„Hey, how are you?“

„Good. Yourself? Oh, wait a minute … where’s the party today?“

„Haha. They won’t start still around five.“

Das ist ein typischer Dialog im Laden an der Ecke. New York ist nämlich, wie alle anderen Orte auch, ein Dorf. Wenn man die Augen und an geeigneter Stelle auch den Mund aufmacht.

Nach einer Weile in derselben hood nicken die Eckensteher, wenn du vorbeieilst (sofern du sie zuvor jedes Mal hartnäckig gegrüßt hast, und bis auf diesen einen, besonders sauertöpfischen), da grüßen Nachbarn, und sie tratschen auch (manchmal mit dir, höchstwahrscheinlich auch über dich).

Du weißt, wie deine Vermieter aussehen und die Minibrigade, die das Pfandgut aus den Mülleimern fischt. Die Leute gegenüber wissen, dass du total unregelmäßig das Haus verlässt, aber trotzdem fragt dich immer mal wieder jemand, ob du verreist, wenn du mit deinem großen Rucksack auftauchst, und dann winkst du mit dem Waschmittel und beschwörst deine Dreckwäschetragemethode. Das Personal im Waschsalon und in den anderen kleinen, inhabergeführten Läden, die sich zwischen dem großen Ketten an den Häuserblock klammern, kennt deine Bedürfnisse so gut wie die Datensammler in deinem Telefon.

Das ist keine Idylle. Freundschaften entstehen hier wie anderswo auch nur mit großem Bemühen, und Smalltalk reicht dazu nicht; es heißt, man müsse sich mindestens sechs bis acht mal getroffen haben, ehe so was wie eine Freundschaft entsteht.

Das mach mal in New York, wo alle immer busy sind. Gefühlte Trilliarden grüßen nicht mal in einem Treppenhaus, das so eng ist, dass eine auf dem Absatz stehenbleiben muss, um die andere vorbeizulassen. Und nach ein paar Jahren hat die Stadt auf mich abgefärbt. Ich bin eine Verabredungsamöbe geworden: schwer festzunageln und nicht weit in die Zukunft planbar.

In all diesen verwirrenden Gefühlen von Zuhausesein und Isolation steht sie wie ein Fels in der Brandung: die Bodega. Wo der oben angeführte Dialog stattfand. Mit Francisco, dessen Nachnamen ich bis heute nicht weiß, und er wüsste glaube ich nicht mal meinen Vornamen.

Bodega ist ein spanisches Wort, genauer gesagt entstammt es einer Sprache namens Nuyorican. Am Anfang hießen diese Eckläden nur in hispanisch geprägten Vierteln so; auch heute noch gehen manche zwar außerdem zum Korean grocery und zum deli, aber eigentlich ist bodega das allumfassende Wort dafür. Puertoricanische Einwanderer haben irgendwann damit angefangen, die Eckläden so zu nennen, in denen es alles von Bier und Zigaretten über Mehl und Kaffeepulver bis Kondome und Windeln gibt. Und ein Sandwich machen sie einem dort auch.

Bodega New York

In Deutschland gibt es so etwas Ähnliches. Kiosk, Bude, Späti oder so heißt das dann, aber es ist nicht hundertprozentig das, was wir in New York haben. Ich finde ja, es sind Tante Emma-Läden, allerdings heißt Tante Emma hier eher Onkel Hermano, weil viele der New Yorker Bodegas Menschen gehören, die aus Puerto Rico oder der Dominikanischen Republik stammen.

Dort kauft man das, was man im Supermarkt vergessen hat. Oder das, was man sich am Monatsende noch leisten kann. Oder schnell noch ein Feierabendbier, ein egg sandwich für unterwegs, und freitags natürlich ein Lotterielos. Einer meiner Nachbarn ernährt sich glaube ich komplett aus der Bodega (seht ihr: Tratsch!), und manche Leute wohnen beinahe dort. Vor allem im Winter.

Nach fünf hängen in der Bodega bei mir um die Ecke eigentlich immer ein paar harmlose, aber laute Trinker ab. Manchmal tanzen sie, und wenn ich hereinkomme und sie das sehen, hören sie damit auf. Toughe Türpolitik in deren Club.

Die Jungs hinter der Kasse gucken stoisch. Hinter ihren Gesichtern stapelt sich Wissen. Aber ich bezweifle, dass sie der Familie drei Häuser weiter erzählen, wie viele Süßigkeiten Oma ihren Kindern kauft.

Idylle ist Fiktion. Das hier ist Leben. Und da ist auch unter dem Tresen und hinter Türen Platz für Geschichten. In Ridgewood (an der Grenze von Brooklyn und Queens) gibt einer im Hinterzimmer dem ägyptischen Fernsehen Interviews über US-Politik. Anderswo hat die Polizei jemanden hops genommen, der unter dem Deckmantel seiner Bodega einen schwunghaften Drogenhandel betrieb.

Vor  70 Jahren kannte kaum ein New Yorker diese Art Laden. Heute gibt es mehr als 13.000 Bodegas in der Stadt, manche von ihnen haben jahrzehntelange Tradition.

Bodega Deli New York

Und jetzt stellt euch vor: Da sind so ein paar Heinis auf die Idee gekommen, sie müssten den Einkauf disrupten, nein, das Wort gibt es nicht, aber wenn es nach denen ginge, gäbe es das, nur dass die natürlich gar kein Deutsch sprechen. Ich mag Erfindungen sehr gern. Aber was diese Heinis da vorhaben, macht das Leben alles andere als besser.

Sie wollen … die Bodega automatisieren und ihre Automaten in die Lobbys von Bürogebäuden, Fitnesscentern und Wohnhäusern stellen. Damit schießen sie so weit am Thema vorbei wie es eine von einem Drittklässler berechnete Saturnrakete täte.

Es gibt doch schon vending machines, Automaten, aus denen man sich Süßkram oder Gold oder so was ziehen kann, und unzählige Slapstickszenen darüber, wie das nicht funktioniert. Jetzt soll ein solcher Kasten per App mit Abbuchungsautomatik zu öffnen und mit Kamera versehen sein, die dann erkennen soll, ob man Zahnpasta oder Snacks rausgenommen hat. Das funktioniert vielleicht besser als die mechanische Variante. Vor allem aber bin ich sicher, dass sich Daten über Chipstüten- und Deoverkäufe prima weiterverscheuern lassen.

Und nun ratet mal, wie die Heinis ihre Erfindung nennen? Bodega! Darüber regen sich New Yorker gerade fürchterlich auf. Ich glaube, dabei geht es nicht unbedingt um die Sorge, dass Automatisierung die Bodega verdrängen könnte. Schließlich gehen viele von uns da nicht nur zum Einkaufen hin, und es hat auch nicht jeder ein Smartphone oder ein Bankkonto. Aber da ist noch etwas anderes.

Die Bodega ist ein Symbol für den vielzitierten Melting Pot. Sie erinnert daran, wie sehr Amerika sich auf Einwanderer stützt, und was die mitbringen. In Mittel- und Südamerika und in der Karibik gibt es an fast jeder Ecke eine bodega. In New York sind sie manchmal mitten im Block.

Dass ein Start-Up sich nun das Wort für seine Zwecke krallt, kam in New York überhaupt nicht gut an. So schlecht, dass die Firma eine Art Entschuldigung veröffentlichte. Der Aufschrei brachte aber auch Schönes mit sich.

Bodega Cat

Weil diese App sich eine Katze als Logo erkoren hatte – so viele Bodega-Besitzer halten Katzen, dass die Tiere zum heißgeliebten Maskottchen der Läden an sich geworden sind – hat der New Yorker Radiosender WNYC eine lustige Webserie aus der Klamottenkiste geholt, in denen bodega cats ihre Gedanken enthüllen: Bodega Cats In Their Own Words. Die Folge mit einer Katze namens Snowball ist von Juni 2016.

 

Ihr habt immer noch nicht genug?

 



 

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