Sie trifft ihre drei Freundinnen jede Woche beim Brunch und kommt in die tollsten Läden mit den trendigsten neuen Sachen. Sie sind alles anderes als junges Gemüse und stolz drauf.  Wer will denn schon unerfahren und großäugig durch New York stolpern; sie hat ja zum Glück auch gar keine Augen.

Sie heißt Kale und wechselt ihre Vornamen wie Carry Bradshaw ihre Existenzfragen. Ihre Freundinnen heißen Bok Choy (sie besteht darauf, mit Vor- und Zunamen angeredet zu werden), Cabbage („Ein Name. Wie Madonna. Ach, dafür bist du ja viel zu jung, Kindchen“, sagt die in jeder Vorstellungsrunde) und Mustard (geborene Greens; das hält sie aber gern im Dunkeln). Alles ganz tolles Grünzeug, aber ihre Fans wissen, dass Kale der heimliche Star ist. Also so heimlich eigentlich gar nicht.

Auf Deutsch würden sie alle Kohl mit Nachnamen heißen, sich beeilen zu sagen, dass sie mit Helmut keinerlei Wurzeln teilen, und dann mit ihren Künstlernamen ankommen. Gestatten: Grünkohl, Pak Choy, Weißkohl alias Kappes, Indischer Senf.

Jedenfalls: Brunch. Kale Salad, Braised Tuscan Kale, Kale Chips, Kale Juice Margarita. Da seht ihr grün. Wie schon gesagt, Kale ist überall ein gern gesehener Gast. Und bei Kale in the City geht es während des Brunch um dasselbe wie anderswo auch: das Liebesleben. Schließlich geht Liebe durch den Magen.

Mustard Greens schaut jedem Gürkchen hinterher, das liegt an der senfkörnigen Verwandtschaft. Bok Choy nervt mit ihrer ewigen Eifersucht auf Edamame. Die blöden Böhnchen lassen sich auf Hipster-Tresen als Snack kredenzen, während sie immer nur hinten in der Küche in die Pfanne gehauen wird. Trotz ihrer verführerischen Rundungen!

Cabbage hüllt sich in weises Schweigen. Auf die guten alten Zeiten schreddert sie mit Möhre in Coleslaw, hat beste Beziehungen zu den Russen, die Borscht immer mal wieder aufwärmen, und auf Kimchi sind die Foodies gerade ganz scharf. Cabbage hat schon alles erlebt. Trendessen hier, Traditionsessen dort. Ohne sie geht gar nichts, meint sie jedenfalls.

Für Kale lief das anders. Sie hatte eine ganz bequeme Dauerbeziehung und kam eigentlich nie in die City. Bis sie dann diesen neuen Job hatte (daher kennt sie auch ihre Brunch-Freundinnen). Ein Job als Vorzeigegemüse. Und zack, wollte auf einmal jeder mit ihr. Olivenöl, Tequila – you name it. Und überall hieß es:

Grünkohl – ach nee, Kale – ist der Trend in New York!

 

Kale New York Grünkohl

 

Aber, liebe Leute: Doch nicht mehr 2015! Als Nachricht ist das jetzt eher etwas, womit man Fisch einwickelt. Alt, grau und etwas matschig. Aber es dauert, bis es der letzte Mohikaner der Esskultur mitgekriegt hat (übrigens ist Winnetou tot, schon gehört?). Also trommelt immer wieder einer von denen was von einem grünen Trend. Gähn.

Da welken Kale vor Scham die Blätter. Strammstehen müssen selbige aber trotzdem, weil so manches New Yorker Restaurant sich daran festhält wie an einem Schwimmring. Also so einem Schwimmring um den Hüften ihrer Touristenklientel zum Beispiel. Aber nicht nur.

Schließlich verheißt Kale außerdem Imagepolitur. Sooo gesund! Da glänzt das Haar! Ein ganzer Kerl dank Grünkohl. Vegan, versteht sich. Oder gleich ab in den grünen Smoothie.

Diese ganze Trendanbetung finde ich unappetitlich. Deshalb möchte ich fast einen Bogen machen um das grüne Gedöns. Blöderweise gehörte ich aber schon in Deutschland zum Team Grünkohl, Gemüse sowieso. Eine Freundschaft fürs Leben. Die lässt sich von vorübergehenden Trends nicht erschüttern. Oder? Ooooder?

Seit in ich New York lebe, staune ich immer wieder über die Vielfalt an Blattgemüse (darüber habe ich hier schon mal geschrieben). Zum Beispiel die ganzen Freundinnen dieser Hauptdarstellerin aus Kale and the City. So viel zu probieren. Und bis auf die Sache mit den Amaranthblättern ist das ja bisher auch echt gutgegangen.

Und dann stelle ich auch noch fest, dass sich – entgegen meiner Vorurteile – Grünkohl als Rohkost tatsächlich kaufreundlich und furzarm gestalten lässt. Kein Wunder, dass Kale Salad so verbreitet ist!

Das liegt aber wohl auch an Staunmoment Nummer Zwei: Grünkohl ist nicht gleich Grünkohl. So wie Salat ja auch eine recht ungenaue Bezeichnung ist. Blatt, Eichblatt, Eisberg, Feld? Radicchio, Rucola, Batavia, Lollo Rosso? Tja.

Auf dem Bauernmarkt – und auch in vielen Supermärkten – bekomme ich Grünkohl nicht nur das ganze Jahr über, sondern auch in verschiedenen Ausführungen. Zum Beispiel Red Russian Kale. Oder Baby Kale (so wie Pflücksalat: zarte, junge, einzelne Blättchen). Oder Tuscan Kale. Der erinnert mit seiner Blattstruktur an Reptilienhaut oder Wirsing – ist ja im Grunde dasselbe, öhm. Jedenfalls hat er sehr viele Namen, darunter Lacinato Kale und Cavolo Nero. Selbst wenn man ihn Dinosaur Kale nennt, zuckt die Gemüsehändlerin nicht mit der Wimper.

„Eat your veggies“ oder „eat your greens“ alarmiert die Kinder ja höchstens, dass da jetzt was Schreckliches hinter dem Fleischklops lauert. Dinosaur Kale verspricht dagegen Jurassic Park auf dem Teller. Das kann ja ein schöner New York-Urlaub werden!

Und zack, hat unsere Freundin Kale beim Brunch mit ihren Freundinnen das Thema für ihre dieswöchige Kolumne gefunden. Müssen wir uns immer neu erfinden, um attraktiv zu bleiben?

Na klar. Und ordentlich rumkommen. Reisen bildet, dass das klar ist! Und berühmtmachten kann es auch. Nur über den Umweg nach Amerika ist Pizza schließlich zur Weltmacht aufgestiegen. Dass nicht nur einzelne Zutaten, sondern ganze Gerichte um die Welt reisen, darauf hat mich die kluge frauvogel neulich erst in einem ihrer Kommentare gebracht.

Deshalb jetzt mal eine kleine Gemüsereise: Kale kommt ursprünglich aus einer ähnlichen Gegend wie die Pizza. In Europa, am Mittelmeer, da wuchs Grünkohl schon zu unchristlichen Zeiten. Wie andere Kohlsorten auch wurzelt er im asiatischen Wildkohl, hatte also schon eine weite Reise hinter sich.

Die Schotten fanden Grünkohl übrigens super, weil er so schön widerstandsfähig ist – und essen ihren „kail“ schon seit mehr Generationen, als die wappengeschmückten Ahnentafeln zu zeigen vermögen. In Deutschland isst man Grünkohl ja auch am liebsten nach dem Frost. Und in die Neue Welt kam das Grünzeug offenbar mit englischen Siedlern und dann, locker zweihundert Jahre später, noch mal aus dem Norden, aus Russland via Kanada. Und nicht so kraus wie die englische Verwandtschaft.

Unser Dinosaurierkohl von da oben aus dem Weltherrschaftsanwärterbild verpasste allerdings beide Reisen nach Amerika. Er war überhaupt ein ganz schöner Spätzünder, es heißt, seine Reptilienhaut entfaltet sich erst seit dem 19. Jahrhundert – und das dann auch noch in Italien. „Wofür sie besonders schwärmt: Wenn er wieder aufgewärmt“ gilt für Grünkohl übrigens auch in der Toskana. Esst einfach mal ne Ribollita. Und danach gebt ihr dann damit an, dass ihr schon immer wusstet, dass dieses Grünzeug nicht nur mit Pinkel funktioniert.

Jedenfalls bin ich jetzt aber mal gespannt, ob Kale aus Amerika wieder nach Old Europe zurückkehrt und diesmal bis über die Alpen wandert, wo ihr doch offenbar alle so auf grüne Smoothies steht, das passt farblich ganz prima.

Damit wäre die Sache dann wohl gegessen.

Also ich könnte ich natürlich noch zeigen, wie ihr euch einen Kale Salad macht. Oder Kale Chips. Soll ich?