Nach Hanukkah und Weihnachten kommt Kwanzaa. Diese siebentägige Feier vom 26. Dezember bis 1. Januar, zu der es in den USA ebenso wie zu den anderen genannten Festen extra eine Briefmarke gibt, wurzelt stärker in Kultur als in Religion – was man zumindest vom New Yorker Weihnachten ja nun auch behaupten kann (mit dem von Deutschen in US-„Traditionen“ eingeführten Weihnachtsbaum, der Werbeerfindung Santa Claus und so fort). Aber Kwanzaa geht in eine viel besinnlichere Richtung.

In New York (wie auch in den restlichen USA und in vielen anderen Teilen der Welt) feiern viele Schwarze die 1966 vom amerikanischen Afrikanistik-Professor Mulana Karenga begonnene neue, afroamerikanische Variante eines Erntefests, das auf Traditionen aus verschiedenen afrikanischen Kulturen beruht – von den alten Ägyptern und Nubiern bis zu zu zeitgenössischen Feiern in Ländern wie Nigeria. Das Wort kwanzaa ist inspiriert vom Begriff mantunda ya kwanza, „erste Frucht“ auf Swahili, aber Feldfrüchte sind damit nicht gemeint.

Karengas Idee für dieses Fest kann sich jeder Mensch hinter die Ohren schreiben: Einzeln erreichen wir viel weniger als gemeinsam. Deshalb zielt Kwanzaa darauf auf, Schwarze zu einer Einheit zusammenzubringen, die auf das Gemeinsame in ihrer Geschichte blicken.

Stellt euch mal einen Moment vor, ihr lebt irgendwo und wisst nur, dass eure Vorfahren von irgendwo aus Europa stammen. Keine Ahnung, ob euer Temperament seine Wurzeln in Italien oder in Lappland hat, ob eure Vorfahren um einen Maibaum tanzten oder einen Abrahamskuchen zum 50. bekamen, ob sie Hanukkah, Weihnachten oder Eid Mubarak feierten. Als Kwanzaa in den USA entstand, wussten viele Schwarze dort nicht, aus welchem Land ihre Vorfahren entführt worden waren, und es gab auch so gut wie keine kulturelle Identität für Afroamerikaner.

Kwanzaa und die Frage nach der kulturellen Identität

Wie schwierig die Frage nach einer kulturellen Identität auch ohne solche Hindernisse ist, kennt ihr wahrscheinlich aus der immer wieder aufbrandenden Diskussion um die so genannte deutsche Leitkultur. Zumindest von New York aus betrachtet geht sie immer gleich aus: Es hat keiner eine Antwort. Aber die Frage stellen immer Leute, die politische Ziele haben.

Die auseinanderklaffenden politischen Ziele seiner Zeitgenossen wie Martin Luther King, Malcolm X und Marcus Garvey hat Mulana Karenga bewusst aus Kwanzaa verbannt. Stattdessen begann er eine neue Tradition, bei der Familien gesellschaftliche Werte und Ideale feiern und sich gleichzeitig auf ihre Herkunft und auf ihre Zukunft besinnen. Um diese neue Art von Gemeinschaft der Schwarzen in Amerika zu stärken, destillierte Karenga Nguzo Saba (die Sieben Prinzipien) aus den Werten afrikanischer Kulturen.

Zu Kwanzaa steht an jedem der sieben Tage eines dieser Prinzipien im Mittelpunkt, jede Familie zündet dafür zu Hause eine Kerze in einem Leuchter namens Kinara an und spricht über das Ideal des Tages. Sie tragen Namen in Swahili:

  • Umoja = Einheit
  • Kujichagulia = Selbstbestimmung
  • Ujima = Gruppenarbeit und Verantwortung
  • Ujamaa = Kooperative Wirtschaftlichkeit
  • Nia = Sinn & Zweck (oder Lebensziel)
  • Kumba = Kreativität
  • Imani = Glaube / Vertrauen

Wenn ihr selbst auch darüber nachdenken wollt, was diese Werte für euch bedeuten und wie ihr mit ihnen umgeht, schaut euch doch mal an, wie Mulana Karenga diese sieben Prinzipien genauer beschreibt.