Können Schnecken stolpern? Beim Women’s March 2018 in New York flimmert mir dieses Bild vor Augen. Da holpert der Handyempfang im Schneckentempo, quälend langsam und mit Datenschluckauf, nur um dann am Ende eine Fehlermeldung zu überbringen. Man könnte sich aufregen. Aber ich stelle mir vor, wie müde jemand aus Puerto Rico bitterlächelte, würde er davon hören.

Women's March 2018 New York

So viele Menschen sind zu dieser Demonstration gekommen, dass das Netz überlastet ist. Das drücken die Veranstalterinnen des Women’s March 2018 in New York irgendwann dann doch durch über den Kanal, der eigentlich die wichtigsten Updates befördern sollte.

Anderswo sitzen Leute mit bestem Empfang auf irgendeinem Sofa oder Schreibtischstuhl und lesen, was der Präsident so twittert. Und dann verbreiten sie das, wie ich später sehe. Kennt ihr das Gefühl, wie ein Fisch im Trockenen den Mund auf und zu zu machen, nicht weil ihr erstickt, sondern weil ihr was sagen wollt, euch aber die Spucke wegbleibt? So. So fühlt sich das an.

Diese Trump-Tweet-Einbinderei entgeistert mich. Als Journalistin habe ich gelernt, dass ich mit Zitaten umsichtig umgehen muss. Aus dem Zusammenhang gerissen können sie verfälschen, was mir jemand gesagt hat. Und ohne Kontext drumherum jage ich meinen Leserinnen mir nichts, dir nichts irgendeine ungeprüfte Behauptung, kackdreiste Werbung oder gar Propaganda in die Optik. Im Auftragsbuch steht aber Informieren.

Nun baut der US-Präsident die Stichworte „Women“ und „March“ in einen seiner Tweets ein, der alles drei enthält: auf Fabuliertes ruhendes Eigenlob mit autoritärem Pomp. Lüge, Werbung, Propaganda. Protest zur Siegesfeier umdeklariert und über wirtschaftspolitische Erfolge gelogen, was das Zeug hält. Das wörtlich zu zitieren dient der Information ungefähr so viel wie der Wetterbericht eines Schirmverkäufers auf Koks.

Women's March 2018 New York

In den meisten Berichten steht außerdem was von „Tausenden Teilnehmerinnen“ und „weniger als letztes Jahr“. In New York demonstrierten nach offizieller Schätzung mehr als 200.000 Menschen, und ja, das sind weniger als letztes Jahr. Bei dieser Lesart ploppt dann schön unter die Wahrnehmungsgrenze, dass in New York mehr Menschen demonstrieren, als wenn ganz Kassel oder ganz Potsdam oder ganz Saarbrücken auf die Straße gingen.

Zweitens ist NYC ist nur eine von mindestens 250 Orten in den USA, in denen es einen Women’s March 2018 gab. In Chicago etwa demonstrierten 300.000 Menschen, also 20 Prozent mehr als letztes Jahr (250.000). In Los Angeles waren es 500.000. Das allein ergibt für den Women’s March 2018 bereits mehr als eine Million Demonstrantinnen und Demonstranten.

Ein Jahr lang hat Donald Trump jetzt schon das Amt des US-Präsidenten besetzt, und es hört nicht auf. Viele Amerikaner bekunden immer wieder ihren politischen Willen, der sich nicht mit dem Gebaren der Regierung deckt, und ihr Protest reicht von laut und bunt bis unsichtbar, mit vielen Abstufungen und auffallend wenigen Nazis.

Women's March 2018 New York

Dass zum Beispiel nach wie vor viele Menschen ihre Bürgerpflicht bitterernst nehmen und per Telefon ihren Abgeordneten sagen, was sie von allen möglichen und unmöglichen Gesetzesvorhaben halten, macht zwar kaum Schlagzeilen, scheint aber bei eben jenen Abgeordneten für Bewegung zu sorgen. Aber wie das so ist: Großdemonstrationen binden Aufmerksamkeit. Das ist ist einer von mehreren guten Gründen für einen weiteren Women’s March.

Dieses Jahr spüre ich dort eine andere Stimmung als beim ersten Women’s March. Die Hoffnung ist noch da, aber sie muss sich ihren Platz mit Müdigkeit teilen. Vor einem Jahr machte es Mut, dass so viele Leute sagten: Das hier ist erst der Anfang. Jetzt sagen viele: Guck, wir sind immer noch hier.

Women's March 2018 New York

Der lange, harte Kampf ist nicht mehr nur ein Slogan, und Ausdauer will trainiert werden. Schön zu sehen, dass man das nicht alleine macht. Und wichtig, weil wie beim Fußball gilt: Was zählt ist auf dem Platz. Massendemonstrationen kann keiner ignorieren. Doch in New York zieht es dieses Mal weniger Menschen auf die Straße als beim ersten Women’s March.

Women's March 2018 New York

Das liegt zum Teil an der Richtung des Women’s March 2018. Es sind noch immer viele Anliegen vertreten, aber ein klarer Fokus liegt auf der Wahl im November – genauer gesagt darauf, dann Demokraten zum Wahlsieg zu verhelfen. Das ist eine Strategie. Doch dabei fällt vieles hinten rüber.

Women's March 2018 New York Women's March 2018 New York

 

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