Hat da doch eine Bar in New York eröffnet, die dem sogenannten Widerstand („The Resistance“) gegen Trump unter die Arme greifen soll – und wie heißt die wohl? Na, Coup!

Die Gäste sollen dort einfach etwas trinken und bezahlen, und der Gewinn dieses Geschäfts fließt dann an eine Organisation, die für von der neuen Regierung bedrohte soziale Anliegen eintritt. Das Prinzip klingt vielversprechend. Woher kommt bloß mein Unbehagen, als ich mir dort einen Drink genehmige?

Coup Bar gegen Trump in New York

An den Wänden hängen Packpapierrollen mit Zitaten und Sprüchen, die von Widerstand gegen Autoritäten künden. Aus der New York Times hatte ich schon erfahren, dass Barbesitzer Ravi de Rossi Künstler engagiert hatte, die die cleversten Protestplakate in Szene setzen sollten. Das sieht jetzt aus wie eine beliebige Deko in zeitgemäßem Lettering-Look.

Ich zucke zusammen. Bin ich jetzt etwa auf dem Weg zur Protestnostalgikerin? Selbstgemalt ist besser? Struppig werden wir die Welt verbessern? Noch komme ich nicht dahinter, was mich eigentlich so skeptisch macht.

Coup New York Getränkekarte

20 Dollar für Cocktails und Wein, 15 Dollar für ein Bier … Die Preise sind gesalzen, aber ich lerne schnell, dass darin bereits Steuern und Trinkgelder enthalten sind – und es ist ja auch für einen guten Zweck, nicht wahr?

Unter den Bieren finde ich ein Kölsch auf der Karte (über New Yorker Kölsch muss ich eigentlich auch mal etwas schreiben!), und da mein Begleiter ein Jeck ist, bestehe ich darauf, dass wir eins trinken. Zusammen mit den Gläsern (die wir ablehnen, der struppige, jecke Widerstand trinkt aus der Flasche! Oder was auch immer Flasche auf Kölsch heißt!) bekommen wir eine Holzscheibe pro Drink, die der Bartender „coins“ nennt.

Coup Coin zum Bier

Bei Coup soll jeder Drink einer sozialen Organisation helfen

Mit ihnen bestimmen wir, wohin das von uns ertrunkene Geld fließen soll. In der Bar verteilt stehen grüne Vasen, die als Holzmünzenbehälter dienen, und daneben warten zum Teil Informationen über die jeweiligen Organisationen.

Anfangs war das System noch nicht so ausgeklügelt und Gäste beschwerten sich, dass sie ja nun nicht jede coole Mission mit Vornamen kennen. Seither gibt es im Eingangsbereich eine Liste mit Kurzbeschreibungen der Organisationen des Monats.

Den Betreibern zufolge kommen zwei Arten von Nichtregierungsorganisationen als Empfänger der Getränkeprofite in Frage: Solche, die gegen die neue US-Regierung kämpfen – wie zum Beispiel die Bürgerrechtsbewegung ACLU, die bereits erfolgreich gegen den Einreisestopp für Bürger bestimmter Länder geklagt hat. Und Organisationen, denen eben jene Regierung den Geldhahn zudreht – wie zum Beispiel der Frauen-Gesundheitsorganisation Planned Parenthood.

Coup Bar NYC

Zur Auswahl stehen in diesem Monat die Vogelschutzgruppe Audubon Society und Citymeals on Wheels, das New Yorker Pendant zu Essen auf Rädern, außerdem die von Abschaffung bedrohte Kunstförderung National Endowment for the Arts sowie No Kid Hungry (erklärt sich von selbst) und Emerge America, das intensives Training für Frauen anbietet, die sich mit demokratischem Parteibuch für eine Wahl aufstellen lassen wollen.

Während ich überlege, in welche Vase ich meine Coup-Münze werfen soll, geht mir so langsam ein Licht auf. Ich ertappe mich dabei, wie ich durch das grüne Glas zu linsen versuche, um zu schauen, wer mehr, wer weniger coins bekommen hat.

Als ob Spenden ein Beliebtheitswettbewerb wäre: Heute sind Vögel total angesagt (schade, dass es in New York keine Flamingos zu schützen gilt!), morgen kriegt der NEA viel Presse, ach, und Kinder gehen ja sowieso immer in der Welt der edlen Spenderinnen?

Das, liebe Leute, ist überhaupt kein Problem, sondern das tägliche Brot der amerikanischen Fundraiser. Von kleinen, lokalen Graswurzelgruppen bis hin zu bekannten Organisationen und Einrichtungen wie der ACLU, der New Yorker Stadtbücherei NYPL, dem Metropolitan Museum of Art oder dem Radiosender NPR (National Public Radio) kennen sie alle die Statistiken auswändig:

Der Löwenanteil an finanzieller Unterstützung kommt in den USA weder vom Staat noch von den zahlreichen Stiftungen und Sponsoren, sondern aus individuellen Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Und das bedeutet eben auch Wettbewerb.

Coup New York

Bei Coup habe ich trotzdem ein ungutes Gefühl. Die Bar ist nun ja schon einige Wochen geöffnet, aber noch immer gibt sie keinerlei Informationen darüber heraus, wieviel Geld die ausgewählten Organisationen denn nun bekommen haben. Es ist nicht einmal zu erfahren, wieviel insgesamt für den guten Zweck zusammengetrunken wurde – obwohl an versteckter Stelle (in den FAQ) darauf verwiesen wird, die Zahlen stünden … auf der Website. Dort stehen sie aber nicht.

Stichprobenartig habe ich geschaut, ob denn die Partner-Organisationen ihrerseits freudig verkünden, wie toll Coup-Trinker sie unterstützen. Nada. Dabei geht das auch anders.

Auch Coup-Besitzer Ravi de Rossi weiß das ganz genau. Schließlich hat er im Interview mit Liquor.com – jau, an Trump kommt man hierzulande selbst auf Genuss-Seiten im Netz und in der Zeitung nicht mehr vorbei – verraten, woher seine Inspiration stammt: vom OKRA Charity Salon in Houston.

Das Restaurant gehört einem Mann, der genau wie de Rossi noch mehrere andere Lokale betreibt. Bobby Heugel hält jedoch direkt oben auf der Website von OKRA nach, was die Gäste schon für den guten Zweck verschnabuliert haben – und etwas weiter unten ist die Gesamtzahl aufgeschlüsselt nach Organisationen und Jahren. Das Lokal hat damit viel Erfahrung; es existiert bereits seit 2013.

Demonstranten als Marketing-Zielgruppe?

Ravi de Rossi sagt, vor Trump war er nie politisch engagiert. Allerdings bewegt er sich nun auf dünnem Eis. Coup ist verdammt durchgestylt, so wie man das bei einem themengebundenem Lokal erwartet. In Manhattan gibt es ja auch Tiki-Bars, Surfer-Kaffeebuden und eine „Der Dritte Mann“-Katakomben-Bar. In denen sitzt aber kaum jemand mit Sand zwischen den Zehen oder Angst im Nacken.

Das wirft die Frage auf: Steckt hinter der Politdeko ein ernsthaftes Anliegen oder hat da jemand die protestierenden New Yorker als demografische Gruppe ausgemacht, der man gezielt etwas verkaufen kann?

Coup Anti-Trump Bar New York

Pepsi hat das schon vorgemacht. In einem Werbespot ließ das Unternehmen das Reality TV-Sternchen Kendall Jenner vorspielen, wie es von einem schicken Model-Job wegläuft, um sich in einen Black Lives Matter-Protest einzureihen. Damit nicht genug: Dort reicht sie der Bereitschaftspolizei eine Dose Zuckerbrause und schafft damit den Weltfrieden. Die wirkliche Welt … sagen wir mal: wunderte sich. Im Handumdrehen musste Pepsi sich entschuldigen.

Ungefähr ein Jahr zuvor war die Getränkemarke Illegal Mezcal besser weggekommen. Sie hatte subversiv wirkende Trump-Silhouetten mit der Unterschrift „Donald Eres Un Pendejo“ (Donald, du bist ein Arschloch) in den Städten verteilt – unter anderem auch in Mexiko. Die Meinungen darüber waren gespalten, also längst nicht nur negativ. Glauben wir den Kleinen – wie Illegal Mezcal oder Coup – eher, dass sie es ernst meinen?

Ich bin gespannt, ob Coup noch offenlegen wird, ob und wieviel Geld tatsächlich an die Organisationen fließt, die den asozialen Plänen der Regierung etwas entgegensetzen. Eines schafft die Bar immerhin: Sie macht jeden Monat eine Handvoll dieser Gruppen sichtbar – für Leute, die ohnehin den Hintern hochkriegen ebenso wie für solche, die selbigen auf Barhocker kleben.

Coup, 64 Cooper Square (nahe Astor Place), East Village, Öffnungszeiten und Details auf der Website.

 



 

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