Kenner warnen: In New York lebst du im Hamsterrad. Deshalb sagen viele Besucher, dass sie ihren Urlaub in dieser Stadt toll fanden, aber nie dort leben könnten. Inzwischen glaube ich auch, dass viele New Yorker genau deshalb stolz darauf sind, genau hier zu leben. Mittendrin in der viel zu schnellen, viel zu teuren, viel zu anstrengenden Dauerreizüberflutung.

Oh, und obendrauf knallt noch die New Yorker Spezialversion von fomo (fear of missing out)! Wenn dir 1.000.000.000 Aktivitäten zur Wahl stehen, nimmt dir jede einzelne Entscheidung 999.999.999 Dinge – oder noch eins mehr, falls du gar nichts machst (was besonders in New York schwierig ist).

Jessica Tiare Bowen

Jessica Tiare Bowen
wurde in Richmond, Virginia, geboren und wuchs in 9 weiteren Bundesstaaten auf (ihr Stiefvater war beim Militär),
zog 2005 nach New York,
wohnt in Midtown,
hat früher als Sonderschullehrerin in der South Bronx gearbeitet und dann in der Sonderschulentwicklung in ganz NYC,
kümmert sich derzeit um ihren kleinen Sohn (und schreibt über NYC, wie man sieht),
und freut sich auf New York-Abenteuer, die sie noch nicht kennt – z. B. war sie noch nie auf der Freiheitsstatue.

Man sollte also meinen, ein weiteres Buch darüber, was du in New York unternehmen kannst/könntest/echt mal machen müsstest – puh, das kann nur eine Zumutung sein. Aber eine hat gerade glatt das Gegenteil bewiesen: Jessica Tiare Bowen.

Sie benutzt ihre Freude am New York-Erkunden als Gegenmittel gegen die Mühen, die New York seinen Bewohnern aufbürdet – und das funktioniert so gut, dass Jessica ein ganzes Buch mit Dingen gefüllt hat, mit denen New Yorker sich verwöhnen können, wenn sie mal wieder eine von diesen ganz speziellen Wochen hatten (was für die meisten New Yorker auf so ziemlich jede Woche zutrifft).

In „Treat Yo-Self in the City“ schöpft sie nicht nur aus sechs Bloggerinnen-Jahren – lest unbedingt mal bei Used York City rein! – sondern sie kriegt auch noch eine ganze Reihe New Yorker Autoren dazu, Geheimtipps zum Ausspannen in der Stadt beizusteuern.

Wegen Zeitmangels (willkommen in New York!) konnten Jessica und ich uns nicht auf einen Plausch treffen. Aber es widerspricht meinem Interviewstil, Fragebögen zu verschicken. Und nun? Zum Glück hat sie sich darauf eingelassen, für eine Weile meine Brieffreundin zu sein – was sich ganz fix zu einer Art E-Mail-Chat entwickelte. Für mich gehörte dazu dann, in der U-Bahn winzige Buchstaben zu tippen (mit langen Denkpausen, bis das W-Lan wieder funkte). Lest im so entstandenen Interview nach, wie Jessicas Buch entstand – und was die Rockettes, eine Meetup-Gruppe und eine ganz besondere Frau damit zu tun haben. (Das englische Original findet ihr hier)

Jessica, der Titel deines Buchs sagt es schon: Du animierst New Yorker dazu, sich etwas zu gönnen. Was macht diese Belohnungen so wichtig im New Yorker Alltag – und warum muss man New Yorker daran erinnern, das auch wirklich mal zu machen?

Ich glaube fest an die Kraft des Sich-selbst-Verwöhnens, besonders wenn man in NYC lebt. Jeder, der hier wohnt, kann bezeugen, dass das Leben in der Stadt absolut traumhaft ist … aber auch total hart sein kann. Was anderswo ganz einfacher Alltag ist, ist in dieser Stadt ein bisschen schwieriger. Da musst du Lebensmitteleinkäufe zu Fuß zehn Häuserblocks weit nach Hause schleppen, mit Baby und Kinderwagen im fünften Stock eines Hauses ohne Aufzug leben, wo du einen Nachbarn mit einem kläfffreudigen Hund hast (und sehr dünne Wände!) – du musst ganz bestimmt Opfer bringen, um hier zu leben. Damit es die Quälerei wert ist, nutzt du besser in vollen Zügen all die tollen Sachen aus, die NYC bietet!

Ich glaube, viele denken fälschlicherweise, dass man dazu steinreich sein muss, doch das stimmt einfach nicht. Wie das Buch zeigt, gibt es ganz viele Möglichkeiten, sich für unter 20 Dollar so richtig etwas zu gönnen. Von Kultur (günstige Off-Broadway-Tickets) über Essen (der beste Chocolate Chip Cookie deines Lebens) und Erlebnisse (auf dem Boot um die Stadt herumschippern) bis Wellness (will wer eine Chinatown-Massage?!), es ist für jeden etwas dabei, zu einem wirklich erschwinglichen Preis. Und es macht die anderen (härteren) Aspekte des Lebens in New York viel erträglicher, wenn du Belohnungen in dein Leben einbaust, auf die du dich freuen kannst.

New York Books including "Treat Yo'Self in the City" by Jessica T. Bowen

Mittendrin: Jessica Bowens Buch im Strand Bookstore.

Um Ideen für solche Belohnungen hast du auch viele New Yorker Autoren gebeten. Waren deren erste Reaktionen alle gleich oder gab es da Unterschiede?

Ich wollte das Buch mit Tipps füllen, wie sich echte New Yorker in ihrer Stadt etwas gönnen. Weil ich außerdem einen monatlich stattfindenden Buchclub namens Novels of New York leite, in dem wir ausschließlich Bücher lesen, die in New York spielen, kam mir die Idee, Autoren anzusprechen, die über New York schreiben und auch dort leben, und zu fragen, welchen kleinen Luxus sie sich hier erlauben. Die Autoren waren allesamt begeistert, ihre Liebe zu New York auf diese Weise zu verbreiten!

Das klingt ja wunderbar! Wie ist dieser Buchclub denn entstanden?

Als NYC-Bloggerin ziehen mich Bücher an, die von New York handeln oder in der Stadt spielen. Eines Tages dachte ich: „Wäre es nicht schön, wenn ich all diese tollen Bücher mit einem Buchclub diskutieren könnte?!“ Und voilá! Den ‚Novels of New York‘-Buchclub habe ich über Meetup.com begonnen, und dreieinhalb Jahre später hat er mehr als 450 Mitglieder und jeden Monat ein Treffen gehabt! Wir hatten außerdem das Glück, dass Autoren aus NYC uns besuchten, Interviews gaben und mit uns tiefer in ihre Bücher eingestiegen sind.

Hast du schon mal einen neuen Ort oder eine neue Aktivität in New York durch ein Buch entdeckt – einen Roman, meine ich, keinen Reiseführer?

Dyker Heights WeihnachtslichterLetzten Dezember haben wir „Dash & Lily: Ein Winterwunder“ von Rachel Cohn gelesen, das die Dyker Heights Christmas Lights in Brooklyn erwähnt. Dieses Jahr bin ich deshalb extra dort rausgefahren, um sie mit eigenen Augen zu sehen (kann ich übrigens sehr empfehlen! 🙂 ).

Oooh, ich stehe auf die Dyker Lights (mache mir allerdings Sorgen um deren Ökofußabdruck …), die habe ich erst vor wenigen Tagen mal wieder besucht. Da du ja auch so oft durch New York stromerst: Wie hat sich dein Blick auf das Stadtbild seit deiner Ankunft in NYC verändert?

Mich fasziniert, dass hier alles im Nu verschwinden kann. Hier zu leben lehrt einen wirklich, sich emotional nicht zu sehr an Orte zu binden … ob es die Wohnung ist, deren Miete im nächsten Jahr zu teuer wird, oder die Bar, in der du dein erstes Date mit deinem jetzigen Ehemann hattest. Orte kommen und gehen, aber das Herz und die Seele der Stadt bleiben gleich, weshalb ich die Gute so sehr liebe.

Ha! New York ist für dich weiblich?

Oh, 100%ig. Sie ist stark, belastbar, voller Energie, fürsorglich und eine wahre Schönheit der zeitlosen Art.

Und für jemanden, der sie noch nicht kennt, kann sie auch ganz schön furchterregend sein. Was hat dich dazu gebracht, dir nach dem College New York als neues Zuhause auszusuchen?

Oh, ich wusste seit meinem ersten Ausflug in der Schulzeit, dass sie eines Tages mein endgültiges Zuhause sein würde. Als ich in der neunten Klasse war, fuhr meine Mutter mit uns nach New York, um zu Weihnachten die Rockettes zu sehen, und in meinem Kopf war es ab da eigentlich beschlossene Sache. Natürlich ist die Fantasie eines Lebens in New York etwas ganz anderes, als tatsächlich hier zu leben, vor allem in den ersten paar Jahren, wenn du versuchst, dich hier zu behaupten.

Laundromat

Mal abgesehen davon, dass man sich mit den Tipps aus „Treat Yo’Self in the City“ vor dem Durchdrehen bewahren mag: Was ist dein Rat, um mit den schwierigen Aspekten des Lebens in New York umzugehen?

Jessica T. Bowen Treat Yo Self in the CityAbgesehen von regelmäßigen Abenteuern und „Verwöhneinheiten“ in der Stadt musst du dich immer wieder daran erinnern, warum du hier bist. Klar, es ist total nervig, mit seiner gesamten Wäsche zum nächsten Waschsalon fünf Blocks weiter zu latschen, aber wenn es dein raison d’être in New York ist, ganz nah am besten Theater der Welt zu sein oder jede auch nur erdenkliche Küche zur Hand zu haben oder Hunderte verschiedener Kulturen auf einer kurzen U-Bahn-Linie zu haben, dann, nun ja. Diese Dinge erinnern dich daran, dass du etwas bekommst, dass du anderswo einfach nicht kriegst. Im Vergleich dazu ist der Aufwasch mit der Wäsche echt nicht die Welt. Außerdem helfen regelmäßige Auszeiten von der Stadt dabei, das Gleichgewicht zu halten. Das brauchen keine langen Strandurlaube zu sein – selbst ein schnelles Wochenende per Zug in die Catskills ist äußerst erholsam, und bei der Rückkehr freut man sich, die Lichter der Stadt zu sehen.

 

„Treat Yo’Self in the City“ von Jessica Bowen findet ihr in vielen New Yorker Buchläden (immer gut, den Indie-Buchläden zu helfen!) und natürlich bei den üblichen Online-Händlern. Und ja, das Buch ist auf Englisch geschrieben.

 

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