Ihr überlegt noch, oder? Ob ihr am Sonntag den Wahlzettel suchen, auf die Adresse starren und das Haus verlassen sollt, um zu wählen? Ich helfe euch, aus der Ferne sieht man die Lösung ja oft besser. Da gibt es Folgendes zu überlegen:

gar nichts.

Geht wählen. Ihr kriegt im Gegenzug nämlich was. Echt!

Ihr kriegt eure Ruhe, vor allem anderen (oooh ja, da kommen noch viel mehr Goodies!). Wenn ihr gewählt habt, könnt ihr in aller Ruhe weiter meckern, die Achseln zucken oder was ihr sonst so macht, wenn „Politik“ drübersteht. Wenn ihr nicht wählen geht, habt ihr dieses Recht mindestens für die nächsten vier Jahre verwirkt. Und nicht nur das. Ihr müsst dann – klaglos! – die ertragen, die andere für euch gewählt haben.

Wenn ihr dagegen wählen geht, könnt ihr außerdem hinterher jede Meinung haben, die euch in den Kram passt! Ihr könnt auch wegziehen, wenn euch Deutschland nicht mehr passt, oder verreisen, wohin ihr wollt.

Ihr könnt eure Freunde treffen, selbst wenn ihr dann eine Gruppe von mehr als drei seid, ihr könnt Bücher lesen oder studieren oder beides doof finden. Keiner wird euch diese Entscheidung wegnehmen.

Wenn ihr nicht wählen geht, kann es passieren, dass die anderen jemanden wählen, der euch all diese Dinge wegnehmen wird. Und ihr könnt dann nicht mal sagen, das hättet ihr nie gewählt, keine Versammlungen mehr, keine Ausreise, Bücher nur jenseits der Zensur, und keine Meinung, jedenfalls nicht ohne Angst.

Kurzum:

Wählen gehen gibt euch Freiheit.

Und Freiheit funktioniert nicht mit Perfektionismus. Freiheit will sich bewegen. Deshalb führt euch die Frage, wer denn zu 100 Prozent eure Anliegen vertritt, in eine Irre, die die Irren auszunutzen wissen.

Ihr braucht gar keine perfekten Kandidaten.

Ungefähr die richtige Richtung reicht erst mal. Das ist eben nicht Germany’s Next Topmodel, sondern das richtige Leben. Du triffst eine Entscheidung, und danach erst machst du das Beste draus. Wenn also keine Partei für dich perfekt ist, ist die nächstbeste das perfekte Mittel, um abzuwehren, was du so richtig scheiße findest.

Wenn dich nach der Wahl immer noch stört, was auch immer dich jetzt an den Kandidaten und Parteien stört, kriegst du sogar noch was im Gegenzug dafür, dass du am Sonntag bei egal welchem Wetter in dein Wahllokal gehst und zwei Kreuze machst:

Direkt danach kannst du dich für das einsetzen, was dir wichtig ist. Und nicht etwa heimlich oder anonym!

Sagt euren Volksvertretern, was sie machen sollen.

Das machen die dann, und wenn nur, damit ihr aufhört, sie damit zu nerven. Und falls sie Nerven wie Drahtseile haben, könnt ihr ihnen bei der nächsten Wahl zeigen, was ihr davon haltet. Ihr könnt euch auch auf die nächste Kommunalwahl vorbereiten mit euren Ideen dafür, was eure Politiker tun sollen, damit ihr sie wiederwählt – oder gleich selber antreten.

Das ist vielleicht an euch vorgerauscht, würde mich nicht wundern in dem ganzen Wust von News und Fake News und lahmen Slogans und Schlaftabletten im Anzug. Hier in New York bin ich heilfroh, dass ich die deutschen Wahlplakate nur in homöopathischen Dosen sehe, meistens in Spott-Tweets. Das ist erträglich und macht sogar ein bisschen Spaß. Und es ist total gefährlich.

Warum ich euch aus New York etwas zur Bundestagswahl sage

In dem Land, in dem ich lebe, wurde im letzten Jahr gewählt. Ich darf da nicht mitmachen, weil ich keine Amerikanerin bin. Aber ich habe gesehen, wie sie sich vor der Wahl lustig gemacht haben über den orangen Schreihals mit der roten Mütze, der keine Manieren hat und keine Ahnung. Seine Gegnerin war ihnen irgendwie zu uncool, die wollten sie nicht wählen, und die gewinnt ja sowieso, haben sie gesagt.

Ganz viele haben das gesagt. Auch die Umfragen. Und die Zeitungen. So wie sie bei euch jetzt auch sagen, die gewinnt ja sowieso.

Bei uns sind dann ganz viele mal schön zu Hause geblieben bei der Wahl. Das hätten sie vielleicht anders gemacht, hätten sie geahnt, dass ihr verächtliches Lachen über den Unaussprechlichen ganz viele andere dazu bewegt, wählen zu gehen. Und dann haben die den gewählt, und jetzt lebe ich, die ich überhaupt nicht wählen durfte, in einem Land, das von einem menschenverachtenden Zerstörer regiert wird.

Und noch immer lachen welche über den. Die haben Doktortitel oder Parteibücher oder einen Medienjob, und sie suchen Tippfehler in Tweets und Stilettohöhen bei Präsidentengattinnen und spotten, bis sie ins Lager kommen. Das wissen sie noch nicht, das mit dem Lager. Weil sie glauben, sie betrifft das ja nicht.

Aber ihr wisst es besser.

Ihr kommt wie ich aus einem Land, in dem die Leute schon mal dachten, och, ja, nee, das ist aber jetzt nicht so ganz die feine Art – aber es betrifft uns ja nicht. Und dann waren auf einmal die Nachbarn verschwunden.

Bei uns marschieren gut ein halbes Jahr nach der Wahl bewaffnete Rassisten durch die Straßen und sagen, sie würden jetzt die Versprechen unseres Präsidenten erfüllen. Gerichtszeichner eilen zum Weißen Haus, wo früher einmal eine freie Presse Videos und Fotos machte. Gewählte Extremisten versuchen diese Woche zum x-ten Mal, das bisschen Krankenversicherung zu beseitigen, das wir haben.

Ich lebe nach den Regeln, die Politiker aufstellen, die ich nicht gewählt habe. Das könnte eure Zukunft sein! Stellt euch das nur mal für einen Moment vor. Und dann fragt euch, was ich von Leuten halte, die sich ihre Politiker selber aussuchen dürfen, das aber absichtlich nicht tun und dann sagen: Ich fand die Kandidaten irgendwie alle nicht so pralle.

 

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