Beim Blick auf eine Wand voller Bleistifte fragst du dich: Was kann da schon groß unterschiedlich sein? Stellt sich raus: eine Menge. Ganz locker 200 verschiedene Bleistifte hat Caroline Weaver in ihrem Sortiment, plus „antike“ Schätzchen, plus exotische Sets.

In New York hat sie einen ganzen Laden nur für Bleistifte eröffnet. Im Interview lösen wir deshalb erst einmal ein paar Bleistiftprobleme. Auch solche, von denen ihr gar nicht ahntet, dass ihr sie haben könntet.

Dies ist schon der zweite Teil der Geschichte. Im ersten Teil erfährst du mehr über Caroline – zum Beispiel über ihre vorherigen beiden Geschäfte und die Sache mit der Bleistiftwand.

 

Caroline Weaver schreibt mit Bleistift

Caroline Weaver
geboren in Marietta, Ohio,
zog zwei Wochen nach ihrem 18. Geburtstag nach New York,
wohnt im East Village,
führt seit März 2015 einen Bleistiftladen auf der Lower East Side.

 

Analoges Schreibgerät findet viele Freunde – wie man etwa an den vielen Schreibmaschinen auf New Yorker Flohmärkten sieht, die allerdings oft nur als Deko gekauft werden. Was denkst du darüber?

Ich liebe Schreibmaschinen! Ich mag einfach analoge Geräte. Ich sammle schon lange Bleistifte. Ich schätze ihrer Nützlichkeit, ihr Design und ihre Geschichte. Mich spricht die Nostalgie und der Neuheitencharakter an: Schreibmaschinen und Bleistifte wirken immer mehr wie etwas ganz Neues, je mehr die Technologie fortschreitet. Es ist schön, etwas zu benutzen, das es schon so lange gibt und das immer mehr oder weniger gleichgeblieben ist. Die Menschen vor hundert Jahren haben genauso geschrieben wie ich jetzt. Das kann man beim Benutzen eines iPhones nicht sagen. Selbst viele Arten von Stiften heutzutage sind super Hightech und irgendwie komisch.

Und sie trocknen aus, oder sie geben bei Kälte den Geist auf. Ein Bleistift wiederum bricht gerne mal ab, wenn man ihn in der Tasche mit sich herumschleppt. Wie hältst du deinen Bleistift spitz, wenn du nicht am Schreibtisch sitzt?

AnspitzerMan nimmt halt einen Anspitzer mit! Als Puristin nimmst du eine Klinge mit und spitzt deinen Bleistift von Hand. Früher hatte ich dafür ein Schweizermesser an meiner Schlüsselkette. Dafür fehlt mir heute die Geduld (lacht). Das Messer wurde aber ohnehin an einem Flughafen konfisziert. Als Alternative kann man auch eine Bleistifthülle verwenden.

Das Graphit im Bleistift geht außerdem leicht auf andere Stoffe über, etwa wenn man ein beschriebenes Blatt faltet. Linkshänderinnen können davon ein Lied singen – sie haben oft eine grauschwarze Handkante, wenn sie mit Bleistift geschrieben haben. Kannst du ihnen helfen?

Unbedingt! Wir haben viele Linkshänder unter unseren Kunden und viele Empfehlungen für sie. Nicht alle Bleistifte sind gleich! Das Graphit im Bleistift besteht aus Ton, Wachs und Naturgraphit. Die meisten Marken verwenden diese drei Stoffe in unterschiedlichen Verhältnissen, um unterschiedliche Härtegrade zu erreichen. Japanische Bleistifte enthalten manchmal auch Polymere, das macht sie sehr weich. Linkshänderinnen brauchen ein Graphit, das weniger verwischt, und es gibt tatsächlich passende Bleistifte dafür.

Gibt es noch andere Bleistiftprobleme?

Das Linkshänderproblem ist weit verbreitet. Andere Probleme beziehen sich auf die Form, der Bleistift soll ja bequem in der Hand liegen. Sehr viele Probleme treten auch mit Radiergummis auf. Es fragen auch immer wieder Leute nach einem sehr dunklen, sehr weichen Bleistift, der trotzdem nicht verwischt. Das ergibt eigentlich keinen Sinn: Es gehört zum Wesen eines weichen Bleistifts, dass er mehr verschmiert. Aber wir haben auch einen Bleistift für solche Leute. Und sehr oft begegnet uns das Sunday Times-Kreuzworträtselproblem.

Bleistifte

Das bitte was?

Das Kreuzworträtsel der Sonntagsausgabe der New York Times ist auf Magazinpapier gedruckt, auf dem Bleistift nicht gut schreibt. Mit Kugelschreiber wollen die Leute aber schreiben, weil sie bei dem Rätsel Fehler ausradieren möchten. Dafür können wir Empfehlungen geben. Überhaupt sind Rätsel ein typisches Bleistift-Einsatzgebiet. Wir haben zum Beispiel auch einen Bleistift speziell für Sudoku.

Wie unterscheiden sich Bleistifte von Land zu Land?

Sie sind alle verschieden. Manchmal sieht man es an der Holzart, es gibt aber auch unterschiedliche Herstellungsarten. Auch das Design kann verraten, woher ein Bleistift stammt. In Europa und Japan ist es beispielsweise unüblich, ein Radiergummi am Bleistift zu haben, das ist eine amerikanische Eigenart. Wenn nicht-amerikanische Bleistifte doch ein Radiergummi am Ende haben, zielen sie auf den amerikanischen Markt. Außerdem fällt das Graphit sehr unterschiedlich aus. Die Mischung ist eine Wissenschaft für sich. Deutsche Bleistifte zum Beispiel neigen dazu, sehr hart zu sein.

Gibt es Länder, die für ihre Bleistifte berühmt sind?

Definitiv Deutschland und die USA. Im 19. Jahrhundert kam die Bleistiftindustrie in den USA in Schwung. Und das lag an all den Deutschen, die in die USA auswanderten und dort Bleistiftfabriken gründeten. Ich würde sagen, die Kunst, einen wirklich guten Bleistift zu machen, ist eine sehr deutsche Angelegenheit. In den USA haben wir viele Zedern, und Zedernholz ist das beste Holz für Bleistifte. Um das auszunutzen, wanderten viele deutsche Bleistifthersteller aus. Eberhard Faber ist der wichtigste Hersteller in dieser Region, und er kam von A. W. Faber, das später zu Faber Castell wurde. Ich würde schon sagen, er setzte den Maßstab für die amerikanische Bleistiftherstellung für viele, viele Jahrzehnte.

 

Bleistift10

 

Das mit der Bleistiftherstellung in der Region verstehe ich. Aber welchen Sinn hat ein Bleistiftladen in New York City?

Ich glaube, New York ist der einzige Ort, an dem ein solcher Laden existieren kann. Wegen der schieren Menge an Einwohnern und der Masse an Touristen. Außerdem liefern wir ja in alle Welt, wir verkaufen sehr viel online, und der Versand von New York aus ist einfach. Das ist hier schließlich ein Knotenpunkt. Ich glaube nicht, dass irgendeine andere Stadt in den USA so interessiert an einem Laden wie diesem wäre. Wir haben ja alles hier in New York, deshalb suchen New Yorker immer nach etwas Neuem.

Hast du schon mal über Bleistift-Abos nachgedacht?

Wir haben den Pencil of the Month Club, das ist ein Abonnement, das wir auf der Website anbieten. Am Ersten des Monats verschicken wir einen ganz besonderen Bleistift. Jeden Monat suchen wir einen anderen aus, und es ist immer einer, den wir noch nicht im Laden haben oder überhaupt nicht dort verkaufen werden. Den packen wir in eine kleine Schachtel ein, binden sie von Hand zu, und in der Schachtel finden die Kunden auch noch die Geschichte dieses Bleistifts.

Bleistiftladen in New YorkWie schön! Aber wenn du das dann für 10.000 Kunden einpacken musst, wird es anstrengend.

Ja. Wir kommen gerade an den Punkt, wo wir beinahe zu viele Abonnenten haben, um das alles jeden Monat einzupacken. Wir müssen da wohl bald mal eine Grenze ziehen und eine Warteliste oder so etwas einführen (lacht).

Vielleicht solltest du Verpackungspartys schmeißen, wo man hinterher einen Bleistift geschenkt kriegt, wenn man genug Schachteln packt.

So was in der Art machen wir tatsächlich. Wir haben montags geschlossen, und am letzten Montag im Monat kommen alle Mädchen, die hier arbeiten, zu mir nach Hause, und dann packen wir die Abos alle an einem Tag, fast wie am Fließband.

CW Pencil Enterprise ist schon deine dritte Firma, und für die Abschlussarbeit an der Uni hast du einen Roman geschrieben, der jetzt in deinem Keller verstaubt. Du scheinst du ziemlich darin gut zu sein, Dinge hinter dir zu lassen.

(lacht) Das ist wahrscheinlich schlecht.

Wieso das denn?

Ich weiß nicht. Ich habe eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Ich tue nichts für sonderlich lange Zeit.

Na dann … Was ist denn dann mit diesem Laden?

Oh nein, der fällt in eine andere Liga, daran habe ich schon viele, viele Jahre gedacht. Er sollte mein Rentnerinnenjob werden. Wenn ich genug von meinem Leben hatte, wollte ich einen Bleistiftladen aufmachen. Das ist nur viel früher passiert.

Du bist 24 und im Ruhestand?

Ich bin 24 und im Ruhestand. Das hier macht allerdings viel mehr Arbeit als ein Rentnerinnenjob. (lacht)

 

Caroline Weaver

 

Was macht New York zu dem Ort, an den es dich gleich mit 18 zog?

Die Energie in New York ist mit nichts anderem vergleichbar. Es gefällt mir, dass hier immer etwas los ist und gleichzeitig ganz kleine Gemeinschaften existieren. Du kannst hierherziehen und in einer so enormen, wunderbaren Stadt wohnen und trotzdem deine Gemeinschaft haben. Das braucht Zeit, aber ich glaube, dass du in New York friedlich leben kannst. Es muss nicht dieser laute, verrückte und dreckige Ort sein. Ich habe mich hier einfach immer sehr zu Hause gefühlt.

New York ist auch ganz schön teuer. Was sind deine Überlebenstricks?

Fahr mit dem Fahrrad, koch zu Hause und kaufe sehr klug ein. Die Miete in New York ist sehr teuer, Verkehrsmittel kosten auch. Manche Leute sagen, die Supermärkte seien so super teuer, und deshalb gehen sie lieber essen. Das ergibt doch echt keinen Sinn. Also: Das Fahrradfahren spart dir U-Bahn-Karte oder Sprit und außerdem noch die Fitnesscenter-Mitgliedschaft. Ab und zu brauche ich einen Mietwagen für Termine außerhalb. Dann halte ich auf dem Rückweg immer in irgendeiner Stadt in New Jersey und kaufe dort jede Menge Lebensmittel, alles, was nicht schlecht werden kann, für die nächsten drei Monate. Mit solchen Kleinigkeiten kann man sich über Wasser halten.

 

Mehr über Caroline Weaver gibt’s im ersten Teil meiner Geschichte: Ein Bleistiftladen für New York (und den Rest der Welt).

Ebenfalls mit einem Klick findest du ihren Bleistiftladen CW Pencil Enterprise.

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