Wie das so ist mit großangelegten Kunstausstellungen: Die Werbung und viele Rezensionen stellen sie als „must-see“ hin – ein Muss für New York-Besucherinnen und Einheimische gleichermaßen, atemberaubend, einzigartig, magisch. Solcherlei Ausrufezeichenschnappatmung ermüdet, und ich mag den Bombast nicht mitmachen. Schließlich gibt es in New York jede Menge zu erleben, das stresst schon genug (ihr erinnert euch vielleicht daran, wie ich euch einmal „fomo“ erklärt habe?), und ich mag nicht zu einer Welt beitragen, in der alle von Muss zu Muss hechten. Wenn ihr das im Kopf behaltet, könnt ihr erahnen, was es heißt, wenn ich euch jetzt schreibe, warum ihr euch unbedingt die Kunst von Dale Chihuly im New York Botanical Garden anschauen sollt.

Chihuly New York Botanical Garden Glaskunst

Die Fotos da oben in der Bildergalerie lassen nur erahnen, wie es sich anfühlt, im Sonnenschein durch den New Yorker Botanischen Garten hoch droben in der Bronx zu spazieren und die seltsamen Glasgebilde zu entdecken, die Dale Chihuly ersponnen hat. Darf man bestimmt gar nicht sagen, ersponnen.

Schließlich gilt der 1941 geborene amerikanische Künstler als Anführer der Glaskunst-Avantgarde. Die Pilchuck Glass School, die er 1971 gegründet hat, findet heute noch regen Zulauf. Begonnen hat sie als Sommerexperiment.

Auf einem Baumschulgelände gaben die Mäzenin Anne Gould Hauberg und ihr Gatte John Hauberg dem Glaskünstler die Chance, mit wenig Werkzeug und in sehr einfachen Wohnverhältnissen andere Künstler zu … nun ja, unterrichten würden manche es wohl nicht direkt nennen. Einen Sommer lang experimentierten sie gemeinsam mit Glas, ohne viel Ahnung dessen, was die Glasbläsereien in Europa als Methoden verfeinert hatten, mit vielen Versuchen und ebensoviel Scheitern.

Während seines Interior Design-Studiums Anfang der 60er war Dale Chihuly erstmals mit dem Material in Berührung gekommen. Dass er später einmal an der renommierten Rhode Island School of Design den Umgang mit Glas lehren sollte, schien da noch unwahrscheinlich. Chihuly hatte keine Lust mehr auf sein Studium und setzte sich in den Kopf, in Florenz Kunst zu studieren. Bald schon streifte er durch den Mittleren Osten.

Einige Erfahrungen später kriegte er die Kurve zurück an die Uni. Nach dem Abschluss experimentierte er mit der Glasbläserei, was ihm in Nullkommanichts ein Stipendium einbrachte. Auf diese Art kam er im Jahr 1968 in die Venini-Glasbläserei auf der berühmten Murano-Insel in Venedig – und erlebte, wie man mit einem ganzen Team Glasblasen kann. Das sollte der Auftakt einer jahrzehntelangen Kunstkarriere werden.

Chihuly New York Botanical Garden

Glas prägte das Leben des Künstlers jedoch noch auf eine andere Weise. Bei einem Englandaufenthalt 1976 hatte Chihuly einen Frontalunfall – und flog durch die Windschutzscheibe. Das zersplitterte Glas zerschnitt sein Gesicht, und sein linkes Auge erblindete. Dennoch arbeitete er selbst weiter in der Glasbläserei, bis er sich bei einem weiteren Unfall an der Schulter verletzte. Mit Schrecken bemerkte er, dass er die Glasblaseröhre nicht mehr halten konnte. Seit 1979 lässt er deshalb andere Menschen seine Objekte herstellen. Was bei dieser engen Zusammenarbeit herauskommt, fasst Chihuly in einem Satz treffend zusammen:

The magic is in the light.

Kein Wunder, dass Chihuly sein Leben lang von Gewächshäusern fasziniert war – und eines Tages die Zusammenarbeit mit Botanischen Gärten suchte. In New York war er schon einmal, vor ungefähr zehn Jahren. Diesmal hat er 20 Installationen in unzähligen Einzelteilen mitgebracht – ich hätte ja zu gern gesehen, wie das ganze Glas verpackt war.

Chihuly, bis 29. Oktober 2017 im New York Botanical Garden, 2900 Southern Boulevard, Bronx, ca. 23 Dollar Eintritt, Anfahrt, Öffnungszeiten und Details auf der Website.

 

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