Nur ein Spiel

Okay, es ist gar nicht zwölf Uhr mittags. Es ist halb acht. Morgens. Jetzt spielt Deutschland gegen Serbien. Und das will ich sehen. Die meisten Bars hier lassen sich etwas einfallen, um fürs Fußballgucken zu werben. Weil man das offizielle Logo ja nicht so ohne weiteres verwenden darf, hängen sie beispielsweise Fahnen aus aller Herren Länder nach draußen. Oder lassen Fußbälle in Netzen von ihrem Schild baumeln. Aber sie alle versprechen dasselbe: “Watch every soccer game here!” Und ich habe das geglaubt. Aber jetzt stehe ich da. Erst mache ich mir keine Gedanken, weil auf…

Kunst und Kohl

So ein Schlüssel zur Stadt öffnet Türen. In diesem Falle hatte ich dahinter Staub und Spinnen erwartet. Die geziegelte Scheune steht in einem Hof. Der liegt hinter einem Bahnübergang in der South Bronx. Das Gelände gehört zu The Point, einem sozialen Projekt, das der Jugend aus der Nachbarschaft eine Perspektive geben will. Mein Schlüssel passt ins Schloss. Mit einem beherzten Ruck öffne ich die Tür – und bin erstaunt, wie (relativ) hell es drinnen ist. Auf einer Staffelei steht ein Plakat, mit dem ich dazu eingeladen werde, nach Herzenslust zu malen. Das Bild soll ich…

Krisenwerbung

In New York gibt es sehr viele Kirchen. Und Tempel. Und Synagogen (die man, anders als in Deutschland, ohne Metalldetektortest betreten kann). Sogar Moscheen. Bei so großer Konkurrenz muss man sich etwas einfallen lassen, um Schäfchen zu horten. Deshalb hängt an vielen Kirchen außen ein Schaukasten mit Informationen, wann Gottesdienst ist, in welcher Sprache, und wer die Predigt halten wird. Einige lassen sich auch eine knackige Überschrift für das Thema der nächsten Predigt einfallen. Einer meiner Favoriten, den ich vor ungefähr zwei Jahren sah, war “Guess who came to dinner?” für einen Gottesdienst mit Abendmahl….

Moment mal:

Ölverschmutzung, Terroristen, UN-Resolutionen: Man kann derzeit über viele wichtige Themen hitzige Debatten führen in New York. Und dann ist da noch Mutter Theresa. Die Besitzer des Empire State Building lehnten die Anfrage ab, das Gebäude zu Ehren der Verstorbenen in weiß und blau zu beleuchten. Hintergrund: Religiösen Gruppen gibt man beim Lichterspiel kein Forum – Church und zumindest Empire State bleiben getrennt – und Mutter Theresa ist nun einmal eine katholische Ikone. Für diejenigen, die seit Tagen Zeter und Mordio schreien, ist sie anscheinend eher Popkultur. Da heißt es dann: Ach ja, aber eine DVD…

Alles Ehrenbürger

Ganz brav stehen wir hier an, nur um ganz kurz über den roten Teppich zu schreiten. Und dann dürfen wir an den Tisch treten, einander gegenüber, uns in die Augen schauen, die feierlichen Worte sprechen und den rituellen Tausch vornehmen. Reggie und ich kennen uns erst seit ungefähr einer halben Stunde. Man muss ja nicht gleich heiraten, wir haben keine Ringe getauscht. Aber die Schlüssel. Nicht die zu unseren Wohnungen, sondern gleich für die ganze Stadt. Das ist Teil des Projekts “Key to the City”  des Künstlers Paul Ramírez Jonas (der übrigens auch schon Ähnliches…

Woher der Humor kommt

Hier sind sie aufgewachsen. Es hängt kein Schild an der Seite, wie zum Beispiel an dem Townhouse weiter südlich, das Andy Warhol sich kaufte, als er cool genug war, um in eine schicke Gegend zu ziehen. Sie waren nicht cool, sondern Kinder, und arm obendrein. Mutter aus Ostfriesland, Vater aus dem Elsass, was soll da aus den Jungs werden im Amerika der Jahrhundertwende? Die Marx Brothers. Ganz in der Nähe hat der olle Carnegie sich ein Herrenhaus gebaut. Darin ist heute ein Design Museum (das Cooper-Hewitt) untergebracht. Bei den Marx-Brüdern dagegen kann man immer noch…

Studentenfutter

Zweimal in der Woche stehen sie vor der altehrwürdigen Columbia Universität. Sie sind Bauern, Kleinbauern, Öko-Idealisten und Weckglas-Künstler, und sie verkaufen frische (oder eben frisch eingekochte) Lebensmittel: Grüne Spargelbündel, dunkelrote Äpfel, gelben Honig, weiße Zwiebeln mit Grün dran, dunkel bekrustetes Brot, meistens gibt es irgendwo auch Fisch, Fleisch und Käse. Oh, und immer auch Pflanzen, Kräuter im Topf, zartrosa Geranien und, selbstverständlich: quietschgelbe Studentenblumen. Diese Bauernmärkte mit lokaler Ausrichtung heißen Greenmarket. “Grow NYC” organisiert sie überall in der Stadt. Und hier oben am Broadway kommen halt Studenten und Lehrkräfte durchs Tor. Heute allerdings ist es…