Die kluge Wibke Ladwig von Sinn und Verstand hat mich gefragt, wie es inzwischen in New York aussieht – und ihre Frage an einen Beitrag von mir gepappt, der ein Jahr alt ist und die ersten Reaktionen New Yorks auf die Präsidentschaftswahl zeigt. Die kurze Antwort:

New York wehrt sich auf vielerlei Weise gegen Donald Trump und seine Regierung.

Das gibt mir Hoffnung und Begeisterung (juhuuu, wir schreiben Geschichte, ich bin Teil einer Bewegung!) und ein ständig nagendes schlechtes Gewissen (waaaah, ich hab mich hier nicht beteiligt und dort nicht geholfen und das da überhaupt erst hinterher mitgekriegt!). Wie alle wichtigen Momente im Leben bringt es außerdem mehr Fragen als Antworten.

Aber vielleicht könnt ihr mir ja helfen, das alles zu sortieren. Fragen wie Wibkes sind auf alle Fälle ein guter Anstoß. Ich schreibe euch auf, was ich in New York unter Trump wahrnehme – und ich hoffe, ihr findet noch mehr Quellen, denn mein Eindruck ist ja nur einer von vielen.

Nehmen wir mal den vergangenen Samstag. Da war Donald Trump in New York, um fundraiser zu machen. Das sind private, meist mit Essen verbundene Veranstaltungen, die irrsinnig viel Eintritt kosten, weil das Geld als Spende gedacht ist. Und damit die Leute das auch zahlen, muss eben ein Promi her. Barack Obama hat das für die Kasse der Demokraten gemacht, und jetzt ist eben Trump dran.

Gegenüber von einem Restaurant, in dem ein „Frühstück“ mit dem Präsidenten stattfinden sollte, warteten Hunderte Menschen auf die Fahrzeugkolonne. Zu allem Überfluss hatte Donald Trump gerade auch noch etwas möglicherweise Verfängliches in punkto Russlandaffäre getweetet. Ein Fest für Presse und Privatleute, die zeigen wollten, wie die New Yorker Donald Trump empfingen. Unter anderem skandierten die Demonstranten:

„New York hates you – lock him up!“

Mich nervt es, wenn so etwas die Schlagzeilen beherrscht. Klar, Sarkasmus und Schadenfreude können sich kurzfristig echt gut anfühlen, aber ich bezweifle, dass ein einzelner chant eine vielfältig motivierte Veranstaltung zusammenfassen kann. Und ich bezweifle erst recht, dass Hass als Grundlage für eine Wende zum Besseren taugt.

Curb Your Dog Here

Nur im Märchen leben alle glücklich bis zum Sanktnimmerleinstag, nachdem der Wolf oder die Hexe tot ist. Im Buch des Lebens geht die Geschichte danach erst richtig los: Ist der oder die Böse weg, wer kommt denn dann? Und was soll tun, wer das Sagen hat? Ihr könnt ja mal diese „Merkel muss weg“-Schreihälse danach fragen.

In solcherlei Geschichten wie oben sehe ich auch die Gefahr, dass das, was in New York gerade passiert, abgewertet wird. Statt Berichterstattung flackert als Amüsement vorbei: Guckt mal, so ein Theater, wenn der Präsi in seiner Heimatstadt aufläuft, das hat er jetzt davon! Zack, reiht es sich in die Videoflut ein. Da könnte man fast auf die Idee hereinfallen, Liken oder Meckern sei ein politischer Akt. Das hätten viel mehr Demonstranten sein müssen! Oh, warte, so ein Kommentar ist wie gemacht für ein Foto mit Slogan drauf. Und so schnell weggescrollt wie ein lustiges Tiervideo.

Was in New York passiert, ist aber weder possierlich noch für Sesselfurzer geeignet. Dass mehr als ein Jahr nach der Wahl immer noch Leute rausfinden, wo und wann Donald Trump in ihrer Stadt auftauchen wird, und sie dann eine Menge anderer Leute zusammentrommeln, um zu protestieren, das ist Arschhochkriegen – und ein Splitter in einem Kaleidoskop aus Aktionen, mit denen New Yorker der US-Politik etwas entgegensetzen.

Jeden. Einzelnen. Tag.

1. Es gibt nach wie vor Demonstrationen in New York.

Sie nehmen viele Formen an: zum Beispiel Protestkundgebungen gegen und Demos für etwas, fröhliche Benefizkonzerte für Opfer der Trump-Politik, ernste Schweigemärsche, Sit-Ins, Die-Ins, politisches Theater und an markanten Orten auftauchende Spruchbänder (Freiheitsstatue, Trump Tower) und Videos (Times Square).

Es gibt diese Aktionen auf der Straße. Und es gibt Leute, die es müde geworden sind. Oder die den Überblick verloren haben, was wann wo stattfindet. Aber New Yorker lassen sich nicht unterkriegen.

2. Anders als viele europäische Städte hat New York keinen großen Versammlungsplatz.

Demonstrationen sind deshalb immer auch eine Herausforderung für den Straßenverkehr (der in New York ohnehin problematisch ist).

Der Trump Tower, in dem der Präsident vor seinem Umzug ins Weiße Haus wohnte, ist für Demonstrationen ein Magnet. Dort versammeln sich auch Trump-Fans. In NYC sind sie in der Minderheit, aber sie sind da.

Weitere Orte, an denen häufiger politische Veranstaltungen stattfinden, sind etwa Battery Park (mit dem Blick auf die Freiheitsstatue für Einwanderungsthematik quasi prädestiniert), Tompkins Square Park, Washington Square Park und Stonewall National Monument (drei historische Orte des Widerstands), Columbus Circle (nahe Trump International Hotel), Grand Central Terminal (u.a. von Black Lives Matter bereits als Standort für Die-Ins etabliert) und Times Square (brauch ich euch ja wohl nicht zu erklären).

3. New York reagiert blitzschnell auf die neuesten politischen Entwicklungen.

Bestes Beispiel dafür war Trumps erster Versuch eines Einreisestopps. Kurz nachdem er eben jenen travel ban postulierte, stiegen massenhaft New Yorker in die U-Bahn und fuhren zum Flughafen JFK. Tagelang. Das nennt man dann emergency rally, und eben jene verbreiten sich meiner Beobachtung nach meist über Social Media und Mailinglisten.

Und es gibt immer noch viele, auch kleine, Aktionen, die direkt auf die Nachrichten reagieren, auch auf lokale Nachrichten. Letzte Woche zum Beispiel wurde ein Ausländer vom Flur eines Gerichts in Brooklyn von Mitarbeitern der Einwanderungsbehörde zwecks Abschiebung mitgenommen, woraufhin eine Gruppe Pflichtverteidiger das Gericht verließ und vor dem Gebäude einen lautstarken Protest anzettelte.

Außerdem haben sich New Yorker Aktivistinnen mit denen an anderen Orten vernetzt. So gehen zum Beispiel am kommenden Donnerstag landesweit und eben auch in NYC Leute für Netzneutralität auf die Straße – oder genauer gesagt: vor Filialen des Internetanbieters Verizon, dessen ehemaliger Chef jetzt die FCC leitet und dort die Regeln zur Netzneutralität kippen will.

4. Die mittel- und langfristigen Protestformen fallen weniger auf.

Steter Tropfen höhlt den Stein. So trifft sich etwa eine beharrliche Gruppe jeden Donnerstag vor dem Federal Hall National Monument, um die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens zu fordern.

Außerdem stehen von langer Hand geplante Demonstrationen an, die selbst Themen setzen, statt kurzfristig zu reagieren. So wird es zum Beispiel einen zweiten Women’s March on New York geben. Schon jetzt haben Tausende ihr Kommen angekündigt.

Zum Jahrestag von Donald Trumps Amtsantritt sind auch schon eine ganze Reihe von kleineren Aktionen auf den Straßen New Yorks bekannt. Darunter eine, die mich schon einmal faszinierte: Stare At Trump Tower.

5. New Yorker greifen zum Telefon, Stift, Sprechstundentermin

All diese bisher genannten Formen von Protest haben gute Chancen, von den Medien verbreitet zu werden. Sie können dann schlecht unter den Teppich gekehrt werden. Und sie zeigen der Regierung vom Präsidenten bis zum Personal der Abgeordneten, was Wählerinnen und Wähler von ihrer Politik halten. Doch nicht alles findet auf der Straße statt.

Viele New Yorker haben durch den Schock der Wahlergebnisse ihren Weg zur direkten Demokratie gefunden. Massenhaft rufen Amerikaner ihre Abgeordneten an, um ihnen bei konkreten Gesetzesvorhaben zu sagen, was Wähler wollen – und ein Jahr nach der Wahl steigt der Druck. Viele dieser Abgeordneten bangen um ihre Sitze im Kongress, die im nächsten Jahr zur Wahl stehen (wie auch einige Senatssitze und Gouverneursposten). Auch bei Ausschüssen von Kongress und Senat rufen viele US-Bürger an.

6. Die Wahl 2018 ist auch in New York ein Thema.

Einige stehen dabei auf dem Standpunkt: Hauptsache, wir wählen die Republikaner ab. Nach dem Motto: Alles ist besser als die. In der Stadt New York gibt es allerdings schon jetzt nur einen (Daniel Donovan in Staten Island) republikanischen Vertreter im Kongress.

Andere New Yorker denken über die Alternative zu den „Abzuwählenden“ nach. Sie setzen sich zusammen mit vielen Leuten aus anderen Teilen des Landes dafür ein, dass sich Menschen mit Rückgrat, Prinzipien und Ideen zur Wahl stellen, Unterstützung bei ihren Wahlkampagnen bekommen und lernen, wie man ebensolche aufzieht und wie das Tagesgeschäft in der Politik funktioniert.

In New York sind dabei unter anderen Kampagnen wie 21 in 21 (für den Stadtrat), Sister District (für die gezielte Unterstützung Gleichgesinnter in anderen Wahlbezirken/Bundesstaaten), und landesweite Initiativen wie New American Leaders, Run For Something und Emerge aktiv.

 



 

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