Zeit ist relativ. Was Einstein einst wissenschaftlich belegte, ist gleichzeitig eine Binsenweisheit – vielleicht vergesse ich sie deswegen so oft. Ein verflixt hartnäckiges „keine Zeit!“ schiebt sich in den Vordergrund, nicht als Gedanke, wohlgemerkt, sondern als eine Art invasives Lebensgefühl. So wie sich Wasserpest in deutschen Teichen breitgemacht hat oder Eichhörnchen in Manhattan, so droht mein inneres Gleichgewicht immer wieder von Pseudozeitdruck zu überwachsen.

Ich gehe über rote Ampeln, wie New Yorkerinnen das eben so tun. Realer Zeitgewinn: oft nur eine halbe Minute. Nur ganz selten fällt mir auf, dass ich mich dafür aufführe, als ginge es um Leben und Tod. Und wenn ich nicht aufpasse, tut es das sogar.

Mir entfährt ein Seufzer, wenn auf der Anzeige in der U-Bahn steht: noch sechs Minuten. Selbst wenn ich weiß, dass die Bahnanzeige an dieser Haltestelle so eingestellt ist, dass bei der Zwei-Minuten-Anzeige der Zug herbeirumpelt.

Überall in New York muss man warten. Mehr als achteinhalb Millionen Einwohner plus 60 Millionen Touristen im Jahr plus Myriaden von Berufsperndlern sorgen dafür, dass ich für einen Eistee genauso in der Schlange stehe wie für einen Gerichtstermin. Warten, warten, warten … das summiert sich. Und dann ist tatsächlich keine Zeit mehr!

Keine Zeit New York und Zeitdruck

Warten will gelernt sein. Und ich glaube, dabei hilft es, die Zeit zu relativieren. Sechs Minuten, vier Minuten, eine halbe Minute – beim Wettrennen, Eierkochen und beim Zahnarzt können das große Zeiträume sein. Beim Frühmorgensliegenbleiben, beim Buchschreiben und in der Baumschule sind lumpige Minuten zu klein.

Was ich mit meinen vier Minuten anstelle, macht einen Unterschied? Auch, würde ich sagen. Vor allem aber gedeiht der invasive Pseudozeitdruck, wo immer ich mir nicht selbst aussuche, was ich mit dieser kurzen Zeit tun will.

Als ich neulich einen Zeh verletzt hatte, humpelte ich zum Arzt. Weil ich quälend langsam voran kam, traute ich mich nicht, die Straße bei Rot zu überqueren. Mehr noch: Plötzlich fand ich es ganz erholsam, diese rote Hand an der Ampel zu sehen. Puh, Verschnaufpause für mich!

Auch ohne Schmerzen im Fuß ist Wartezeit doch eigentlich ganz nützlich. Sofern sie sich füllen lässt. Deshalb, so argwöhne ich, haben die New Yorker Verkehrsbetriebe MTA so vehement dafür gesorgt, WLAN in die U-Bahnhöfe zu kriegen – U-Bahnhöfe, wohlgemerkt, die  in den Augen vieler Fahrgäste allerlei Reparaturen dringender gebraucht hätten als Internetzugang.

Aber jetzt stehen New Yorker da verhältnismäßig friedlich am Gleis und tippen auf ihren Telefonen herum. Fühlen sich produktiv, weil sie E-Mails verschicken, während sie gerade zum dritten Mal in dieser Woche zu spät ins Büro kommen. Lesen Nachrichten im Netz und fühlen sich auf der Höhe der Zeit, die ihnen das New Yorker Verkehrschaos gerade stiehlt. Versinken so in Instagram oder Spiele-App, dass sie fast ihre Haltestelle verpassen.

Die Krux dabei: Viele geben diese Lieblingswartezeitbeschäftigung nicht auf, wenn es gar keinen Anlass zum Warten mehr gibt. Und das ist nicht ohne.

Casey Nestat hat bereits im Jahr 2012 mit einem lustigen Warnvideo gezeigt, was das Am-Telefon-Kleben auf den Gehsteigen New Yorks bedeutet. Und die American Academy of Orthopaedic Surgeons (eine Vereinigung der Orthopäden und Unfallchirurgen) hat eine Website voller Studien ins Netz gestellt, die sich mit „distracted walking“ befassen.

Das hat übrigens nicht zu meiner Fußverletzung geführt. Ich bin ganz profan zu Hause ausgerutscht – weil es schnell gehen sollte.

Wie sieht es bei euch mit dem invasiven Pseudozeitdruck aus? Wenn ihr mehr über das Verhältnis zur Zeit in New York erfahren wollt, hier 3 weitere Geschichten:

 

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