Eine „New York Minute“ rast nur so vorbei – einmal mit der Wimper zucken, schon ist sie vergangen. Denn in New York gehen die Uhren schneller: Theoretisch hat der Tag zwar auch dort 24 Stunden, praktisch aber passiert so viel in dieser Zeit, dass scheinbar mehr Minuten pro Stunde vergehen als anderswo.

Das fällt besonders denjenigen in einem solchen Anderswo auf, wo die Menschen Uhren noch richtig ticken. Und daher kommt die Idee der New Yorker Spezialzeit.

Die New York Minute stammt gar nicht aus New York

Aus Texas, um genau zu sein. Dort verortet die Dictionary of American Regional English (DARE) um 1967 herum die erste Aufzeichnung des Begriffs „New York Minute“ als Synonym für eine sehr kurze Zeitspannung. In Sätzen, die anfangen mit „das dauert nicht länger als“ oder „ich bin in … fertig“ sagen andere Leute aus allen Teilen der USA damals allerdings viel, viel öfter „minute“, „jiffy“ oder „second“.

Kurze Wörter, es soll ja schnell gehen. Blumiger geht es natürlich auch. Zum Beispiel geht ein „sneeze“ ja auch ganz schnell. Oder ein „snap of your fingers“. Ich finde „two shakes of a lamb’s tail“ (quasi: ehe das Lamm zweimal mit dem Schwanz gewedelt hat) ganz reizend, das in diversen Variationen existiert. Zum Beispiel „shake of a dead sheep’s tail“ – ob da zwischen den Zeilen so was wie „kommste heut‘ nicht, kommste morgen“ steckt?

In dieser Sammlung erscheint die New York Minute zum ersten Mal (was öffentliche Aufzeichnungen betrifft), und dann breitet sich die Formulierung offenbar aus. Bereits 1976 hieß ein Rennpferd in Maryland „New York Minute“.

Was soll das denn heißen, eine New Yorker Minute?

Binnen einer Minute, so sagen manche, kannst du in New York dein Glück machen, es wieder verlieren und schon eine neue Idee verfolgen, wie du auf die Beine kommst.

New York Minute - U-Bahn-Kunst Dickson

Keine Zeit in der U-Bahn: Einer der „Revelers“ von Jane Dickson. U-Bahn-Kunst an der Haltestelle Times Square – 42nd Street.

Man kann die New York Minute auf viele Weisen erklären. Eine der bekanntesten Definitionen der Spezialzeit findet sich 1984 in der Dictionary of American Regional English, wie der britische Sprachexperte Michael Quinion auf seiner tollen Website World Wide Words so schön beschreibt:

Immediately. Equates to a nanosecond, or that infinitesimal blink of time in New York after the traffic light turns green and before the ol’ boy behind you honks his horn.

Steilvorlage für Kunst, Kultur und Komiker

Manche schreiben diese Definition auch dem legendären Talk Show-Host Johnny Carson zu – da ist der hupende Typ an der Ampel dann aber ein Taxifahrer, versteht sich. Die New York Minute hat die Welt der Unterhaltung immer wieder inspiriert. Es gibt einen beknackten Film mit diesem Titel ebenso wie einen Song von den Eagles. Und auch die Kunstwelt lässt sich vom New Yorker Tempo beseelen.

„New York Minute“ heißt eine Video-Installation, die Gabe Barcia-Colombo für die New Yorker Verkehrsbetriebe MTA erdachte: Als Kontrast zu den Menschen, die eiligen Schritts durch die U-Bahn-Haltestelle Fulton Street wuseln, zeigt er New Yorker in Zeitlupe. Doch das half nicht.

Barcia-Colombo war zwar blitzschnell zur Stelle – und der erste, der nach der Eröffnung im November 2014 die hochmodernen Bildschirme in der neuen Haltestelle bespielte. Inzwischen ist das Spektakel der Langsamkeit aber schon wieder verschwunden. Nicht in einer New York Minute, aber vermutlich schneller als anderswo.

Und ehe ihr jetzt herumkrittelt, dass man doch bitteschön auf so eine Hektik nicht auch noch stolz sein soll: New York lässt sich nie auf nur eine Sache festnageln, dazu leben viel zu viele unterschiedliche Menschen in der Stadt. Und deshalb hat sie auch mehrere gefühlte Zeitzonen.

New York ist nicht immer nur schnell

„Are you still on Rockaway time?“ Das „m“ verabschiedet sich atemlos, als der Mann sich schon zum Gehen wendet. Sein Begleiter hastet mit wehendem Schnürsenkel hinterher. Offenbar hatte er nicht gewusst, dass sein Chef erwartet, in Manhattan die innere Uhr umzustellen.

Draußen in Rockaway haben sie Zeit, und sie nennen sie oft sogar beim Namen: „Rockaway Time“. Für manche Bewohner der Halbinsel richtet sich die Uhr nach dem Wellengang des Atlantik – mal geht das Surfen vor, mal schaukelt ein nachbarschaftliches Geplänkel sich im Takt der Brandung hin und her. Da merkt keiner, dass Rockaway ein Stadtteil von New York City ist. Denn New Yorker … haben keine Zeit. Oder?

 

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