„Da wird mir doch wohl  noch ein besserer Weg einfallen“, dachte William. Wie sich der Harold schon wieder aufplusterte, das war doch einfach widerlich. Damals wollte er schon nicht anerkennen, dass William der kreative Kopf des Unternehmens war. Aber jetzt, mit dem Chrysler Building, würde William endlich die alleinige Urheberschaft für sich haben, ganz wie es sein sollte. Und auch in der anderen Frage würde er triumphieren. Das wäre doch gelacht.

1914 schien es William van Alen noch ein Glücksgriff, Harold Craig Severance kennen zu lernen. Als aufstrebende Architekten hatten beide es schwer in New York, und beide zog es zum Modernen. Da störte es nicht weiter, dass sie so unterschiedliche Persönlichkeiten hatten: Harold ließ seinen Charme mit der Gießkanne fließen, in Gesellschaft war er in seinem Element. William erging sich lieber im stillen Kämmerlein mit all den Ideen, die er hatte. Ein Wunder war das nicht.

Der Mann, der das Chrysler Building entwarf

Der spätere Erbauer des Chrysler Building wurde 1882 in Brooklyn geboren. Mit acht verlor er seinen Vater, seine Mutter heiratete bald wieder. Mit 16 fand William van Alen einen Job als Bürojunge bei einem Mann namens Clarence True – der baute Reihenhäuser auf der Upper West Side. Nach der Arbeit eilte William zum Pratt Institute, paukte, was das Zeug hielt, und das zahlte sich aus.

Eine Anstellung bei den Clinton and Russell Architecture brachte ihm 1902 einen Zeichenjob beim Hotel Astor am Times Square ein, und sechs Jahre später hatte er sich den Paris Prize erarbeitet – er beinhaltete ein Stipendium für ein Jahr im Atelier von Victor Laloux an der Ecole des Beaux Arts in Paris. Da fing sich William eine akute Liebe zum Modernismus ein, und zurück in New York war auf einmal alles anders.

William von Alen will kein Gesims kopieren

Altbekannte Architektur konnte William gestohlen bleiben. Er wollte nicht Säulen, Bögen und Gesims kopieren, bis New York alt aussah. Paris war echt alt, New York brauchte dagegen Neues. Also gründete William seine eigene Firma, und eine Weile später ging er eine Partnerschaft mit Harold Craig Severance ein. Der nämlich war gut in geschäftlichen Dingen.

Zuerst lief es super. Die beiden bauten ein Geschäftsgebäude und ein Bürohaus, und als William mit 34 heiratete, war Harold sein Trauzeuge. Erste Projekte zogen Aufmerksamkeit auf sich. Doch mit dem Erfolg brodelten auch Unterschiede über die Oberfläche.

William wollte Ruhm und Ehre für Bauten für sich, Harold wiederum hatte immer weniger Lust, die Kundschaft, die er heranschaffte, mit William zu teilen. Nach dem Bruch 1924 machten beide allein weiter. Und William hatte Schwierigkeiten, große Fische an Land zu ziehen. Aber das blieb nicht so.

Wettrennen um das höchste Gebäude der Welt

1928 hatte jeder der beiden Architekten ein Projekt, das das größte Gebäude der Welt werden konnte: Harold baute 40 Wall Street, damals auch bekannt als Bank of Manhattan Trust Building, und William hatte den Zuschlag für das Chrysler Building.

Geschichte des Chrysler Building von William van Alen

Harold plante eine Höhe von 840 Fuß (260 Metern), damit sein Haus das nahegelegene Woolworth Building überragte. Williams Pläne sahen zunächst nur 807 Fuß (246 Meter) vor, doch nachdem Automogul Walter Chrysler den Bau übernahm, ging es direkt höher hinaus: auf 925 Fuß (282 Meter). Chrysler wollte nämlich das nächste Gebäude der Welt bauen.

Auch Harold stockte seine Baupläne auf. Drei zusätzliche Stockwerke, paff, 927 Fuß, das sollte die Entscheidung im Rennen um den höchsten Wolkenkratzer werden. Das waren gerade einmal zwei Fuß mehr als das Chrysler Building – offener konnte die Beleidigung kaum ausfallen. Doch William ließ sich etwas einfallen, während die Arbeiter auf beiden Hochhäusern bei klarem Wetter vor Augen hatten, wie weit die Rivalen gerade waren.

Im Mai 1930 erklärte sich Harold zum Sieger. 40 Wall Street war fertig. Und das höchste Haus der Welt. Doch bereits seit Oktober wartete hoch oben im Chrysler Building eine böse Überraschung auf ihn. Vom 66. Stockwerk aufwärts ließ William eine ganze Abteilung ebenso fieberhaft wie heimlich an etwas Neuem schrauben.

Wie das Chrysler Building das Rennen doch noch gewann

Eine 125 Fuß (38 Meter) hohe Stahlspitze wartete auf ihren Einsatz. In vier Teilen war die Basis dieses Vorhabens angekommen, und nun war es soweit. Der Sockel war bereits aufs Dach des Wolkenkratzers geschraubt, dann schob sich der Rest der Spitze nach oben – der Legende nach schafften die Bauarbeiter das in 90 Minuten! – und brachte das Chrysler Building auf 1046 Fuß (319 Meter). Damit war es sogar höher als der Eiffelturm. William war also tatsächlich ein Weg eingefallen, seinen Erzrivalen auszustechen – ohne Stockwerke draufzusetzen, was der Typ ja bloß nur wieder gesehen hätte.

Doch der Triumph währte nicht lang. Harold mopperte, Williams Spitze könne nicht mitgezählt werden, weil sie ja gar nicht benutzbar sei, und er dagegen habe ja wohl richtige Stockwerke gebaut (und, ähem, Harold: eine Fahnenstange). Doch währenddessen balancierten die Bauarbeiter bereits sehr weit oben über der 34. Straße.

Kein Jahr nach seinem Sieg musste das Chrysler Building den Titel wieder abtreten. Das Empire State Building war am 11. April 1931 fertig – und 1250 Fuß (381 Meter) hoch. Mit Spitze sogar 1.454 Fuß (443 Meter). Doch seinen Stolz ließ sich William nicht nehmen.

Auf dem Ball der New Yorker Society of Beaux-Arts Architects erschien er 1931 als Chrysler Building verkleidet (Kollege Leonard Schultze kam als Waldorf Astoria, Joseph Freedlander als das Museum of the City of New York; alles Beaux-Arts-Architekten im Kostüm ihrer Entwürfe, zu sehen auf diesem herrlichen Foto).

Zum Schluss noch was fürs Auge:

In diesem Teil der PBS-Doku „New York“ gibt es irrsinnige Filmaufnahmen vom Bau des Chrysler Building.

 

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