Frederick Clarke Withers knobelt über dem Reißbrett. Egal, wie er es auch zeichnet: Ist eine Turmuhr dabei, sieht es sofort nach Kirche aus. „Wenn schon, denn schon“, denkt er sich und zeichnet weiter. Er hat Bilder von Neuschwanstein gesehen. Diese Türmchen!

Jefferson Market Library Turmuhr New York

Und es schadet ja nicht, wenn ein Gerichtsgebäude jedem, der eintritt, eine heilige Ehrfurcht einbläut. Schließlich gehört zum Dritten Distrikt New Yorks auch das gottlose Amüsierviertel, das sie Tenderloin nennen! Dass das Third Judicial District Courthouse, das er 1874 mit religiös anmutenden Elementen plante, später tatsächlich ein Tempel werden würde, konnte Withers ja nicht ahnen. Doch seit 1967 ist es ein Büchertempel und heißt Jefferson Market Library.

Jefferson Market Library Greenwich Village

Wenn ich weder in der Geschichte noch in New York, sondern in sozialen Medien unterwegs bin, sehe ich oft Lieblingsleseplätze. Man könnte meinen, Betten, Sofas und Liegestühle am Strand seien überhaupt nur erfunden worden, damit dort Bücher drapiert werden können. Und Kaffeebecher, auf jeden Fall Kaffeebecher zur Lektüre, zur Not auch Tee, und ein paar Kekse. So lese ich auch gerne. Aber Inspiration kommt anderswoher.

Im Lesesaal einer Bücherei frage ich mich immer, was die anderen wohl lesen – und warum! Verstohlen blicke ich auf Buchtitel, sofern jemand gnädig die Lektüre hebt. „Sing, Unburied, Sing“ von Jesmyn Ward erkenne ich glatt am Umschlagdesign. Das behalte ich aber für mich, ist ja kein Schwatzplatz, sondern ein Lesesaal (Kaffee gibt’s auch nicht, so!). Und in der Jefferson Market Library lauert obendrein buchstäblich in jeder Ecke Inspiration. Die sieht nämlich nicht nur von außen aus wie eine Kirche.

Bücher Jefferson Market Library

Manchmal gibt man eine Idee aus Angst davor auf, die anderen würden sie nicht verstehen. Die Jefferson Market Library gibt mir das Gefühl, Frederick Clarke Withers hat sich nicht beirren lassen, mehr noch: Ich glaube, er hatte so richtig Spaß daran, Gedanken aus den gewohnten Bahnen zu schubsen. In seinem Bau sieht alles so christlich aus, aber bei genauem Hinsehen … keine Spur von Jesus!

Jefferson Market Library Gerichtsgebäude

Die Herren da ganz oben über dem Eingangstor zum Beispiel haben sich nicht etwa zum Abendmahl niedergelassen, sondern ihr seht dort eine mittelalterlichte Gerichtsszene. Wo einmal Fälle von Prostitution bis Architektenmord verhandelt und streikende Näherinnen eingeschüchtert wurden, kann man heute Bücher ausleihen – und sich hinsetzen und lesen. Dabei sollte das Gebäude eigentlich abgerissen werden, nachdem das Gericht 1945 fortgezogen war und die falsche Kirche nach einigen Zwischennutzungen Ende der 50er Jahre nur noch von Ratten besucht wurde.

Doch engagierte Menschen um Margot Gayle und Ruth Wittenberg gründeten eine Bürgerinitiative mit dem schönen Namen Get the Clock on Jefferson Market Courthouse Started, und sie überzeugten schließlich die New York Public Library, den Prachtbau zur Büchereifiliale umzubauen. 1967 wurde sie eröffnet, und bereits in den 1970ern musste die Nachbarschaft erneut dafür kämpfen, dass sie erhalten bleibt.

Kirchenfenster Jefferson Market Library

Seither schmökern Kinder im Erdgeschoss, im 1. Stock haben Erwachsene ihre Lesesäle, im Keller liegen Tageszeitungen und Zeitschriften parat – und dort ist auch eine Sammlung seltener New York-Bücher beheimatet. Auch heute noch spürt man, wie sehr die Jefferson Market Library den Menschen von Greenwich Village am Herzen liegt. Die Lesesäle stehen zwar auch Nicht-Mitgliedern offen. Aber es ist gar nicht so einfach, dort einen freien Platz zu finden.

Jefferson Market Library

Jefferson Market Library, 425 Avenue of the Americas, Greenwich Village, Öffnungszeiten und Veranstaltungen auf der Website.