„Puh“, sagt die Frau, die mir bei ihrer Flucht nach draußen beinahe die Tür vor den Schädel gehauen hat, nicht zu mir („sorry“), sondern zu ihrem Begleiter. „That’s depressing.“ Vor wenigen Minuten hatte sie sich mir gegenüber hingesetzt und sich dort sichtlich unwohl gefühlt. Um uns herum sind alle schwer damit beschäftigt, auf Bildschirme zu schauen.

Im Coffeeshop am Computer arbeiten

Manche Menschen verlegen ihren Schreibtisch ins Café – in New York nennen wir es halt nur Coffeeshop. Die bezopfte Frau neben mir an dem langen Holztisch schreibt eine Seminararbeit für die Uni, der Typ mit dem knallgelben T-Shirt auf der anderen Seite bringt gerade seine Social Media-Marketinglisten auf Vordermann, und der Stirnrunzler da drüben haut ein Stakkato aus Firmen-E-Mails raus.

Das weiß ich, weil ich offenbar ein ehrliches Gesicht habe und diese Leute alle irgendwann ihre Brocken stehen lassen (auf die ich ein Auge werfe – darum haben die doch mich schließlich gebeten!) und aufs Klo müssen. Das kommt von dem ganzen Iced Coffee, den sie in sich hineinschütten. Müssen.

Sitzplatz gegen regelmäßige Bestellungen

Denn Coffeeshops müssen Geld verdienen, und die zumeist fünfstellige Monatsmiete fürs Ladenlokal kommt nicht zusammen, wenn alle Tische von Leuten besetzt sind, die sich acht Stunden lang an einem Kaffee festhalten. Dem ungeschriebenen Gesetz „Sitzplatz gegen regelmäßige Bestellungen“ folgen die Leute. Meistens.

Kaffee im New Yorker Coffeeshop

Manche kapieren den Deal auch nicht. Einige Cafébesitzerinnen begrenzen deshalb die Anzahl der Tische, an denen Computer, Tablets und so weiter erlaubt sind. Andere positionieren ihr Ladenlokal als computerfreie Zone. Und diverse Websites und Apps wie Escape Your Desk, Work From und Work Hard Anywhere helfen dabei, diejenigen Coffeeshops und Bars zu finden, die als Außenbüro in Frage kommen, eine gute Internetverbindung und viele Steckdosen haben.

Doch inzwischen treibt die Arbeitsnomaden-Bohème ihre Vorlieben ins Absurde. Sie simuliert das wuselige Umfeld eines New Yorker Coffeeshops jetzt nämlich auch anderswo.

Sounds of New York für den Kopfhörer

Wer das Hintergrundlärmen zum Produktivsein braucht, sich aber die Kaffeebudensitzerei nicht leisten kann oder nirgends einen Platz findet, der holt sich die passenden Geräusche ins heimische WG-Zimmer oder gar ins Büro (und natürlich den Coworking Space). Sounds of NYC heißt die dazugehörige Website: Jeweils drei Gastronomiebetriebe „kuratieren“ (!) dort Geräusche aus einem Viertel Manhattans.

Zu diesen Klängen braucht man gar nicht unbedingt zu arbeiten. Wenn euch also mal wieder die New York-Sehnsucht packt, macht ihr euch einen Kaffee oder Tee, schließt die Augen und versetzt euch nach Flatiron oder an die Lower East Side oder nach Harlem. Und wenn ihr euch innerlich lieber mit einem Laufkaffee durch New York sinnend seht, lauscht ihr einfach den Klängen vom Union Square oder dem Times Square.

Coffeeshop-Geräusche bei Sounds of NYC

Die Sounds of New York könnten glatt dem Hirn eines Coffeeshopsitzernerds entsprungen sein. Ich meine, der Typ da neben mir, der hat gar keinen Computer aufgeklappt, sondern die Füße auf den Tisch gestellt und … guckt vor sich hin. Oder horcht er?

Vielleicht. Doch hinter „Sounds of New York“ steckt bloß eine PR-Aktion, wie ich beim Herunterscrollen merke. Ein Start-Up namens Breather aus Montreal vermittelt Konferenzräume für Firmen, die ihren Mitarbeitern erst kein Büro geben und dann plötzlich merken, dass sie die Strategiesitzung schlecht in der Öffentlichkeit abhalten können. Der Sound der New Yorker Filialen dieser Firma ist bei Sound of New York natürlich auch vertreten: Dort ist es mucksmäuschenstill.

Wie wollen die denn da ihre Arbeit geschafft kriegen?

 



 

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