Ausgehen ist teuer. Aber die ganzen Künstler müssen ja irgendwo üben, und weil die Konkurrenz in New York besonders groß und die Ellenbogen besonders gestählt sind, übt man hier eben vor Publikum. Und ich habe eine gewisse Vorliebe für „work in progress“ entwickelt – solche Shows kosten wenig und erhöhen die Spannung (dünn ist die Grenze zwischen begeistert und entgeistert). Nur: Funktioniert das auch mit Varieté- und Zirkusnummern?

Gleich bei der ersten Nummer bei der „Open Stage Variety Hour“ des Bindlestiff Family Cirkus wird mir angst und bange. Das liegt aber nur daran, dass die Show im herrlichen Dixon Place ausverkauft ist. Ich bin die Erste, die sie nicht mehr hineinlassen. Die Frau hinter mir ist zuversichtlich, dass da noch was geht. Und dann holen sie eben Stühle aus der Bar und stellen sie an die Seite der Bühne. Da sitze ich genau in der imaginären Schusslinie des Diabolo, mit dem Zirkusdirektor Keith Nelson spielt. Es geht ohne Unfall. Diesmal.

Das, so lerne ich schnell, ist Teil des Spaßes, wenn man kein Theater, sondern Artistik in unfertiger Fassung anschaut: Die Künstler spielen mit Missgeschicken und Unzulänglichkeiten. Ich glaube, schon in der Mitte der ersten Nummer habe ich rote Bäckchen wie mit fünf. Und weil ich ja seitlich auf der Bühne sitze, sehe ich auch, wie furchtbar anstrengend es ist, so zu tun, als beherrsche man seine Nummer nicht – und bräuchte einen Luftballon als Hebehilfe.

 

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