Die Frau erinnert mich sehr an eine Figur aus einer Fernsehserie. Ihr Gesicht, ihre Größe, ihre Haltung – nur dass die TV-Frau energisch ist, und sie hier strahlt eine Müdigkeit aus, bei der ich am liebsten sagen würde: Gehen Sie doch besser mal nach Hause, der Job ist doch jetzt viel zu viel für Sie. Aber ich bin ja nicht ihre Chefin, sondern ihre Kundin. „Passfotos können Sie da hinten in der Pharmacy machen“, hatte mir der Mann vorn an der Kasse der Drogerie gesagt. Deshalb habe ich die Frau am Pillentresen gefragt, wo man denn hier Passfotos bekommt. „Das mache ich gleich hier“, sagt sie. Pause. „Brauchen Sie welche?“

Ja, brauche ich. Sie schlurft ein bisschen hin und her und deutet mir dann den Weg in einen Gang. Vor dem Regal mit den Vitamintabletten hängt ein Stück weißer Vorhang, ich soll mich davor stellen, sie schiebt einen Stuhl beiseite. Mit einer kleinen roten Digitalknipse macht die Frau dann ein Foto von mir, während ich auf Shampoos und Bürsten schaue. Das Bild sieht ungefähr so aus, als hätte ich meine Kamera auf Armlänge gehalten und abgedrückt. Die Frau verschwindet hinter dem Tresen, holt Gerät, verharrt, dann holt sie Medikamente für einen der drei Leute, die da schon warten. Sie haben sich hingesetzt. Es dauert.

Während die Frau schließlich die Ausdrucke meines Fotos mit einer Schere bearbeitet und dann in ein Stanzgerät einhängt, kommt eine weitere Kundin. Sie hält ihr zwei Medikamente hin und fragt, was denn da der Unterschied sei. Mit bleischwerem Blick schaut die Frau kurz auf. „Das steht auf den Packungen, mit was das vergleichbar ist“, sagt sie. Nicht patzig, nicht genervt, einfach nur müde. „Danke“, sagt die Kundin. Eine andere will das Kopiergerät benutzen und fragt, ob die Seiten mit der Schrift nach unten oder mit der Schrift nach oben gehören. Die Frau hebt langsam den Kopf. „Sie müssen die reintun“, bringt sie heraus. Eine andere Kundin und ich sehen, was die Kopierfrau versucht. Die andere steht auf, zeigt ihr, dass man das Kopiergerät aufklappen muss, und sagt: „Und jetzt mit der Schrift nach unten.“

Schließlich sind meine Fotos fertig. Sie sehen gar nicht mal so übel aus, auch wenn sie Pass-Vorschriften nie und nimmer standhalten würden. Aber ich brauche ja keinen neuen Pass. Die Frau tippt in ihre Kasse, nimmt den Telefonhörer und sagt: „Ich brauche einen Kassierer.“ Schon kommt ein Mann herbei, dessen Energie mich beinahe erschreckt. Die Frau hat versehentlich nicht nur Passfotos, sondern auch die Gebühr für ein Fax eingetippt. Und das hat sie gemerkt. Er storniert es für sie.

Wieder einmal denke ich mir: Ich hasse es, wenn Deutsche sich über den Service hier beschweren. Es nervt zwar zugegebenermaßen total, wenn Winzigkeiten ewig dauern oder man gegen eine Wand aus „kann ich nicht, kenn ich nicht, geht nicht“ anlaufen muss. Aber es hat eben nicht jeder das Privileg eines Jobs, der die Rechnungen bezahlt. Und Doppelschichten fordern nun mal ihren Tribut.

Eine Grippeimpfung, die – wie in allen Drogerien seit Wochen – über dem Pillentresen groß beworben wird, würde ich mir hier trotzdem nicht geben lassen.

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