„Thank you for stopping“, sagt er, und mir ist nicht mehr ganz so peinlich, dass ich das nicht leger im Vorbeigehen erledigt habe, sondern erst mal gefühlte Stunden umständlich in meiner Tasche kramte.

Deren Inhalt hält sich akribisch an die für Taschen eingeführten Unterparagraphen von Murphy’s Law: Was du suchst, liegt stets ganz unten. Was du brauchst, wird von unnützem Zeug verdeckt und blockiert. Und solltest du versuchen, das Wichtige in Extrainnentaschen griffbereit zu halten, klemmt zuverlässig deren Reißverschluss.

Aber das macht nicht nur nichts, es hat diesem Mann sogar Freude gemacht. „Die meisten Leute sehen mich gar nicht“, sagt er. Ich glaube, er und ich denken in diesem Moment dasselbe. Die sehen dich schon, aber die gucken weg. Ich habe ihm Glück gewünscht und ihm dabei ins Gesicht geschaut, als ich ihm den Dollar in die Hand drückte, den ich so umständlich hervorgekramt hatte. Aus meinem Portemonnaie, in dem sichtlich mehr als ein Dollar steckte.

Ich sage ihm nicht, dass es dabei gar nicht speziell um ihn ging. Mein Gewissen funkte „Ey, ein Obdachloser! Und du hast heute noch keinen gesehen! Du weißt, was das heißt“, und ich hätte gern so getan, als hätte ich das nicht gesehen, aber das war ein ganz schöner Lärm in meinem Kopf. Genau gegen diesen Lärm habe ich die Regel erfunden, nach der ich handle: Der erste Bettler am Tag bekommt einen Dollar.

Ich denke seither nicht mehr drüber nach, ob ich nun diesem oder jenem Menschen etwas geben soll. Seit ich begriffen habe, dass es nicht an mir ist zu bewerten, wer meine Hilfe verdient, brauche ich nicht mehr dieser nervigen Jurytätigkeit nachzugehen. Wessen Rede in der U-Bahn war überzeugend? Oder sollen die Leute erst mal für mich singen oder tanzen, ehe sie ihren Preis gewinnen, und wenn, waren die unterhaltsam genug?

Die einfache Ein-Dollar-für-den-Ersten-Regel hat auch dazu geführt, dass ich mir nicht mehr die Seele verdunkle mit Misstrauen (Ist das eine echte Bettlerin? Wie viel Geld verdient der Junge eigentlich pro Waggon, ist das nicht mehr als Mindestlohn? Gibt die Frau das Geld hinterher für Alkohol aus?) und Arschlocherei (neuerdings bestimme ich darüber, wie andere leben und Geld ausgeben?).

Ich führe auch keine inneren Streitgespräche mehr darüber, dass ich leider nicht allen helfen kann (ach, und deshalb dann gar keinem oder wie?) oder wie gut ich diesen Monat verdient habe und ob ich mir das Geben leisten kann. Kann ich nämlich.

Einen Dollar am Tag kann sich glaube ich jede leisten, die ich kenne (hello, filter bubble!). 30 oder 31 Dollar im Monat für etwas zu sparen heißt für mich, nur jeden zweiten Tag eine Tafel Schokolade in mich hineinzuschaufeln (was möglicherweise am falschen Ende gespart wäre) oder alle drei Tage mal für eine kürzere Strecke zu laufen statt U-Bahn oher Bus zu nehmen (was ohnehin gesund ist, allein schon wegen der ganzen Schokolade) oder einmal in die Bücherei statt in den Buchladen zu gehen (was ich sowieso tue – na also!). No big deal.

Zu Thanksgiving fällt mir jetzt aber auf: Es gibt ein anderes Problem beim Geben, nämlich die Sache mit dem Bedanken.

Als der Mann, für den ich in meiner Tasche kramte (weil ich in meiner Unperfektheit mal wieder vergessen hatte, mir einen Dollar in die Jackentasche zu stecken), sich bedankte und sagte, das die Leute ihn sonst gar nicht wahrnehmen, da hab ich mich super gefühlt. So ein guter Mensch, diese Petrina!

Das finde ich okay, und ich glaube, das ist vielleicht so im Hirnhormonkosmos eingerichtet, damit wir als soziale Wesen funktionieren: Freudewellen ausstrahlen, sobald eine was Gutes tut, egal wie klein. Das Problem liegt knapp neben dieser Freude. Wenn Supertollmenschen wie ich (höhö) Dank erwarten.

Kaum machst du das, bist du nämlich nicht mehr großzügig. Daran habe ich schon hart gearbeitet. Ich gebe, weil ich geben will; nicht weil ich dafür ein gutes Gefühl kaufe. Meistens klappt das. Allerdings erwarte ich, dass man „danke“ sagt. So bin ich erzogen, und das erwarte ich von anderen, und da scheitere ich dann an der Erwartungslosigkeit. Interessanterweise passiert mir das nie bei den Dollargeschenken, da kann ich das. Mit Menschen, die ich kenne, mag ich dagegen nicht auf Dank verzichten.

Aber Großzügigkeit ist nicht die Overtüre zu einem einseitig vereinbarten Tauschhandel: Mit diesem Dollar/Gefallen/Geschenk nimmst du die Pflicht entgegen, etwas für mich zu tun. Nix da.

Großzügigkeit bedeutet: Du machst etwas, nur weil du es willst, egal, was dabei rauskommt. Weil es dir Freude macht, anderen das Leben leichter zu machen oder sie zu erfreuen. Und die Freude daran lasse ich mir ungern davon verderben, dass irgendwo in meinem Hirn der Gedanke rumnörgelt, dass ein Dankeschön ja wohl drin gewesen wäre. Aber das finde ich schwierig. Oder hat der Gedanke etwa recht? Wie macht ihr das?

 

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