Alles Ehrenbürger

Ganz brav stehen wir hier an, nur um ganz kurz über den roten Teppich zu schreiten. Und dann dürfen wir an den Tisch treten, einander gegenüber, uns in die Augen schauen, die feierlichen Worte sprechen und den rituellen Tausch vornehmen. Reggie und ich kennen uns erst seit ungefähr einer halben Stunde. Man muss ja nicht gleich heiraten, wir haben keine Ringe getauscht. Aber die Schlüssel. Nicht die zu unseren Wohnungen, sondern gleich für die ganze Stadt. Das ist Teil des Projekts “Key to the City”  des Künstlers Paul Ramírez Jonas (der übrigens auch schon Ähnliches…

Woher der Humor kommt

Hier sind sie aufgewachsen. Es hängt kein Schild an der Seite, wie zum Beispiel an dem Townhouse weiter südlich, das Andy Warhol sich kaufte, als er cool genug war, um in eine schicke Gegend zu ziehen. Sie waren nicht cool, sondern Kinder, und arm obendrein. Mutter aus Ostfriesland, Vater aus dem Elsass, was soll da aus den Jungs werden im Amerika der Jahrhundertwende? Die Marx Brothers. Ganz in der Nähe hat der olle Carnegie sich ein Herrenhaus gebaut. Darin ist heute ein Design Museum (das Cooper-Hewitt) untergebracht. Bei den Marx-Brüdern dagegen kann man immer noch…

Studentenfutter

Zweimal in der Woche stehen sie vor der altehrwürdigen Columbia Universität. Sie sind Bauern, Kleinbauern, Öko-Idealisten und Weckglas-Künstler, und sie verkaufen frische (oder eben frisch eingekochte) Lebensmittel: Grüne Spargelbündel, dunkelrote Äpfel, gelben Honig, weiße Zwiebeln mit Grün dran, dunkel bekrustetes Brot, meistens gibt es irgendwo auch Fisch, Fleisch und Käse. Oh, und immer auch Pflanzen, Kräuter im Topf, zartrosa Geranien und, selbstverständlich: quietschgelbe Studentenblumen. Diese Bauernmärkte mit lokaler Ausrichtung heißen Greenmarket. “Grow NYC” organisiert sie überall in der Stadt. Und hier oben am Broadway kommen halt Studenten und Lehrkräfte durchs Tor. Heute allerdings ist es…

Pendeln mit Pedalen

Auf den ersten Blick erscheint es merkwürdig, dass dieses Plakat ausgerechnet in der U-Bahn-Station hängt. Auf den zweiten Blick ist es das nicht. Ich stehe an einer Haltestelle, die zum G-Train gehört. Die Linie hat es geschafft, dass Leute aus gewissen Teilen Brooklyns anfangen zu stöhnen, wenn man bloß einen Buchstaben sagt. G ist beinahe Synonym für Verspätung, Zugausfall, Warten auf den Shuttle-Bus. Deshalb habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich den Anblick dessen, was das Problem verursacht, wunderschön finde.

Warentausch

Auf die Kleider muss man aufpassen. Die sind sofort weg. Zur Saisoneröffnung im Brooklyn Yard veranstalten die Damen von Mean Red Productions “Score! The Pop-Up Swap”. “Swap” heißt “tauschen”. Bei der gleichnamigen Veranstaltung bringt man also Dinge mit, die man loswerden möchte, und nimmt sich dafür andererleuts Aussortiertes. Die Veranstalter haben eine Horde Helfer engagiert, die am Drop-Off die Frühjahrsputzopfer annehmen und vorsortieren. Dann bringen sie sie zu den Stationen, zum Beispiel Bücher und Medien (CDs, DVDs und so was). Und da nimmt man sich dann, was man haben möchte. Es ist wie Einkaufen ohne…

Wein in Bewegung

Vielleicht bin ich dadurch bloß besonders aufmerksam geworden, und es ist alles nur eine Frage der Wahrnehmung. Ich habe letztes Jahr Freunde damit unterhalten, dass es hier Wein mit dem folgenden Etikett  gibt (auch in Rot erhältlich): Aber ich sehe immer mehr Rezessionswein. Buchstäblich, so stand es als Werbung an einem Regal. Oder “10 under 10”, also zehn vom Laden empfohlene Weinsorten unter zehn Dollar, hübsch präsentiert und mit gewitzten Slogans und Beschreibungen versehen. Im nächsten Geschäft laden die Sonderangebote dazu ein, größere Flaschen zu kaufen (und werben mit europäischen Litern). Hinter mir betritt eine…

Achtung, selbstgemacht!

Ich hatte mir Piroggen immer viel krümeliger vorgestellt. Aber erstens schmecken sie trotzdem super, und zweitens garnieren sie das Bild vom Melting Pot so fein. Ich bin im Polnischen Heimatverein – oder wie auch immer so etwas in Deutschland heißen würde. Den gibt es seit gut hundert Jahren, und, Gentrifizierung sei dank, koexistiert er seit ein paar Jahren friedlich mit der Rock’n’Roll-Jugend, die den Stadtteil überschwemmt hat (was Probleme mit sich bringt; hier in der Nähe sprach mir und einigen Begleitern neulich eine Ureinwohnerin, die spätabends noch mal ihren Hund rausließ, ihr begeistertes Wohlwollen aus,…