Ein grauer Tag, New York gibt sich weder freundlich noch fies, meine Laune liegt auf der faulen Haut, und ich dümple geistig so vor mich hin. Kennt ihr das? Vor einer Weile habe ich etwas entdeckt, das mich aus diesem nebulösen Zustand holt und freundlich meine Sinne weckt. Vielleicht funktioniert es für euch ja auch.

Die U-Bahn bewegt sich nicht. Warum, weiß niemand. Ich bin nicht in Eile, aber richtig viel Zeit hat man in New York auch nie. Leise grollt der Unmut, mein Blick richtet sich gleichzeitig vorwurfsvoll und schicksalergeben geradeaus. Gegenüber sitzt niemand, da kann ich schön starren.

Hinter dem Fenster geht es zum Bahnsteig, an der Wand prangt der Name der Haltestelle wie zum Hohn. Hier kommst du nicht so bald weg. Sehr witzig, denke ich. Und da sehe ich es.

Winziges Detail, große Wirkung: immer diese Achtsamkeit!

Das R. Per U-Bahn-Mosaik ist der Name der Haltestelle in Stein gemeißelt, und das R im Wort „Street“ hat einen kecken Schwung, der meinen Blick bannt – und meinen Rücken streckt.

U-Bahn-Mosaik Buchstabe

Auf einmal sitze ich kerzengerade da und gucke und freue mich. Der Schnitt des Buchstaben bricht sanft aus den geraden Linien der Serifenschrift aus und taucht unter die imaginäre Linie, auf der ich das Wort „Street“ sehe. Es geht auch anders, ruft das R. Komm, wir kicken mit meinem Fuß ein paar Ideen in die Luft!

Seit ich das R zum ersten Mal bewusst sah, schaue ich viel öfter auf die schnöden Namen der Haltestellen, an denen ich tausendmal vorbeigefahren (oder ausgestiegen) bin. In jedem U-Bahn-Mosaik suche ich mein R. Und jedes Mal reißt mich dieses aufmerksame Schauen aus einem Loch, falls ich in einem Loch stecke. Wenn nicht, bremst das U-Bahn-Mosaik-Anschauen mein Gedankenkarussell und erfrischt mich einfach so.

Das R und ich sind mit der Zeit zu Komplizen geworden. Nicht dass wir uns verschwörerisch zuzwinkern, aber ich kann mich drauf verlassen, dass es mit mir zusammen gegen Flauten antritt. Und ich glaube, dass ich nicht die Einzige bin, der das R solche Freude macht – schon allein statistisch gesehen müsste da doch noch wer sein in einer Stadt mit weit mehr als acht Millionen Einwohnern (plus Millionen Touristen).

Klar, ihr wohnt ja gar nicht alle in New York und könnt das mit dem U-Bahn-Mosaik dann auch nicht ausprobieren. Aber ihr habt doch bestimmt auch Wege, die ihr oft zurücklegt, wo ihr durch die Gegend guckt. In öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf eurer Fahrradroute oder auf dem Weg zwischen Schreibtisch und Klo.

Irgendeine Kleinigkeit wartet dort nur darauf, entdeckt zu werden. Und dann habt ihr auch so einen kleinen Aufmerksamkeits- und Inspirationsanker wie ich. Ich bin gespannt, was ihr findet – oder längst für diese Zwecke benutzt.

Für die Typo- und Lettering-Fans unter euch:

Mein R stammt aus einem U-Bahn-Mosaik der IRT Line (heute die grünen Linien), deren Design unter Federführung von Squire Vickers entstand. Es gibt mehrere Vermutungen, welcher Font als Vorlage diente, und es liegt nahe, dass die Mosaikleger diese Inspiration letztlich an die Eigenschaften des Materials angepasst haben.

 

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