Betsy Polivy läuft den lieben langen Tag durch Manhattan, sieben Tage die Woche. Das ist ihr Job. Und ihre Leidenschaft. Auf ihrer Website Manhattan Sideways listet sie auf, was sie auf den Querstraßen New Yorks entdeckt hat – jeden kleinen Laden, jede Bar, jede Kultureinrichtung. Ein kleines Stück weit habe ich Betsy begleitet. Das hört sich so an:

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Betsy Polivy

Betsy Polivy
aufgewachsen auf Long Island,
seit 2009 wieder in Manhattan,
lebt auf der Upper West Side,
hat keine Westentasche, kennt Manhattan aber wie eine ebensolche.

Eine ganze Weile lang hat Betsy New York nur aus der Ferne wahrgenommen. Im grünen Gürtel außerhalb der Grenzen von New York City zieht sie ihre beiden Kinder groß. 2008 entschließt sie sich, zusammen mit ihrem Mann wieder nach Manhattan zu ziehen. In der Zwischenzeit – und seither – verändert sich die Stadt. Drastisch.

Wie sich Manhattan verändert

„Ich glaube, jeder weiß, wie sehr sich New York verändert hat“, sagt sie. „Es ist so beängstigend! Läden schließen buchstäblich jede Sekunde. Es kommen auch neue hinzu, aber manche Ladenlokale stehen schon seit zwei oder drei Jahren leer.“

Abundance

Dieses Knallbonbon von Getränk hätte ich nie bestellt, ach, ich hätte von dessen Existenz nicht einmal geahnt, wenn Betsy nicht täte, was sie tut. Als wir uns für ein Interview verabreden und schon die ungefähre Gegend wissen (typische Logistik-Aufgabe für zwei durch die Stadt stromernde New Yorkerinnen), frage ich Betsy nach einem guten Treffpunkt und sage: Ich bin in Versuchung, bei Manhattan Sideways nachzuschauen.

Selbstredend weiß Betsy sofort ein Café, in dem man unbehelligt sitzen kann – nicht selbstverständlich, weil die Cafés und Restaurants ja ihre Miete zusammenbekommen müssen und die meisten deshalb auf schnell wechselnde Gäste setzen. Betsy schickt mir schnell den Link. Und da lese ich von “Abundance”.

Grüne Smoothies sind mir schnurz, aber ein Getränk mit Rote Bete als prominenter Zutat und so einem schönen Namen reizt mich doch. Und nun ziehe ich etwas durch den Strohhalm, dessen Farbe und Vitamingehalt in meinem Kopf keine Balance finden können.

Ich frage Betsy nach bestimmten Gegenden, in denen die kleinen Läden und Restaurants großen Ketten weichen oder leerstehen, nach Branchen, die davon besonders betroffen sind. Schließlich sieht sie das alles auf ihren Spaziergängen, und sie dokumentiert es auch. Aber mit Mustern kann Betsy nicht aufwarten. „Ich glaube, das verläuft ganz zügellos. Das heißt, man findet es überall.“

Yuta Powell

„Ich bin nicht passend angezogen“, sagt Betsy, und schon hören wir einer makellos angezogenen Dame zu, die ohne mit der Wimper zu zucken eine nette Bemerkung über Jeans macht. Wir stehen in einem Modesalon.

Die Geheimnisse der Querstraßen (und die Geschichten toller Menschen)

Und ich meine jetzt nicht eine Boutique mit einem antiquierten Namen. Bei Yuta Powell macht man einen Termin, schreitet die Stufen zu einem Townhouse hinauf, klingelt – und betritt einen Laden voller Stil, Stickerei und wilden Tieren.

Ich darf Manhattan Sideways bei der Arbeit begleiten, und dort haben Betsy und zwei Mitglieder ihres Teams – Olivia Harding, Autorin und Assistentin von Betsy, und Fotograf Tom Arena – einen Termin, aber nicht zum Einkaufen. „Ich will nicht nur alle Informationen, damit ich etwas über ein Geschäft schreiben kann“, sagt Betsy. „Ich habe ein echtes Interesse an der Geschichte dieser Leute. Und ich lerne so gerne.“ Was Betsy später über die Begegnung mit Yuta schreibt, könnt ihr hier nachlesen.

Nicht alle Menschen, die Betsy auf ihren Streifzügen besucht, erzählen ihre Geschichte einfach so. Später treffen wir so jemanden, der uns – nach Telefonaten, E-Mails und einem Termin für eben dieses Gespräch – mit verschränkten Armen gegenüber steht und dreimal nachfragt, ob ihn das am Ende nichts kosten wird.

Am Ende erzählt er trotzdem von dem verschlungenen Weg, auf dem er zu einem Restaurant kam, das nun schon seit 30 Jahren besteht. „Ich sehe zu, dass die Leute sich wohlfühlen, gebe mir Mühe, ihre Freundin zu sein“, sagt Betsy über das Geheimnis, wie sie all diese Geschichten sammeln kann. Was letztlich in welcher Ausführlichkeit auf die Seite kommt, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Mosaikboden in Manhattan

Ein Funke muss überspringen. Menschliche Wärme und spürbare Leidenschaft für das, was man macht – wann immer das rüberkommt, sehe ich Betsy nach dem Besuch besonders aufmerken. Alle Läden, Restaurants, Kultur- und Sozialeinrichtungen einer Straße sind später auf Manhattan Sideways zu finden. Aber nur ausgewählte Orte und ihre Besitzer bekommen auf der Website zudem eins der liebevoll geschriebenen Porträts. Das hat weniger mit Betsys persönlichem Geschmack zu tun als mit ihrer Mission.

„Warum machen Sie das denn?“, fragt der skeptische Mann schließlich, als er zu glauben beginnt, dass Manhattan Sideways keins der Ladenwerbung-Magazine oder Gutscheinhefte ist, bei denen man für eine Erwähnung zahlt.

„Ich trete für die Kleinunternehmen auf den Querstraßen Manhattans ein“, sagt Betsy. „Von der 1st Street bis zur 155th Street laufe ich jede Straße vom East River bis zum Hudson entlang und dokumentiere jedes Geschäft, damit die Leute davon erfahren, damit sie dort hingehen.“

Kinderbücher, Erinnerungen und eine neue Idee

Betsy brauchte eine Antwort auf die Frage, wie weit sie gehen würde. Die Antwort fand sie im Museum of the City of New York – in einer Ausstellung über die historische Stadtplanung. Was wir heute „grid“ nennen, das Kastenmuster der Straßen von Manhattan, verlief ursprünglich von der 1st Street bis zur 155th Street. Die macht sich Betsy zum Ziel.

„Ich kann kaum glauben, dass ich schon so weit gekommen bin“, sagt sie. Wir stehen auf der 79th Street, gegenüber haben ihre Eltern eine ganze Weile lang gewohnt, und in der Bibliothek, die wir gerade verlassen haben, hat ihre Mutter, die Biografin Natalie S. Bober, oft recherchiert.

New York Society Library

Die New York Society Library hat einen öffentlich zugänglichen Raum, der Rest ist für Mitglieder – die nicht nur Bücher ausleihen, sondern auch im wunderschönen Zeitungssaal schmökern und die Stille in den Schreibsälen und –zimmern zum Arbeiten nutzen. Gleichzeitig fällt Betsy und mir dort ein an die Wand geschraubter Bleistiftanspitzer auf. Ein Zufall. Oder eine Verbindung.

In dieser Bibliothek bleiben wir lange. Eine ausführliche Tour, viele Fragen, Menschenwärme. Und persönliches Interesse: Beim Warten hatte Betsy herausgefunden, dass eins der Bücher ihrer Mutter im Katalog steht – bei den Kinderbüchern. Die bunte Abteilung ist für sie auch aus einem anderen Grunde eine Reise in die Vergangenheit (hier geht’s zu der Geschichte, die Betsy über den Besuch in der Bücherei geschrieben hat).

25 Jahre lang hat Betsy mit Kinderbuchautoren und Illustratoren gearbeitet, 15 davon arbeitete sie als Agentin für 75 Buchautoren und Illustratoren im ganzen Land, brachte sie in Schulen, Büchereien und zu anderen Vortragsveranstaltungen. Das war ihr eigenes Geschäft – erwachsen aus einem Kinderbuchladen, den sie in den zehn Jahren zuvor besaß. „Den machte ich zu, als all die Buchladenketten sich breit machten“, sagt sie.

Nach dem Verkauf des Familienhauses und dem Umzug in eine Wohnung auf der Upper West Side fehlt Betsy der Platz, um ihr Kinderbuch-Veranstaltungsgeschäft weiterzubetreiben. „Ich wollte auch nicht von New York aus zu all diesen Schulen fahren, mich mit der Parkplatzsuche in Manhattan herumschlagen und so weiter“, sagt sie.

Sie findet es an der Zeit, dieses Geschäft gehen zu lassen. Und verkauft die Firma an eine Mutter, die in einer der Schulen die Autoren-Veranstaltungen leitete und zu einer Freundin geworden war. „Das erforderte schon eine gewisse Umstellung“, sagt Betsy heute. „Es hat aber auch etwas Reinigendes, wenn du alles weggibst und neu anfängst.“

Was die kleinen Läden und Restaurants aus dem New Yorker Stadtbild vertreibt

„Ich musste mir etwas Neues einfallen lassen“, erzählt Betsy. „Da ich selbst mal ein kleines Geschäft hatte, trug ich dies im Herzen: Ich mag Kleinunternehmen, sie sind mir wichtig.“ So schaut sie sich um und beginnt, die Querstraßen entlangzuwandern, Ladenbesitzer kennen zu lernen und ihre Geschichten zu hören. „Irgendwie machte ich das immer weiter“, sagt sie.

Schließlich sind es ihre Kinder, die sagen: Daraus musst du etwas machen. Und sie helfen. Sie bauen die Website auf, ihr Sohn kümmert sich ums Visuelle, ihre Tochter betreut heute noch die redaktionelle Seite. „Sie hat zwei Kinder, ein drittes ist unterwegs. Diese Aufgabe ist perfekt für sie, und ich wäre ohne sie aufgeschmissen“, sagt Betsy.

Seit mehr als vier Jahren läuft sie nun die Querstraßen von Manhattan ab, seit gut drei Jahren gibt es Manhattan Sideways. Systematisch arbeitet sich Betsy nach Norden vor, geht aber auch immer wieder durch Straßen, deren Läden längst auf der Website stehen. Und noch immer schockt es sie, wie viele von ihnen schließen.

„Das liegt an den durch die Decke schießenden Mieten, an den steigenden Steuern und der mangelnden Laufkundschaft“, sagt Betsy. „Zu wenige Leute kaufen in Querstraßen ein, unterstützen die kleinen Geschäfte, finden sie überhaupt.“

Laundromat Waschsalon

Immer wieder erzählt sie mir, wie viele leere Ladenlokale sie hier oder dort gezählt hat, was ihr die Menschen erzählt haben, die kurz vor der Schließung stehen. Manche ziehen um. Manche können sich das nicht leisten.

Das Thema Geld und Erschwinglichkeit prägt New York so sehr, dass es wehtut. Deshalb frage ich alle New Yorkerinnen, die ich interviewe, wie man eigentlich in dieser Stadt über die Runden kommt. „Ich glaube, ich bin ein gutes Beispiel dafür: Ich verbringe die schönsten Tage in New York, ohne Geld auszugeben“, sagt Betsy.

Geld ausgeben? Nur auf einer Querstraße!

Familie und Freunde kennen sie dafür, dass sie nicht auf den Avenues einkauft oder einkehrt. Mit Betsy muss es schon auf einer Querstraße sein. „Ich glaube, dass du so ganze Tage in New York verbringen kannst, ohne viel auszugeben. Man kann gut und gesund essen. Ich habe daran noch nie gedacht, aber ich könnte einen Ratgeber schreiben oder spezielle Touren machen, wie man in New York mit wenig Geld auskommt.“

Ein paar Sekunden schauen wir uns mit aufgerissenen Augen an. Dann lachen wir. Betsy macht bereits Touren, dafür hat die New Yorker Filiale von Google sie engagiert. Und weil sie auch schon Leuten Tipps für schöne Rendezvous-Orte gegeben hat, hatten wir darüber schwadroniert, dass darin sicherlich auch eine Geschäftsidee verborgen läge. Bis Betsy plötzlich fragte: „Aber willst du ernsthaft Tourguide sein?“

Anspitzer für Bleistifte

Betsy hat schon einen Beruf. Sie erkämpft den kleinen Läden, Restaurants und Kulturzentren in den Nebenstraßen Manhattans Aufmerksamkeit. Block für Block, Straße für Straße.

“Wenn ich dazu beitragen kann, Manhattan Sideways bekannter zu machen, nicht mich, Manhattan Sideways, dann bringt das am Ende die Leute dazu, diese Querstraßen zu erkunden und die kleinen Geschäfte dort zu beleben”, sag Betsy. “Das ist mein Traum.”

Schau dir selbst an, wie wunderbar Betsy Polivy mit Manhattan Sideways die Querstraßen der Stadt beschreibt – hier ein Link zur Website.