Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gedacht habe. Und gehört. Vor allem, wenn mal wieder jemand im Weg steht. In Gehirnwindungen meißelt er sich aber nicht bloß wegen der ständigen Wiederholungen, sondern weil er ein Filmzitat ist:

Hey, I’m walking here!

In aufgebrachtem Tonfall losgepoltert ist er ein Zitat aus dem Film „Midnight Cowboy“ von 1969. Besagte Hauptfigur, Joe Buck (gespielt von Joe Voight) läuft da in typischem New York-Tempo mit dem Gauner Ratso Rizzo (Dustin Hoffman) durch die Gegend und über die Straße. Obwohl die beiden sogar das korrekte Ampellicht haben, nimmt ein Taxifahrer Ratso dabei fast auf die Motorhaube, und der regt sich darüber mit eben jenem Zitat auf.

Diese fünf Worte sagen jede Menge über New York und die New Yorker. Und wie das so ist mit berühmten Zitaten und Filmen: Eine Legende windet sich wie ein Ehrenkranz drum. Filmfans und schnoddrige New Yorker ergötzen sich daran, dass die Szene so nicht im Drehbuch gestanden haben soll.

Walk. Don’t Walk. Drive. Improvise.

Der Taxifahrer soll demnach im Gewirr der Drehwiederholungen unbemerkt in die Szene hineingefahren sein, und Hoffman soll darauf spontan reagiert haben. In Deutschland hätte er vielleicht „Ey, ich hab grün“ gerufen, aber für Fußgänger gibt es diese Farbe ja in New York nicht, und damals war auf den Ampeln noch „Walk“ oder „Don’t Walk“ zu lesen.

Der Schauspieler hat die Legende jedenfalls bestätigt. Einer der Produzenten erzählte allerdings etwas anderes. Ich glaube, das Zitat hat sich aber gar nicht so sehr wegen der Legendenbildung in den Köpfen festgesetzt, sondern weil Fußgänger in New York diesen Ausruf bis zum heutigen Tag im Kopf oder auf der Zunge haben.

Dabei lässt sich das Laufen in New York auch ganz gelassen angehen.

Even in New York, walking to work is homey and folksy, like living in a small town.

Der Unterhaltungskünstler und Zauberer Penn Jilette (und die Hälfte des Duos Penn & Teller) hat eine ganze Weile in New York gelebt und fand es ganz gemütlich und geradezu kleinstädtisch, wie man in New York zur Arbeit läuft.

New York Zitate Walking Here

Drama für einen, der sich eine Stadt gern erläuft

Doch bei den Zugezogenen scheiden sich die Geister. Der Dichter und Dramatiker Federico Garcia Lorca war nach diversen Enttäuschungen ab 1929 für längere Zeit in New York, wo er eigentlich Englisch studieren sollte, vor allem aber schrieb. Seine Sammlung „Poeta en Nueva York“ erschien erst nach seinem Tod.

New York is something awful, something monstrous. I like to walk the streets, lost, but I recognize that New York is the world’s greatest lie. New York is Senegal with machines.

Schon klar, dass ein Theatermensch Drama großschreibt – nur das Drama der Großstadt passte ihm so gar nicht. Federico Garcia Lorca findet New York so grässlich wie ein Ungeheuer. Eigentlich läuft er ja gerne durch die Straßen, bis er nicht mehr weiß, wo er ist. Aber New York erkennt er dabei als die größte Lüge der Welt, als den Senegal mit Maschinen.

Der Vorteil der Reizüberflutung

Vielleicht könnten wir es auch Reizüberflutung nennen. Und ehe ihr euch jetzt doch noch mal überlegt, ob ihr durch die Straßen New Yorks streifen wollt, lasst euch aus berufenem Munde erklären, welchen Vorteil das hat. Der in New York lebende Schauspieler Jesse Eisenberg („Social Network“, „Batman v Superman“) liefert das letzte New York-Zitat zum Thema Durch-die-Stadt-Laufen:

I live in New York City, so there’s so much stimulation when you walk outside, it does not require a television in the home.

Herumlaufen in New York spart den Fernseher – das wäre glatt auch ein schönes Zitat.

 

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