Dass die New Yorker U-Bahn eine Galerie für mobile Menschen ist, habe ich ja schon oft geschrieben (mit laufenden Beiträgen zur U-Bahn-Kunst in New York und dem Überblickstext „4 Fun Facts über die U-Bahn-Kunst in New York„). Doch die neue Second Avenue Subway-Kunst übertrumpft alles, was es bisher unter den Straßen Manhattans zu sehen gab. Für schlappe 2,75 Dollar (ab März wahrscheinlich 3 Dollar) kriegt ihr jede Menge Inspiration – auf dieser kurzen Strecke von Jean Shin, Viktor Muniz, Sarah Sze und Chuck Close.

Genau: Zwei Frauen und zwei Männer haben sich für jeweils eine der neuen Haltestellen der New Yorker U-Bahn etwas Passendes ausgedacht. Die meisten Werke befinden sich im Mezzanine (Zwischengeschoss) der Haltestellen, ihr könnt also einmal eure Fahrkarte durchziehen und dann fahren, aussteigen, gucken und weiterfahren. Einige Werke befinden sich allerdings auch an den Ein- und Ausgängen. Die Geschichte der neuen U-Bahn-Strecke könnt ihr übrigens hier nachlesen.

Fliesen und Mosaik: Kunst im neuesten New Yorker Untergrund

Selten hatte ich solche Schwierigkeiten damit, eine Motivauswahl zu treffen. 17 habe ich ausgesiebt, aber beileibe nicht als Ranking der „besten U-Bahn-Kunst Second Avenue Subway“ oder so was (ich mag schließlich an euch Leserinnen und Lesern, dass ihr eigene Köpfe habt und euch nicht davor scheut, davon Gebrauch zu machen). Ich hoffe, meine Bildauswahl erzählt Geschichten, die ihr auch von Deutschland aus weiterdenken könnt.

U-Bahn-Kunst Second Avenue Subway Jean Shin

Die Haltestelle „63rd Street – Lexington Avenue“ ist gar nicht komplett neu. Dort hält schon lange die Linie F. Die neue Second Avenue Subway schließt dort ans alte Streckennetz an – und dafür haben die New Yorker Verkehrsbetriebe einen zweiten Eingang gestaltet, an der Ecke 63rd Street und Third Avenue. Von dort sausen vier Aufzüge zur sehr tief gelegenen U-Bahn – und drumherum hat die New Yorker Künstlerin Jean Shin „Elevated“ platziert.

Jean Shin und das alte New York

Da klafft zum Beispiel ein Stück Himmel auf – dort, wo früher einmal der El (Elevated Train, die Hochbahn) vorbeiratterte. Menschen aus diesen alten Zeiten schauen hin, natürlich in Schwarzweiß. Und in den Splitterstückchen der Mosaike lassen sich sogar verschiedene Gesichtsausdrücke darstellen.

Zeitungsjunge von Jean Shin 63rd Street

Neben der Rolltreppe nach unten hat Jean Shin den Abriss des El in Mosaiksteinchen gebrochen. Und auf dem Weg nach ganz unten zum Gleis gibt es moderne New York-Bilder in Glas zu sehen, in die die Hochbahnstrecke eingebaut ist. Hier im Zwischengeschoss treffen derweil nostalgische Zeiten auf moderne Technik.

Kunst Second Avenue Subway

Eine Station weiter, an der 72nd Street, schauen mich jede Menge New Yorker Zeitgenossen an. Ihr könnt jetzt natürlich sagen, hahaha, das ist doch ganz normal, ist ja eine U-Bahn-Station, und auf dem Streckenabschnitt erwartet die MTA doch täglich 200.000 Fahrgäste – natürlich gucken dich da viele Leute an.

Nee. Gucken sie nicht. Anders als in Deutschland starrt man in New York keine Leute an, und diese Art der Umgangsform schätze ich sehr. Umso mehr freut es mich, von lebensgroßen Porträts echter New Yorker umgeben zu sein.

Kunst Second Avenue Subway 72nd Street Vik Muniz

Der Künstler Vik Muniz stammt aus Brasilien und arbeitet schon seit einer Weile in New York (na gut, und in Rio de Janeiro). Mit „Perfect Strangers“ will er zeigen, wie bunt das New Yorker U-Bahn-Publikum ist.

Vik Muniz und die ganz normalen New Yorker

Im Vorfeld bekam er jede Menge Presse dafür, dass unter seinen Figuren auch zwei Männer sind, die einander ganz beiläufig an der Hand halten. Auch nach der Eröffnung ziehen sie jede Menge Publikum an.

U-Bahn-Kunst 72nd St Linie Q

Überhaupt kommt man an Kameras und Telefonblitzen gar nicht vorbei auf diesem U-Bahn-Streckenabschnitt. Ich fand es ein klitzekleines bisschen unheimlich, dass bei der Eröffnung ein vollbepackter Kameramann immer wieder hinter mir auftauchte, um durch meine Haare hindurch Bilder von der U-Bahn-Kunst zu machen. Die Fotos würde ich ja gerne mal sehen. Jedenfalls: Nach einer Weile habe ich auch angefangen, die Leute zu fotografieren. Zum Beispiel diesen (sehr höflichen und nicht an meinen Haaren interessierten) jungen Mann.

Vik Muniz Perfect Strangers U-Bahn-Kunst

Es bleibt aber nicht beim Fotografieren allein! Überall in diesem unterirdischen Museum machen die „Besucher“ etwas mit der Kunst. Meistens geschieht das für ein lustiges Foto.

Kunst Second Avenue Subway 72nd Street

Manchmal stehen dann Leute im Weg, die erst mal ihre Fotoausbeute in Ruhe begutachten oder eine Variante ausbaldowern – soll ich mich ans Bein von dem Laptop-Typen klammern, während du seine Papiere fängst? Na, und die Museumswärter unter euch haben es schon geahnt: Kaum passt keiner auf die Kunst auf, verliert das Publikum jeglichen Respekt vor Autoritäten!

U-Bahn-Kunst New York von Vik Muniz

Chuck Close und die New Yorker Kunst-Schickeria

Eine Station weiter, an der 86th Street, gucken mich noch größere Augen an. Hier hat der für seine fotorealistischen Porträts mit Ehrungen überhäufte Maler Chuck Close die Gesichter der New Yorker Kulturprominenz von Philipp Glass und Lou Reed bis Cindy Sherman und Kara Walker auf Fliesen oder Mosaiksteine gebannt.

Cecily Brown von Chuck Close U-Bahn-Kunst New York

In dieser Haltestelle wispern zwei Fragen durch die Luft:

1. Wer ist das? – In diesem Falle: Die Malerin Cecily Brown.

2. Wie hat der das gemacht? – So:

Mosaik 86th Street

Das ist das linke Auge von Cecily Brown. Je nach Chuck Closes Maltechnik fallen die Mosaike seiner „Subway Portraits“ anders aus, und viele Fahrgäste – oder neugierige Kunstfreundinnen – erliegen früher oder später der anderen Versuchung, die im Museum meistens verboten ist: Sie fassen die Kunst an.

Kara Walker von Chuck Close Second Ave Subway

Das ist die Hand einer mir unbekannten Person und ein Porträt von Kara Walker. Einige von euch erinnern sich vielleicht noch an Walkers tolle Ausstellung in der inzwischen abgerissenen Domino Sugar Factory?

Aber zurück zu den Details. Ratet mal, das was hier ist:

U-Bahn-Kunst Chuck Close

Na gut, ich habe euch mit Grammatik in die Irre geführt. Das sind (!) Haare aus Mosaiksteinchen. Barthaare, um genau zu sein. Sie gehören zu diesem Mann:

U-Bahn-Kunst Chuck Close

Wie, den erkennt ihr nicht? Na gut, man sieht die Brille nicht so gut. Es ist der Künstler höchstpersönlich, Chuck Close.

U-Bahn-Kunst Chuck Close

Er hat sogar ein zweites Selbstporträt in „seiner“ Haltestelle untergebracht. Das dürft ihr dort dann aber selbst suchen (Tipp: Es befindet sich nicht im großen Mezzanine!).

Typografie und ein berühmtes Motto

Ich möchte euch noch eine andere Entdeckung zeigen, die auch mit Eigenwerbung zu tun hat: Außer den bekannten, unbekannten, aktuellen und möglicherweise längst verblichenen New Yorkern ist auch New York selbst allgegenwärtig.

New York State Motto

„E pluribus unum“ – aus vielen eines – war einmal das Motto der Vereinigten Staaten (offiziell 1956 abgelöst von „In God we trust“) und befindet sich unter anderem auf dem Staatssiegel. Heute steht das Motto vor allem für den Melting Pot-Charakter der USA – und wer wird diesbezüglich immer als erstes genannt? Das nenne ich jetzt mal diskretes Eigenlob.

Der Spruch steht fast wie eine Ermahnung über den Treppen, die zu den Gleisen führen. Auf der anderen Seite steht das Motto von New York State, „Excelsior“ (am ehesten übersetzbar mit „immer aufwärts“).

Second Avenue Subway New York

Meltingpot-bunte Eigenwerbung umringt derweil die Geländer nach unten und feiert die neue U-Bahn-Strecke. Ob diese Banner auf Dauer bleiben sollen, weiß ich nicht. Die Kunst in dieser Haltestelle (96th Street) ist jetzt leider ein bisschen kurz gekommen – „Blueprint for a Landscape“ von Sarah Sze besteht aus tausenden (!) großen Porzellanfliesen, auf denen typische New York-Sachen wie Papier oder Vögel von einer Brise erfasst zu werden scheinen.

Aber wir waren ja schon bei den Buchstaben angelangt. Und ein wenig versteckt, nämlich direkt am Gleis, habe ich zum Schluss noch ein Schmankerl für Fans der Typografie gefunden.

Lex 63 New York U-Bahn

Kunst in der Second Avenue Subway zum Selbererleben: Auf dem neuen Streckenstück fährt die Linie Q. Der Großteil der Kunstwerke hängt hinter den Drehkreuzen, ihr braucht dafür eine Fahrkarte. Damit könnt ihr dann aber so oft aus- und einsteigen, wie ihr wollt, solange ihr nicht wieder durch ein Drehkreuz lauft. Die Mezzanine-Ebene (eine Treppe hoch vom Gleis) steht euch also frei.

  • 63rd Street (Eingang an der Third Avenue oder auf dem Uptown-Gleis ganz hinten mit dem Fahrstuhl fahren; Mezzanine und Ausgang) – Jean Shin, „Elevated“
  • 72nd Street (Mezzanine und Ausgänge) – Vik Munoz, „Perfect Strangers“
  • 86th Street (Mezzanine und Ausgänge) – Chuck Close, „Subway Portraits“
  • 96th Street (Mezzanine und Ausgänge) – Sarah Sze, „Blueprint for a Landscape“

 

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