich fühle mit den Händen, wie das Holz sich biegen lässt, in welche Richtung es gehen will, und dem folge ich. Dieses Vorgehen wendet sich manchmal gegen mich: Dann weiß ich nicht, wie ich das gemacht habe, und ich bezweifle, dass ich es wiederholen kann.

Wie geht das denn überhaupt mit dem Holzbiegen?

Volle Konzentration beim SägenDas hängt vom Holz ab. Manche Holzarten wie etwa Walnuss müssen zur Vorbereitung lange gewässert werden. Und wenn du sägst, brauchst du volle Konzentration. Da wird nicht mal eben aufs Telefon geblickt. Nachdem du das Holz gefräst und geschmirgelt hast, hast du den Rohling, den kannst du dämpfen und biegen. Dazu brauchst du Hitze. Auch die Temperatur hängt von der Härte des Holzes ab, und je höher die Temperatur, und desto länger braucht es Dampf.

Und dann ist es fertig?

Danach muss sich das Holz setzen. In dieser Phase verändert es seine Form, denn nachdem es sich beim Dämpfen durch Wasser und Hitze ausgeweitet hatte, zieht es sich jetzt zusammen, und dabei verlierst du mal etwas, mal gewinnst du etwas dazu. Manchmal ist zum Beispiel die Krümmung nicht so eng wie gedacht. Man weiß also erst ein paar Tage später, was man bekommt. Und dann lackiere ich das Holz. Dieser Prozess dauert: Du lackierst, du schmirgelst, du lackierst, du schmirgelst. Das Holz braucht drei Lackschichten, weil es sehr porös ist. Man braucht eine gute Technik, um jede Pore zu schließen. Das braucht seine Zeit, etwa sieben Tage. Aber ich mache das in Bündeln, sonst könnte ich geschäftlich nicht überleben.

Ihr habt hier einen Gemeinschaftsraum, deine Atelier-Nachbarin hat uns eben begrüßt: Gibt es in diesen alten Lagerhäusern eine richtige Künstler- und Designergemeinde?

Absolut, ja. Ich war gerade im Kerzen-Atelier und habe Kerzen mitgebracht, die Vasen dort oben sind von einer anderen Freundin. Es kommt auch oft zu Kooperationen. Das meiste Holz, das ich verwende, stammt von Edelmöbel-Designern, mit denen ich befreundet bin und die sagen: Hol dir doch mal ein paar Holzreste ab. Sie kommen vorbei, geben mir Tipps, zeigen mir neue Techniken, bringen mir bei, wie ich Verbindungen noch besser machen kann oder welchen Kleber ich nutzen sollte. Es ist wichtig, so tolle Leute um sich herum zu haben.

 

Jenny Wong, Art of Plants, Brookln, New York

Jenny Wong
ist auf der Lower East Side in New York geboren.
wohnt in Cobble Hill, arbeitet in Red Hook, liebt Brooklyn.
gründete „Art of Plants“ vor 2 Jahren. Davor war sie Grafikerin, Forscherin, Lehrerin.
nimmt sich jedes Jahr im Januar knapp 3 Monate Zeit für große Holzskulpturen – für die Kunst, nicht für den Massenmarkt.
Fast jeder, der mit Holz arbeitet, hatte schon eine unangenehme Begegnung mit der Säge. Auch Jenny. Aber immerhin: Jennys Familie ist froh, dass sie als Künstlerin nicht mehr mit Metall arbeitet.

Aber solche Freunde muss man ja erst mal finden!

Das hat sich einfach ergeben. Sie sahen, was ich mache, und fanden das ganz schön seltsam. Das hat ihr Interesse geweckt. Ich bin keine Tischlerin, ich mache keine perfekten Rechtecke. Aber ich befrage andere gern über ihre eigene Arbeit. Ich bin neugierig! Die Leute aus dieser Branche in Red Hook und viele in Brooklyn sind sehr offen, jedenfalls mir gegenüber.

Deine Pflanzen-Skulpturen sind zwar etwas anderes als eine Kommode, aber manche Möbeldesigner machen ja auch kleinere, dekorative Objekte. Gibt es gar keine Eifersüchteleien oder Grenzen, die ihr setzt, weil es da ums Geschäft geht?

Ich habe größten Respekt vor den Holz-Handwerkern, die ich kennengelernt habe, vor dem, was sie mit Holz anstellen können. Ich würde mich nicht als Hardcore-Holzfachfrau bezeichnen. Ich nutze Holz als Medium für meine Kunst. Und ich gebe zu, dass viele Leute nicht verstehen, was ich mache, oder sogar keinen Respekt davor haben. Aber diejenigen, die mir am nächsten stehen, und ich haben kein Konkurrenzproblem, weil unsere Firmen so unterschiedlich sind. Mein Preisniveau ist sehr niedrig, ich ziele auf den Massenmarkt und mache Wohnaccessoires, sie dagegen bauen Luxusmöbel, deren Preise im fünfstelligen Bereich beginnen. Ich spiele nicht in ihrer Liga und will das auch gar nicht. Das ist ein ganz anderes Genre. Ich glaube auch nicht, dass wir uns Marktanteile wegnehmen.

Es gibt in New York immer mehr Märkte speziell für Handgemachtes – wie die Renegade Craft Fair, wo ich dich getroffen habe, aber auch viele andere. Wie siehst du diese Entwicklung?

Für mich ist es toll, dass es jetzt so viele Absatzmöglichkeiten für in Amerika gemachte Waren aus kleiner Produktion gibt. Ich denke, das hebt individuelle Künstler und ihre Persönlichkeiten hervor. Denn ich kenne so viele ganz unterschiedliche „Maker“, nicht all ihre Waren sind toll, aber sie sind alle einzigartig. Diese Entwicklung ist gut für jeden, der schon immer das machen wollte, was er jetzt tut, und nun einen Markt dafür findet.

 

Holzarbeiten von Art of Plants

 

Apropos Absatzmarkt: New York ist eine Wolkenkratzerstadt, und viele Leute haben nicht einmal einen Kaktus zu Hause.

Alles was ich mache ist perfekt für die typische New Yorker Wohnung. Überraschenderweise ist das aber gar nicht mein bester Markt, sondern San Francisco. Gerade weil wir in einer Betonstadt leben, ist das Grünzeug beinahe nötig für deine psychische Gesundheit. Du siehst aber nicht viel Gras in dieser Stadt. Klar, es gibt den Central Park, den heiligen Gral der Parks, aber davon hast du nichts, wenn du nicht in dessen Nähe wohnst. Und es gibt so viele pflegeleichte Pflanzen. Kokedama zum Beispiel sind kleine Bällchen voller Erde mit einer Pflanze drin. Die braucht man bloß in eine Schüssel zu stellen. Ich glaube, Pflanzen schaffen ein Gleichgewicht im Kopf.

Kannst du das auch aus wissenschaftlicher Sicht bestätigen – hat ein Blick auf etwas Grünes eine positive Wirkung?

Da wäre Blau die bessere Wahl, denke ich. Diese Farbe bringt eine Zen-artige Ruhe mit. Aber schwer beschäftigt zu sein und etwas Lebendiges in der Wohnung zu haben, das dort auch erwünscht ist, keine Ratte, Maus oder Kakerlake, die einfach in deinen Raum eindringt, sondern etwas, an dem dir etwas liegt: Das gibt dir ein bisschen Stabilität, wenn du von der Arbeit nach Hause kommst. Es ist weniger einsam, selbst wenn du allein bist. Und das finde ich schön. So war es immer für mich. Und du hältst es am Leben, das ist ja auch eine Leistung (lacht). Bald kannst du es vielleicht mit einem Hamster aufnehmen.

 

Tillandsien im Atelier von Jenny Wong

 

 

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