Von neun New Yorker U-Bahn-Stationen aus spielen Musiker via W-Lan ihren Teil eines Orchesterstücks ein – für den Kurzfilm „Signal Strength“. Anita Anthonj hat ihn produziert.

Vor leeren Klapptstühlen im Park steht ein Mann und dirigiert. Na und? Verrückte finden sich unter den mehr als acht Millionen Einwohnern New Yorks in Hülle und Fülle, und New Yorker wundern sich über so gut wie nichts. Aber auf diesen Verrückten zielt eine Kamera, und er selbst schaut auf Monitore. Würde man dem Dirigenten über die Schulter blicken, sähe man darauf Musiker in U-Bahn-Haltestellen spielen.

Den Konjunktiv können wir uns allerdings sparen: Der Blick über die Schulter ist eine Einstellung in „Signal Strength“. Schaut euch das an!

 

 

Die Idee dazu stammt von Regisseur Chris Shimojima und Produzentin Anita Anthonj. Im Interview erklärt sie uns jetzt mal, was dazu gehört, ein solches Projekt zu organisieren – und was es überhaupt heißt, Filme in New York zu produzieren.

Anita, wohin würdest du Filmfans schicken, die nach New York kommen?

Wenn jemand hier Filme machen will: Ich finde, das Schöne an New York ist, dass die Stadt sich immer, immer ändert. Du kannst jemanden in jedes Viertel hineinwerfen, und er kann da einen Film machen. Man muss einfach seine Augen offenhalten.

Filmproduktion in New YorkSo war das bei uns auch: Wir haben uns nicht irgendetwas Kreatives überlegt, sondern wir haben etwas gesehen, was da ist und was uns gefallen hat. Wenn du in New York einen Film machen willst, hältst du deine Augen offen. Und für Filmfans gibt es schöne Filme im IFC, BAM, Angelika, Lincoln Center.

Etwas sehen allein ist ja nur der Anfang. Du hast „Signal Strength mit entwickelt. Wie lief das ab?

Ich wollte schon ewig irgendetwas mit U-Bahn-Musikern in New York machen, weil ich sie einfach super finde. Und ich kannte Chris von einem Kurzfilmdreh letztes Jahr in Costa Rica, da war ich Schauspielerin und er Regisseur. Vor ein paar Monaten liefen wir uns zufällig über den Weg. Chris sagte, er wollte schon lange etwas mit Technologie und Musik machen, und ich erzählte ihm von Straßenmusikern. Und bumm!

Und zack, machst du eine Filmproduktion in New York. Erklär doch mal an diesem praktischen Beispiel, was eine Produzentin überhaupt macht!

Erst mal musst du überlegen, was du machen willst. Wir wollten zuerst die Musiker finden. Also gingen wir in viele U-Bahn-Stationen, hörten zu, und wenn wir jemanden mochten, gingen wir hin und sagten: „Hey, wir machen dieses Projekt, hast du Lust, mitzumachen?“

Jetzt kennst du dich ja aus: An welchem Ort finde ich am ehesten gute U-Bahn-Musik?

Union Square. Das ist eine riesige Haltestelle, irgendwo ist da immer Musik. Im Hauptteil sind meistens sehr gute Musiker, aber auch in dem langen Verbindungstunnel stehen fantastische Leute.

 

Union Square Subway Station

 

Und nachdem ihr dann dort und anderswo eure Musiker gefunden hattet?

Dann mussten wir jemanden finden, der komponiert. Chris kannte Ljova schon von einem anderen Projekt. Danach brauchten wir ein Team: für neun verschiedenen Haltestellen jeweils einen Assistenten und eine Filmcrew, plus ein Team im Bryant Park. Diese Leute zu finden und zu koordinieren war meine Hauptarbeit in der Pre-Produktion. Und sicherzustellen, dass sie alle morgens um halb sieben am Bryant Park stehen.

Was machst du als Produzentin denn am Drehtag?

Am Drehtag war ich die Haupt-Kommunikationsperson für alle Leute um mich herum: Wenn ein Musiker oder ein Kameramann ein Problem hatte, bekam ich eine SMS. Und damit ist der Job nicht erledigt: Danach war es meine Aufgabe, Medienanfragen zu koordinieren und zu gucken, ob wir mit dem Film Geld verdienen können.

Interview Anita Anthonj

Anita Anthonj
• wohnt in Carroll Gardens, Brooklyn.
• ist geboren in Freiburg, aufgewachsen in Offenburg im Schwarzwald.
• kam 2004 zum Schauspielstudium nach New York.
• arbeitet erst seit kurzem als Produzentin.
• schaffte sich aber früh Grundlagen (Achtung, Fun Fact!): Anita produzierte als Oberstufenschülerin im Offenburger Gymnasium die Theaterstücke „Dschungelbuch“ und „Der Zauberer von Oz“ – mit Fünftklässlern.

Wie würdest du deine Arbeit generell beschreiben?

Ich bin die Kommunikationsperson für alle. Alles zusammenhalten, das ist es, was ein Producer macht. Du sorgst dafür, dass alles irgendwie funktioniert, selbst wenn alles gegen dich zu laufen scheint, du wurschtelst im Chaos alles auseinander und hältst dabei alle ruhig.

Was war denn bei „Signal Strength“ ganz schön tricky?

Auch jeden Fall der Technik-Aspekt. In New York gibt es seit kurzem Internet in vielen Stationen. Wir haben mit unseren Handys da unten Skype-Verbindungen getestet und passende Stationen notiert. Wir haben auch mit Polizisten geredet. Es schien doch recht unklar, wann sie einen Musiker in der U-Bahn festnehmen und wann nicht. Uns haben sie zum Beispiel gesagt: Die Musiker dürfen dem Laufverkehr nicht im Weg stehen. Und Durchsagen dürfen sie nicht übertönen. Das leuchtet ein. Gleichzeitig ist es schon komisch: Ganz oft versteht man die Durchsagen ja ohnehin nicht. Wir haben jedenfalls entsprechende Stellen auf den Bahnsteigen gesucht.

Die Musiker sind es sonst aber gewohnt, allein zu spielen.

Die ganzen Musiker zu koordinieren, das war eine Herausforderung: Wir hatten nie eine Probe. Das erste Mal, dass sie alle miteinander gespielt haben, war am Drehtag. Wir hatten im Bryant Park eine Dreherlaubnis von sieben bis elf, also nur vier Stunden Zeit. Und wir dachten, wir müssen nur eine halbe Stunde aufbauen – es waren aber zwei Stunden. Aber als dann alles durch war, hat es super funktioniert. Wir haben sieben oder acht Takes gemacht.

Musstet ihr dabei mal abbrechen, weil etwas schiefging?

Nein, wir haben nie abgebrochen. Zwischendurch war mal die Verbindung weg zu einem der Computer, aber da hatten wir vereinbart: Spielt stets bis zum Ende.

U-Bahn-MusikWenn du jetzt wieder einen U-Bahn-Musiker siehst, passiert da etwas anderes als früher?

Auf jeden Fall! Ich gucke zuerst immer, ob ich ihn kenne, ob es jemand von unseren Musikern ist. Schon vor einem Jahr schrieb ich auf Facebook, wie sehr ich die Straßenmusiker liebe. Manchmal hast du einen Scheißtag, kommst in die U-Bahn und hörst ein schönes Lied. Das ändert deinen Tag, für mich zumindest. Ich hatte schon vor dem Film viel Respekt vor diesen Musikern, jetzt noch viel mehr. Das sind Künstler!

Was macht New York zur perfekten Stadt zum Filmemachen?

Wir haben etwas Verrücktes gemacht, und die Leute, die wir gefragt haben, ob sie mitmachen, haben Ja gesagt. Sie haben nicht gesagt: „Ach, das geht doch nicht.“ Ich finde, in New York sind die Leute so offen. Egal ob in der Finanzbranche oder in den Medien: Alle, die nach New York kommen, tun das, weil sie etwas machen wollen, sie haben Ideen. Und sie sind fearless – wie sagt man das am besten auf Deutsch?

Unerschrocken, würde ich sagen.

Die Leute machen einfach. Ich weiß nicht, ob das selbst in Berlin so ist. In New York ist es so hart, zu überleben, dass jeder, der hier ist, auch wirklich hier sein will. Und ich glaube, das setzt Energien frei, bei denen man nicht groß fragt, sondern man macht’s einfach.

 

New York ist tough

 

Unser Team ist ganz international, Ljova ist Russe, Chris ist Amerikaner mit asiatischem Hintergrund, ich bin Deutsche, unsere Musiker und Assistenten kommen von überall. Und irgendwie findet man sich. Das finde ich so schön. Du kannst genau die Leute finden, die auf dein Projekt passen. Das macht New York einzigartig.

Was hast du in New York gelernt?

Ich habe mit so vielen Leuten zu tun gehabt in New York, Leuten, denen es viel schlechter geht als mir, Leuten, die viel erfolgreicher sind als ich, und ich habe gelernt: Du hast nur ein Leben, und du kannst dich nicht mit allen um dich herum vergleichen.

Ich habe außerdem gelernt, dass man nett zu den Menschen sein muss. Denn in New York sind viele Menschen einsam, und wer nett zu ihnen ist, bekommt auch etwas zurück. Und du musst hier mutig dein Ding machen. Als ich herkam, hatte ich viel Angst, vor dem Leben, vor allem. Inzwischen habe ich keine Angst mehr.

New York hat mir beigebracht, dass die Welt dir zu Füßen liegt und du machen kannst, was du willst. Du wirst deinem Potenzial entweder gerecht oder nicht. Ich weiß nicht, ob ich meinem gerecht werde, aber ich bin sehr froh über all die Gelegenheiten, die ich bekomme, es zu versuchen. Ich habe das Gefühl, ich lebe so, wie ich es will. Ich weiß nicht, ob ich dieses Gefühl irgendwo anders auch hätte.

 

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