In New York liegt das Gold manchmal auf der Straße. Abgesehen von den Myriaden Pennies, die ich schon aufgelesen habe, finde ich dort nämlich auch Inspiration. An einem Ort ballt sie sich sogar: ein Stück Straße, das sie den Library Way nennen.

Ganz in der Nähe von gleich zwei New Yorker Bibliotheken schimmern lauter Bronzeplatten im Gehsteig, die der Bildhauer Gregg LeFevre jeweils mit dem Zitat eines Poeten oder Schriftstellers über das Schreiben versah. Ende der 90er Jahre suchte eine Jury aus Literaturprofis und Bibliothekaren dafür mal ein Bonmot aus, mal ein Stück aus einem Interview. So wie bei dieser Tafel für Ernest Hemingway:

New York Library Way Hemingway

Für euch übersetzt:

Alle guten Bücher haben eines gemeinsam: Sie sind wahrer, als sie es sein könnten, wenn sie tatsächlich passiert wären. Und wenn man eines von ihnen ausgelesen hat, hat man das Gefühl, dass alles zu einem gehört, was einem je passiert ist und später passieren wird; das Gute und das Schlechte, die Ekstase, die Reue und die Trauer, die Menschen und die Orte und wie das Wetter war. Wenn du es hinbekommst, den Leuten das zu geben, dann bist du ein Schriftsteller.

Da legt Hemingway die Latte jetzt aber ganz schön hoch. So ist es recht. Dabei kannte er das Internet ja gar nicht, wo jedermann und jedefrau jede Art von Firlefanz veröffentlichen können. Und Unwahrheiten.

Nun würde Hemingway aber schimpfen: Positiv soll ich das schreiben, nicht negativ. Damit meinte er nun nicht, dass ich erst einmal in die Goldplastikhaut einer Winkekatze kriechen muss, ehe ich schreibe. Sondern ich soll auf meine Wortwahl achten. Wenn ihr „Unwahrheit“ hört, bleibt da „Wahrheit“ als Echo? Das sind die Tücken der Verneinung. Also, nix (ups!) mehr mit Fake News (oh, toll, News!!!).

Lügen ist ein positives Wort.

In dem Internet, das Hemingway gar nicht kennt, tummeln sich aber prompt neue Namen für Lügen. Ich läse jetzt gern einen Text vom Meister über das Wort „alternative facts“. Stattdessen diskutieren andere Leute öffentlich darüber, ob ein hohes Tier nun gerade Fakten falsch dargestellt oder gelogen hat.

Stranger than fiction.
(Bad Religion konnten davon schon in den 90ern ein Liedchen singen.)

Truer than if they had really happened.

Ob der LeFevre Hemingways Anspruch auch verflixt hoch fand? Oder steht die Schreibmaschine zufällig auf so langen Beinen? Ich glaube, wir müssen mal kurz die Nase aus einem dieser vorbildlichen Bücher heben.

Die sind das Ziel. Aber sie sind auch ein Endergebnis, und darüber vergisst man leicht, wie wir arbeiten. Ich jedenfalls bin Hemingway nicht nur für die Erinnerung an die Wahrheit dankbar, sondern auch für zwei Sätze, die er 1934 an F. Scott Fitzgerald schrieb:

I write one page of masterpiece to ninety-one pages of shit. I try to put the shit in the wastebasket.

Den Library Way findet ihr auf der East 41st Street zwischen Park Avenue und Fifth Avenue. Er läuft auf das berühmte New York Public Library-Gebäude zu (das Stephen A. Schwarzman Building), um die Ecke ist außerdem die Leihbibliotheksfiliale Mid-Manhattan Library. Mehr darüber – und alle Zitate auf einen Haufen – gibt es auf der Bücherei-Website.

 

619 alle Klicks 2 Klicks heute