Fast verlobt

Ein Mann wirft mir einen gequälten Blick zu. Seine Tochter nimmt gerade ein T-Shirt in Empfang und zieht trotzdem ein Regenwettergesicht. Hier sind viele Eltern mit ihren Kindern. Und viele Leute, die so aussehen, als würden sie ihr halbes Leben vor dem Fernseher verbringen (schon schaltet sich der Rohrspatz in meinem Hirn ein: Klischeealarm!). Ich bin im Nokia Theatre am Times Square. Die Bühne ist längst umgebaut, eine Showtreppe wartet auf den Star, aber Adam Lambert lässt sich Zeit. Vor mir zickt aufgedonnerter Jüngling mit T-Shirt über Netzhemd seinen Begleiter an, der kurz darauf mit…

Alles Ehrenbürger

Ganz brav stehen wir hier an, nur um ganz kurz über den roten Teppich zu schreiten. Und dann dürfen wir an den Tisch treten, einander gegenüber, uns in die Augen schauen, die feierlichen Worte sprechen und den rituellen Tausch vornehmen. Reggie und ich kennen uns erst seit ungefähr einer halben Stunde. Man muss ja nicht gleich heiraten, wir haben keine Ringe getauscht. Aber die Schlüssel. Nicht die zu unseren Wohnungen, sondern gleich für die ganze Stadt. Das ist Teil des Projekts “Key to the City”  des Künstlers Paul Ramírez Jonas (der übrigens auch schon Ähnliches…

Woher der Humor kommt

Hier sind sie aufgewachsen. Es hängt kein Schild an der Seite, wie zum Beispiel an dem Townhouse weiter südlich, das Andy Warhol sich kaufte, als er cool genug war, um in eine schicke Gegend zu ziehen. Sie waren nicht cool, sondern Kinder, und arm obendrein. Mutter aus Ostfriesland, Vater aus dem Elsass, was soll da aus den Jungs werden im Amerika der Jahrhundertwende? Die Marx Brothers. Ganz in der Nähe hat der olle Carnegie sich ein Herrenhaus gebaut. Darin ist heute ein Design Museum (das Cooper-Hewitt) untergebracht. Bei den Marx-Brüdern dagegen kann man immer noch…

Wunderland

Ich bin in keinen Brunnen gefallen und muss durch keinen Tunnel kriechen. Aber ich finde mich in Situationen wieder, die mir niemand als sonderlich wahrscheinlich vorausgesagt hätte. Und sie alle haben mit Begegnungen zu tun. Und mit Alice im Wunderland. Der Reigen beginnt bei Alice’s Tea Cup, einem Café im Alice in Wonderland-Stil. Mit märchenhaften Kleidchen an der Wand und durchscheinenden Schmetterlingen unter der Decke. Und mit anständigem Tee. Dort treffe ich Mone. Ich kenne sie nicht, sie kennt mich nicht, und den Kontakt zwischen uns hat jemand hergestellt, den weder Mone noch ich je…

Katzenwäsche?

Gerade bin ich über die Brücke über den East River gelaufen, um auf Wards Island einen Lunch-Spaziergang zu machen. Auf der Insel steht das Manhattan Psychiatric Center, umgeben von einem hohen Zaun, einen Großteil vom Rest der Insel hat man seit Anfang der 90er zu einer öffentlichen Grünflache gemacht. Ich richte mich nach Nordwesten, auf der anderen Seite des Wassers ragen die rötlichen Wahrzeichen-Wolkenkratzer von El Barrio, der Verkehr vom FDR rauscht da drüben unbekümmert dahin, hier klingt es wie leichter Wind. Es ist es fast friedlich. Fast. Denn auf Wards Island sind heute fleißige…

Kaputt

Es ist eine der Parallelen zwischen New York und dem Ruhrgebiet (in dem meine Wurzeln liegen): Manche Leute, gar ganze Institutionen, engagieren sich dafür, aus verrottenden ehemaligen Industrieflächen etwas Schönes zu machen. Fresh Kills war eine der größten Müllkippen der USA. 2001 wurde sie geschlossen, nur kurz noch einmal geöffnet, um den Schutt vom World Trade Center zu verschlingen. Und jetzt versuchen sie, aus dem Gelände einen Park zu machen, der größer werden soll als der Central Park.  Die New Yorker Parkverwaltung denkt sich ohnehin viele Sachen aus, die man machen kann. Für Fresh Kills…