Pendeln mit Pedalen

Auf den ersten Blick erscheint es merkwürdig, dass dieses Plakat ausgerechnet in der U-Bahn-Station hängt. Auf den zweiten Blick ist es das nicht. Ich stehe an einer Haltestelle, die zum G-Train gehört. Die Linie hat es geschafft, dass Leute aus gewissen Teilen Brooklyns anfangen zu stöhnen, wenn man bloß einen Buchstaben sagt. G ist beinahe Synonym für Verspätung, Zugausfall, Warten auf den Shuttle-Bus. Deshalb habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich den Anblick dessen, was das Problem verursacht, wunderschön finde.

Warentausch

Auf die Kleider muss man aufpassen. Die sind sofort weg. Zur Saisoneröffnung im Brooklyn Yard veranstalten die Damen von Mean Red Productions „Score! The Pop-Up Swap“. „Swap“ heißt „tauschen“. Bei der gleichnamigen Veranstaltung bringt man also Dinge mit, die man loswerden möchte, und nimmt sich dafür andererleuts Aussortiertes. Die Veranstalter haben eine Horde Helfer engagiert, die am Drop-Off die Frühjahrsputzopfer annehmen und vorsortieren. Dann bringen sie sie zu den Stationen, zum Beispiel Bücher und Medien (CDs, DVDs und so was). Und da nimmt man sich dann, was man haben möchte. Es ist wie Einkaufen ohne…

All Ages

Ich habe schon so einige Schlachtrufe gehört. Nicht in einer Schlacht, zum Glück. Aber auf Konzerten. Neulich erst habe ich bei der Gelegenheit gelernt, was „Ausziehen, ausziehen!“ auf Englisch heißt. Das war recht ungewöhnlich (zuerst rief es ein Mann dem Sänger zu, dann stimmte ein hysterischer Frauenpulk ein, und schon gab es Sprechchöre, bis der europäische Musiker behauptete, in Amerika sei es illegal, wenn er jetzt sein T-Shirt fallen ließe). Aber das, was ich jetzt höre, finde ich einmalig. „Grandma, Grandma, Grandma!“ schallt es über den ausverkauften Rumsey Playfield im Central Park. Ein paar Sekunden…

Wein in Bewegung

Vielleicht bin ich dadurch bloß besonders aufmerksam geworden, und es ist alles nur eine Frage der Wahrnehmung. Ich habe letztes Jahr Freunde damit unterhalten, dass es hier Wein mit dem folgenden Etikett  gibt (auch in Rot erhältlich): Aber ich sehe immer mehr Rezessionswein. Buchstäblich, so stand es als Werbung an einem Regal. Oder „10 under 10“, also zehn vom Laden empfohlene Weinsorten unter zehn Dollar, hübsch präsentiert und mit gewitzten Slogans und Beschreibungen versehen. Im nächsten Geschäft laden die Sonderangebote dazu ein, größere Flaschen zu kaufen (und werben mit europäischen Litern). Hinter mir betritt eine…

Achtung, selbstgemacht!

Ich hatte mir Piroggen immer viel krümeliger vorgestellt. Aber erstens schmecken sie trotzdem super, und zweitens garnieren sie das Bild vom Melting Pot so fein. Ich bin im Polnischen Heimatverein – oder wie auch immer so etwas in Deutschland heißen würde. Den gibt es seit gut hundert Jahren, und, Gentrifizierung sei dank, koexistiert er seit ein paar Jahren friedlich mit der Rock’n’Roll-Jugend, die den Stadtteil überschwemmt hat (was Probleme mit sich bringt; hier in der Nähe sprach mir und einigen Begleitern neulich eine Ureinwohnerin, die spätabends noch mal ihren Hund rausließ, ihr begeistertes Wohlwollen aus,…

Wunderland

Ich bin in keinen Brunnen gefallen und muss durch keinen Tunnel kriechen. Aber ich finde mich in Situationen wieder, die mir niemand als sonderlich wahrscheinlich vorausgesagt hätte. Und sie alle haben mit Begegnungen zu tun. Und mit Alice im Wunderland. Der Reigen beginnt bei Alice’s Tea Cup, einem Café im Alice in Wonderland-Stil. Mit märchenhaften Kleidchen an der Wand und durchscheinenden Schmetterlingen unter der Decke. Und mit anständigem Tee. Dort treffe ich Mone. Ich kenne sie nicht, sie kennt mich nicht, und den Kontakt zwischen uns hat jemand hergestellt, den weder Mone noch ich je…

Katzenwäsche?

Gerade bin ich über die Brücke über den East River gelaufen, um auf Wards Island einen Lunch-Spaziergang zu machen. Auf der Insel steht das Manhattan Psychiatric Center, umgeben von einem hohen Zaun, einen Großteil vom Rest der Insel hat man seit Anfang der 90er zu einer öffentlichen Grünflache gemacht. Ich richte mich nach Nordwesten, auf der anderen Seite des Wassers ragen die rötlichen Wahrzeichen-Wolkenkratzer von El Barrio, der Verkehr vom FDR rauscht da drüben unbekümmert dahin, hier klingt es wie leichter Wind. Es ist es fast friedlich. Fast. Denn auf Wards Island sind heute fleißige…