Mary Mattinglys Leidenschaft für Essen und Wasser könnte glatt als typisch New York durchgehen. Dass das in ihrem Fall andere Wurzeln hat, lerne ich – und damit auch ihr – erst später. Mary ist Künstlerin, und ihre Arbeiten waren schon in Neuseeland, Cuba, China und Kanada zu sehen. New York aber ist der Ort, den sie sich aussuchte, um auf einem Boot einen Garten anzulegen, den jeder besuchen darf – um sich dort etwas zu essen zu pflücken.

Als ich den schwimmenden Garten namens Swale zum ersten Mal sah, war er allerdings geschlossen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es noch heftig regnen sollte. Der Wolkenbruch begann in dem Moment, als ich das Tor erreichte und sah, dass es verschlossen war. Die Blätter, Blüten und Früchte blieben unerreichbar, ich wurde aber genauso üppig begossen wie sie.

Heute dagegen strahlt mir die Sonne entgegen, auf meinem Weg zum Ufer des Concrete Plant Parks in der Bronx werfen mir Kinder ihren Ball zu, während deren Eltern ein Picknick auspacken. Trotzdem passiert offenbar jedes Mal etwas Ungewöhnliches, wenn ich Swale besuche.

Diesmal fragt die Mannschaft eines weiteren Boots, ob sie an dem Kahn festmachen dürfen. „Na klar“, sagt Mary. Die Männer arbeiten auf einem Boot des New Yorker Umweltamts, das jede Woche den Müll aus dem Bronx River fischt. Diesmal wurden sie aufgehalten, und in der Zwischenzeit haben sich die Gezeiten geändert; jetzt sitzen sie fest, bis der Flussspiegel wieder steigt. Eine bessere Erinnerung daran, dass ich hier tatsächlich auf dem Wasser bin, gibt es ja wohl kaum.

DEP Boat and Swale barge Bronx River

Der Bug des kleineren Boots (links) ist so gebaut, dass er Baumstämme, Autoreifen, Plastikteile und anderen Müll aus den Wasserwegen rund um New York aufgreift. Diese Arbeit wird regelmäßig vom Department of Environmental Protection erledigt.

Unterdessen pflücke ich ein Blatt und probiere. „Das hier“, sagt Mary, während ich kaue, „ist echt gut für die Leber.“ Wir überlegen uns Cocktails, mit denen wir diese Wirkung prüfen könnten. Dann rieche ich in aller Ruhe an einer Blume und esse eine Beere an diesem Ort, den Mary einen food forest nennt (ein deutsches Wort dafür kenne ich nicht – vielleicht: Nährwald).

Das klingt jetzt volle Kanne nach einem Hipster-Hippie-Ding. Ganz nett (und unnötig), hübsch anzusehen, dafür gemacht, dass du dir toll vorkommst, ein Ökoparadies für Privilegierte. In Wahrheit transportiert dieser ca. 12 mal 40 Meter große Lastkahn aber eine Idee, die viel, viel größer ist als ein Garten – und mit einem peinlichen New Yorker Problem verbunden ist: In einer so reichen Stadt fehlt den Menschen in mehreren Stadtteilen der Zugang zu frischen Lebensmitteln. Und man kann sich nicht ewig von Kartoffelchips ernähren.

Da bin ich jetzt aber mal gespannt, was Mary Mattingly darüber erzählt, wie man einen Lastkahn mit essbarem Grünzeug zusammenbringt. Im Interview erfahrt ihr auch, wieso sie ihren food forest denn nicht an Land gepflanzt hat, wie so ein kleines Projekt sich auf die New Yorker Zukunft auswirken soll – und was das Ganze eigentlich mit Kunst zu tun hat.

Mary, was ist ein food forest?

Mary Mattingly: Ein food forest ist eine Art der Pflanzung mehrjähriger Kulturen. Der Begriff stammt aus der Permakultur, er soll an einen Wald erinnern, in dem alles essbar ist. In unserem kleinen Wald ist alles entweder essbar, eine Heilpflanze oder ein Pollenspender. Unsere Hoffnungs dabei war, dass die Leute an Bord kommen und gratis etwas ernten, und dass das wiederum zur Entstehung weiterer solcher Orte an Land führt. Denn Swale ist ein Lastkahn auf dem Wasser, früher wurde auf ihm Sand zu Baustellen geschippert. ein Kahn wie dieser hat warscheinlich früher Sand hierher gebracht, zum Concrete Plant Park (Zementwerkpark), der früher ein Industriegebiet war.

Swale food forest on a barge, Concrete Plant Park, Bronx

Warum ist dein Garten mit Gratisgrünzeug denn auf einem Boot?

Es gibt mehrere Gründe, warum wir das auf dem Wasser gemacht haben. Etwa weil wir von Ort zu Ort fahren können und dadurch unsere Idee vielerorts zeigen können. Aber der Hauptgrund ist, dass die Rechtslage auf dem Wasser hier anders ist als die Gesetze für öffentliches Land. Swale ist auf dem Wasser, weil wir wollten, dass die Leute sich gratis an dem hier wachsenden Essen bedienen dürfen. Auf öffentlichem Boden in New York City gibt es so etwas nicht, und das liegt an Regeln aus den Zeiten von Olmstead: Es stellt den Tatbestand der Zerstörung von Eigentum dar, auf öffentlichem Land etwas zu pflücken. Diese Regel leuchtet ein, wenn man sich vorstellt, jeder würde die ganzen Pflanzen pflücken. Da würde nichts mehr wachsen.

Aber manchmal können Regeln, die eigentlich die Natur schützen oder vor Schäden bewahren sollen, auch zu einem Problem werden.

Ich habe mit Leuten aus der Parkverwaltung gesprochen, deren Begründung für die derzeitigen Schutzmaßnahmen ist: Die Menschen genießen die biologische Vielfalt in den New Yorker Parks. Deshalb geben sie sich viel Mühe, die Artenvielfalt in Parks zu hegen, weil sonst bestimmte Pflanzen dominieren würden. Das Parkpersonal muss Unkrautvernichter einsetzen, Gifte auf Boden und Pflanzen sprühen, um die Parkästhetik zu bewahren. Die brauchen wir ja gar nicht abzuschaffen, aber wir würden gerne kreativ darüber nachdenken, wie dieses Zurechtstutzen noch funktionieren könnte. Wenn wir bestimmte Plfanzen aus New Yorker Parks ernten dürften, würden sie sich nicht so breitmachen. Und als Lebensmittel würden sie einem großen Bedarf begegnen.

Andererseits, wie du schon sagtest: Wenn das alle machen, wächst gar nichts mehr. Hast du auch eine Idee, wie man damit umgehen kann?

Wir denken an ein Gemeingutsmodell [in Süddeutschland auch: Allmende] mit Obmännern, wo die Menschen auf das Land ebenso aufpassen wie etwas von ihm bekommen. Wieviel man mitnehmen kann, hat eine Grenze, hinter der das Ganze nicht mehr funktioniert. Je mehr Leute beteiligt sind, desto mehr werden sich rühren und sagen: „Stopp, das wollen wir fürs nächste Jahr“, wenn diese Grenze überschritten wird. Es ist wie bei der Fischindustrie. Dort sind nicht mehr viele Firmen beteiligt. Aber stell dir mal vor, jeder von uns könnte raus und fischen. Da gäbe es viel mehr Protest gegen Überfischung. Swale kann eine Anregung dafür sein, was man an Land machen könnte. Wir können illustrieren und auch demonstrieren, dass es einen Nutzen hat und es auch das Bedürfnis gibt, dass mehr solcher Orte geschaffen werden. In dieser Stadt könnte das eine ganze Reihe von Vorteilen haben.

Du bist keine Biologin. Woher hattest du das nötige Wissen, um Swale aufzubauen?

Mary Mattingly

Mary Mattingly
ist Künstlerin und Aktivistin,
geboren in Rockville, aufgewachsen in Somerville (Connecticut),
zog im August 2001 nach NYC,
lebt in Gowanus (Brooklyn),
hat schon einmal sechs Monate lang komplett von dem gelebt, was sie zusammen mit einer Gruppe Künstler und Wissenschaftler beim Projekt „Water Pod“ auf einem Lastkahn anbaute.

Ach weißt du, das meiste war Versuch und Irrtum. Zum Beispiel wollten wir dieses Jahr diesen Hügel hier bauen, konnten aber niemanden finden, der schon mal einen Hügel auf einen Lastkahn gebaut hat (lacht). Also haben wir mit dem Ingenieur gesprochen, der die Hügel auf Governors Island gebaut hat, und mit einem Schiffsbauingenieur, und dann mehr oder weniger deren Wissen zusammengebracht. Auf diese Weise haben wir hier vieles gemacht. Und wir beginnen immer mit dem Material. Gerade in einer Stadt, zu der auch die ehemalige Mülldeponie Fresh Kills gehört – ein riesiges Stück Infrstruktur aus menschlicher Hand, das man aus dem All sehen kann – ist eine wichtige Frage: Welche Ressourcen haben wir am Ort? Wo kommen wir hier leicht dran, was landet hier im Müll, was wird wenig genutzt oder kann wiederverwendet werden? Wir versuchen also, so wenig wie möglich von außen zu holen, ob wir nun ein Filtersystem fürs Wasser bauen oder ein Beet anlegen oder den Wasserablauf darunter. Ich glaube, das kann uns zu einem größeren Gedanken bringen: Wenn wir mehr Lebensmittel in der Stadt produzieren, sind wir eine geringere Belastung für draußen. Und das ist nun wirklich eng verbunden mit meiner Herkunft. Ich stamme aus einer landwirtschaftlich geprägten Stadt, in der vieles von dem, was wir machten, in die Stadt ging, und deren Müll kam dann zu uns zurück.

Obwohl du nicht am Wasser aufgewachsen bist, haben viele deiner Projekt damit zu tun. Was zieht dich zum Wasser?

Was mich ursprünglich zum Wasser zog war das Leben in einer ländlichen Gemeinde und das Verständnis dafür, dass die Chemikalien, die wir auf unsere Pflanzen schütten, sich auf unser Trinkwasser auswirken. Außerdem gab es dort regelmäßig Überschwemmungen. Es war also die Kombination, sowohl die Gefahren des Wasser als auch seine Notwendigkeit aus eigener Erfahrung zu kennen. Ich erinnere mich genau, wie Bechtel im Jahr 2000 das Wasser in Bolivien privatisierte. Das bedeutete, dass manche Leute sich Wasser nicht mehr leisten konnten. Es regte mich auf, dass es plötzlich auf einen Kampf um Leben und Tod hinauslief, etwas so Lebensnotwendiges und gleichzeitig in Hülle und Fülle Vorhandenes zu bekommen, das außerdem gesund und gratis sein sollte. Dann entdeckte ich, dass mein Zorn aus einer Liebe heraus kam. Wasser war mich mich der zentrale Ausgangspunkt und ein Thema, dem ich Gehör verschaffen wollte, und für mich war der Weg dazu die Kunst. Das geht auf diverse Weise. Ich kann Skulpturen machen, die in Wahrheit Wasserfilter sind, ich kann über Fotografien Geschichten erzählen oder einen Ort schaffen, der als lebendige Geschichte oder Bühne fungiert. So sehe ich Swale. Es ist eine Plattform, auf der man über Lebensmittel reden kann und darüber, wie nötig ist es, dass jeder Zugang zu ihnen hat.

Diese Botschaft hast du schon in mehrere Teile von New York verschifft, zum Beispiel in den Brooklyn Bridge Park und nach Governors Island. Was braucht es, um da anzulegen?

Jeder Anlegesteg hat seinen eigenen Genehmigungsvorgang, und das ist längst nicht alles. Die Stadt hat ihre eigenen Vorschriften und Zulassungen, die Parkverwaltung auch, und die Gewässer, da ist vor allem die Küstenwache relevant. Außerdem brauchen wir eine Genehmigung der Umweltbehörde und mehrerer Ämter auf Bundesstaatsebene. Würden wir dauerhaft irgendwo vertäut bleiben, wären es noch mehr solcher Anträge. Und selbst wenn uns eine städtische Organisation unter ihre Fittiche nähme, blieben noch die Genehmigungen des Bundesstaats und der Regierung.

Das klingt nach viel Arbeit.

Ja, aber sie sind auf ihre Art alle Obmänner. Es gibt einen guten Grund.

Swale NYC

Klar, es will ja schließlich keiner mehr als acht Millionen Lastkähne versuchen sehen, hier irgendwo anzulegen oder die Gewässer zu blockieren. Apropos: Siehst du hier oben auf dem Bronx River irgendwelchen Bootsverkehr?

Ja. Rocking The Boat ist eine Organisation, die mit ihren Kajaks ungefähr einmal in der Woche eine Tour hierher macht, und es kommen viele kleinere Boote, meist zu Frezeitvergnügen.

Auch Motorboote?

Nein. Abgesehen vom DEP-Boot, das Müll einsammelt.

Wo ist Swale denn im Winter?

Er fährt nach Peekskill, von wo wir den Lastkahn gemietet haben. Da ziehen wir dann Jute über die neuen Bäumchen und lassen alles überwintern. In einer Idealwelt hätten wir wahrscheinlich ein Gewächshaus, in dem wir mit einem Teil weitermachen und auch Winterveranstaltungen an einem öfentlichen Steg anbieten könnten, aber nicht jetzt. Das ist eine wirtschaftliche Frage.

Wie entscheidest du, welche Pflanzen auf Swale wachsen sollen?

In unserem Team arbeiten vier Leute speziell mit Pflanzen. Und wir haben uns oft mit Bauern aus der Gegend beraten, von Pennsylvania über New York bis Connecticut und New Jersey, besonders solche, die sich auf Permakulturpflanzen spezialisiert haben, also solche, die essbar und auch Stauden (mehrjährig) sind. Wir haben außerdem bei der Parkverwaltung geschaut, welche Pflanzen die in ihren Gärtnereien ziehen. Mit ihnen arbeiten wir sehr eng daran, die essbaren Pflanzen zu bekommen, die sie auch haben. Denn so können wir zeigen, wie die sich in einem food forest-Szenario machen. Das ist wieder wie mit dem Hügel, wir basteln mehrere Kenntnis-Bündel zusammen und fragen Experten. Zum Glück haben wir auch welche im Team (lacht).

Swale food forest New York

Hast du schon immer so gearbeitet, dass du genau weißt, was du nicht weißt, und ganz offen dafür bist, dann eben andere zu fragen?

Ich glaub schon. Das war schon immer so bei mir. Als Künstlerin finde ich es frustrierend, dass von uns erwartet wird, ganz alleine zu arbeiten. Obwohl doch allgemein bekannt ist, dass wir mehr lernen, wenn wir zusammenarbeiten, und Größeres schaffen als alleine. Dieses Projekt hätte natürlich nie existiert, wenn es eine alleine gemacht hätte. Mehr noch: Ehe wir irgendwo anlegen, schauen wir, wer dort schon arbeiten, und welche Art Obmänner-Struktur dort möglich wäre. Ehe wir zum ersten Mal zum Concrete Plant Park kamen, damals hatte ich ein Selbstversorger-Ökosystem-Projekt namens „Water Pod“ mit einer Gruppe aus Künstlern, Ingenieuren, Ökologen und anderen Wissenschaftlern initiiert, und wir trafen Organisationen wie die Bronx River Alliance, Rocking The Boat, The Point und Youth Ministries for Peace and Justice (YMPJ). Damals zogen wir Gemüse. Und der damalige Leuter von YMPJ, Julian Terrell, sagte zu mir: „Ihr verwendet ganz schön viel Zeit auf die Gartenpflege. Mit Stauden wäre das viel einfacher.“ (lacht) Und es wird doch erst lebendig, wenn Leute an Bord kommen und uns erzählen, für welche Rezepte sie unsere Pflanzen verwenden. Das erhöht unser Wissen, das wir an andere weitergeben können. Mit allen möglichen Menschen und Organisationen zusammenzuarbeiten bedeutet aber auch, dass das Projekt Stoßkraft entwickelt und sich verbreitet. Und jetzt passiert hier der Food Way.

Was ist das denn?

Nachdem wir letztes Jahr am Concrete Plant Park lagen, dachte die Parkverwaltung an ein Pilotprojekt an Land. Dieses Jahr haben sie hinter uns den ersten Spatenstich gemacht, und sie pflanzen mehrjährige, essbare Pflanzen. Das ist ein Anfang. Sie wollen es zu Bildungszwecken nutzen, aber vielleicht öffnen sie den Garten ja, damit dort jeder ernten kann.

Essen ist derzeit Privatsache. Wenn du Geld hast, kannst du dir gesunde Lebensmittel kaufen, und wenn nicht, na ja … Ist dieser Punkt Teil deiner Motivation, für Veränderung einzutreten?

Gesunde, frische Lebensmittel sollten keine Waren sein. Sie sollten wie Wasser sein. Wir eine solche Infrastruktur privatisiert, bringen wir damit Menschen um. die Leute sterben davon, wie bestimmte Lebensmittel  hergestellt werden, und wenn ihnen der Zugang verwehrt wird. Wir müssen also das Ruder weit in die andere Richtung reißen. Gesunde, frische Lebensmittel sollte es überall geben, und zwar gratis. Sie sollten außerdem auf unseren öffentlichen Grundstücken wachsen, weil die Versorgung mit Essen ein Dienst an der Öffentlichkeit ist und auch als solcher gefördert werden sollte. Wir müssen einander daran erinnern, dass wir gesundes Essen wirklich zum Leben brauchen.

Swale garden on a boat

Du bist Künstlerin, und kürzlich hattest du ein Stipendium in Frankreich. Was hast du da gemacht?

Ich durfte in Monets Garten erforschen, wie er gepflegt und bepflanzt wird, und ich habe dort Stillleben gemalt.

Musstest du dafür erst mal im Kopf umschalten, so von wegen: Okay, jetzt bin ich in Monets Garten und weit weg von Swale?

Ich glaube, ich wollte herauskriegen, was die Gärten von Monet Swale mitgeben konnten. Ich habe dort sehr viel über die Ästhetik von Swale nachgedacht. Monet hat leicht durchmischte Farbreihen gepflanzt, die so angeordnet waren, dass sie bei Sonnenaufgang ganz anders aussahen als bei Sonnenuntergang. Alle Rottöne kommt dort zum Sonnenuntergang heraus, das liegt an der Art und Weise, wie sie in die Gelb- und Violetttöne eingebunden sind. Eine so detaillierte Planung machen wir in amerikanischen Gärten nicht, weil – da generalisiere ich jetzt mal – wir glauben, dass Natur sich frei entfalten muss. In Monets Garten dürfen sich Pflanzen überhaupt nicht frei entfalten (lacht), alles ist sehr gesteuert. Das Ergebnis ist über alle Maße schön, so etwas habe ich noch nie gesehen. Dadurch habe ich über die Sonne nachgedacht und die Richtung, in der wir am Dock liegen mit Swale. Und daran, die Ranken unserer Pflanzen mehr zu steuern, Spaliere zu nutzen und mehr essbare Blumen zu pflanzen, damit die Leute ein zusätzliches Erlebnis haben: Guck mal, Pflanzen sind verführerisch! Du kannst sie essen, und Menschenskind, du könntest sie auch stundenlang angucken.

Dann wird es hier nächstes Jahr viel bunter?

Mal sehen, was die Gärtner sagen. Und Monet war Chef und Perfektionist. Das hier ist ein sozialer Raum, da geht es nicht um Perfektion, sondern um gemeinsames Lernen. Es wird also nie wie das werden, was ich in Frankreich erlebt habe, aber ich habe viele Ideen und schaue mal, ob die Leute, mit denen ich arbeite, sie einbauen wollen.

Flowers on Swale

Und jetzt zur berühmten Frage: Ist das Kunst?

(lacht) Es ist eine Provokation, also in dieser Hinsicht Kunst. Es kann auch als Erfahrungsraum gesehen werden: Manchmal bewegst du dich mit dem Wasser, manchmal merkst du gar nicht, dass du auf dem Wasser bist. Aber aus einem bestimmten Blickwinkel siehst du’s. Sowohl das Erlebnis mit allen Sinnen als auch die Provokation machen Swale zu einem Kunstwerk. Damit so etwas hier und jetzt passiert, ist es entscheidend, es insgesamt als Kunst zu formulieren.

Wieso das denn?

Vor Kunst haben die Leute keine Angst. Kunst ist nicht so unheimlich die Engagement. Das hier ist eine Form von Aktivismus, aber auch noch etwas anderes. Es spielt mit seiner Identität, dadurch kann es seine Form verändern, und das stärkt das Projekt und macht mehr Leute neugierig. Wir nutzen Kunst als Plattform.

Hat sich das darauf ausgewirkt, wie du dich beruflich siehst?

Es kommt auf den Zusammenhang an. Oft sage ich, ich sei Künstlerin und Aktivistin, aber in einem Meeting, in dem wir bestimmte Gelder wollen, nenne ich mich vielleicht auch Ökologin. Wir können den Rahmen ändern. Und das müssen wir auch. Wir müssen so viele Leute wie möglich einbeziehen, und wir müssen es finanzieren.

Dann trägst du viele Hüte.

Wir alle! Ich meine, wir suchen uns da eine Bezeichnung aus, weil das eben die Gesellschaft ist, in der wir leben. Wie kann man Politik mit einem Kunstwerk verändern? Kann man das überhaupt? Nein! Dazu braucht es viele Menschen, die an vielen verschiedenen Projekten arbeiten, und viel Schwung. Und ich glaube, den gibt es hier. Das ist so wichtig hier in der Bronx, weil es eine der größten food deserts im ganzen Land ist. Dieses Problem gehen viele Leute auf viele Weisen an. Und je mehr es werden, desto schwieriger wird es, die Sache zu ignorieren. Am Ende muss die Stadt etwas unternehmen.

Andererseits ist es schwer, sich acht Millionen auf Lastkähnen vorzustellen …

… von denen sie sich ernähren.

Genau. Was will du also erreichen?

Ich möchte, dass diese Projekt die Politik beeinflusst. Wenn es weiterhin gut läuft, kann man es als Beispiel nennen, wann immer die Stadt darüber nachdenkt, wie wichtig es ist, Lebensmittelquellen breiter zu fächern. Der New Yorker Plan 2020 stellt fest, dass resilienter werden müssen [belastbarer insbesondere angesichts von Katastrophen wie nach dem Hurrikan Sandy]. So etwas beinhaltet auch, mehr Optionen für Quellen für Nahrungsmittel am Ort zu haben. Swale zeigt eine dieser Möglichkeiten. Nun ist es nicht so, dass eine dieser Optionen die gesamte Stadt ernähren kann oder das auch nur versucht, aber alle zusammen können etwas bewirken. Wenn also ein Lastkahn so eine Option aufzeigt und auf einen politischen Wandel hinarbeitet, mit dem dasselbe auf den 30.000 Acres an Parkfläche in New York City geschieht, dann kann das etwas bewirken. Es wird immer noch nicht die ganze Stadt ernähren, aber es wird eine Kerbe in den Berg dessen schlagen, was wir von außen herankarren, und gesundheitlich wird es eine Menge ausmachen.

Swale Food Forest Mary Mattingly

 

Swale liegt noch bis zum 29. Oktober 2017 am Concrete Plant Park. Besuchszeiten sind – bei gutem Wetter – freitags bis sonntags von  13-18 Uhr. Wegbeschreibung und Details auf der Website.

 

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